Kulmbach

Wie man in Kulmbach mit abgelaufenen Produkten umgeht

In Frankreich ist es Supermärkten gesetzlich untersagt, Lebensmittel wegzuwerfen, die noch verwertbar sind. Sie müssen recycelt oder gespendet werden. Kulmbachs Handel tut das bereits.
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Matthias Krug, Mitarbeiter des E-Centers Seidl, kontrolliert das Haltbarkeitsdatum. Was nicht mehr verkauft werden kann, geht an die "Tafel". Weggeworfen wird möglichst nichts. Foto: Silvia Vießmann
Matthias Krug, Mitarbeiter des E-Centers Seidl, kontrolliert das Haltbarkeitsdatum. Was nicht mehr verkauft werden kann, geht an die "Tafel". Weggeworfen wird möglichst nichts. Foto: Silvia Vießmann
Erinnert sich noch jemand an Ex-Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigners Vergleich mit dem Güterzug? Jener Zug, der von der Hauptstadt Berlin bis in den Ural reichte, würde man die Waggons allein mit all den Lebensmitteln beladen, die hier zu Lande in einem Jahr weggeworfen werden. Mit der Aktion wandte sich die CSU-Politikerin im Frühjahr 2013 gegen die unsinnige Verschwendung von Nahrung. Ilse Aigner kümmert sich derweil um Strom- statt um Bahntrassen. Und besagter (virtueller) Güterzug ist nie bestückt worden - weggeschmissen freilich wird Essen in Massen nach wie vor.

In Frankreich hat die Politik ein ähnliches Problem ausgemacht - und gesetzlich reagiert. Leben wie Gott in Frankreich heißt es ja - ein Werbeslogan, der vor allem an eines denken lässt: an gutes Essen, das sich die Franzosen durchaus etwas kosten lassen. Fakt ist aber auch: Auch die Franzosen entsorgen kräftig noch verwertbares Essen; pro Kopf und Jahr fast dreißig Kilo. Der Gegenwert: fast 20 Milliarden Euro.
Die Regierung möchte diese unsinnige Verschwendung von Lebensmitteln bis 2025 halbieren. Die mit großer Mehrheit verabschiedeten Maßnahmen sehen vor, dass die Händler jegliche Verschwendung vermeiden müssen: Unverkaufte Ware soll gespendet, als Tiernahrung genutzt oder als Kompost für die Landwirtschaft verwendet werden. Supermärkte mit einer Fläche von mehr als 400 Quadratmetern werden verpflichtet, ein Abkommen mit einer karitativen Organisation für Lebensmittelspenden zu schließen.


"Bei uns ist das gang und gäbe"

"Bei uns ist das gang und gäbe, da muss nach meiner Ansicht nichts juristisch festgezurrt werden, was so schon gut funktioniert", sagt Michael Seidl. Der Inhaber des E-Centers Am Goldenen Feld verweist auf die Kooperation mit der Kulmbacher "Tafel". Sobald für ein Produkt das ominöse "MHD", also das Mindesthaltbarkeitsdatum, naht oder erreicht ist, wird die Ware aus dem Regal genommen. "Die ,Tafel' übernimmt die Sachen und schließt mit uns einen Vertrag, der zugleich die Haftungsübernahme regelt. Denn dann sind wir nicht mehr zuständig, etwa dass die Kühlkette eingehalten wird."

Eine andere Möglichkeit, Produkte vor dem Mülleimer zu retten, ist es, sie in einem Extra-Regal zu günstigeren Preisen zu veräußern. Allerdings schränkt Michael Seidl hier gleich ein: "Vor allem Markenhersteller möchten das nicht. Diese Firmen nehmen die Produkte lieber zurück und erstatten mir den regulären Verkaufspreis."


"Tafel" ein dankbarer Abnehmer

Was aber macht die "Tafel" mit all den gespendeten Lebensmitteln? Immerhin spenden 40 Läden - vom Supermarkt bis zum kleinen Metzger - ihre überschüssigen Waren. "Die werden momentan sogar richtig knapp", sagt Elfriede Höhn. Die Flüchtlingswelle hat auch die Lebensmittelverteilung in der Blaich erreicht. "Wir müssen richtiggehend sparen, damit es für alle reicht." Trotzdem sind die Bio- und Restmülltonnen voll. Wie das? "Es tut mir in der Seele weh, Nahrung wegwerfen zu müssen. Aber leider bekommen wir nicht selten bereits verdorbene Lebensmittel, die wir leider nur noch entsorgen können."
Ein anderer Grund für den Wurf in den Müll: das so genannte Verbrauchsdatum. Das gilt für (in mikrobilogischer Hinsicht) schnell verderbliche Produkte wie Hackfleisch oder rohes Geflügel. "Wir dürfen aus Gründen des Gesundheitsschutzes diese Lebensmittel nicht mehr ausgeben, sobald das Datum erreicht ist." Leider würden gerade solche Waren von den Zulieferern der "Tafel" häufiger erst "kurz vor knapp" gebracht, wie Elfriede Höhn schildert. "Uns bleibt dann nur noch übrig, auf Nummer sicher zu gehen und die Sachen wegzuwerfen."
Die Mitarbeiter haben einmal überschlagen: Etwa 30 Prozent der gespendeten Lebensmittel sind für die Tonne. "Eigentlich eine Schande", sagt die Leiterin der Einrichtung. Vor allem Brot und Brötchen bleiben bei der "Tafel" in rauen Mengen übrig. "Die Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan essen unser Brot nicht, höchstens Fladenbrot."
Übrigens: Den Mitarbeitern ist es laut "Tafel"-Länderverordnung untersagt, nicht verteilte, aber noch verwertbare Lebensmittel mit nach Hause zu nehmen. Elfriede Höhn findet das angesichts der Flut an weggeworfenen Lebensmitteln "unsinnig" und hat deswegen einen Antrag gestellt, dieses Verbot aufzuheben. Ausgang? Offen. "Derzeit beschäftigt sich eine Kommission der ,Tafel'-Organisation damit. Ich bin gespannt, wie es ausgeht."
Die Franzosen gehen mit ihrer von der Nationalversammlung gebilligten Gesetzesinitiative noch einen Schritt weiter: An Schulen soll die Verschwendung von Lebensmitteln als Unterrichtsthema groß in den Lehrplan aufgenommen werden. Ziel von Umweltministerin Ségolène Royal ist, die Masse der vergeudeten Nahrungsmittel bis zum Jahr 2025 zu halbieren. Ob sie mehr erreicht als Ilse Aigner einst hierzulande?
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