Kulmbach
Plassenburg-Dioramen

Wie Napoleons "Grande Armeé" unterging

Vor 200 Jahren fand Napoleons letzte Schlacht statt - Waterloo. Das Deutsche Zinnfigurenmuseum auf der Kulmbacher Plassenburg hat weltweit die größten Dioramen, die das Geschehen faszinierend nachgestalten.
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Die Schlacht von Waterloo: Das monumentale Diorama ist erst seit kurzer Zeit auf der Kulmbacher Plassenburg zu sehen. Gestaltet hat es einer der bedeutendsten Marinemaler: Robert Schmidt-Hamburg (1885-1963). Fotos: Wolfgang Schoberth
Die Schlacht von Waterloo: Das monumentale Diorama ist erst seit kurzer Zeit auf der Kulmbacher Plassenburg zu sehen. Gestaltet hat es einer der bedeutendsten Marinemaler: Robert Schmidt-Hamburg (1885-1963). Fotos: Wolfgang Schoberth
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Blutsauger, Völkergeißel, Weltzertreter, Pest, Räuberhauptmann, Henker und Bandit! Du menschgewordener Satan!" Nach der Völkerschlacht von Leipzig 1813 verfasste der Schriftsteller Johann Friedrich Schink eine "Schand- und Schimpfode" auf Napoleon, in der er ihn zur Hölle wünscht.

Angetreten, um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zu verbreiten, tobte Napoleon wie ein wilder Elefantenbulle durch Europa. Sein Bruder Jérôme stand seit 10. Oktober 1806 vor den Toren Kulmbachs. Er quartierte sich in Schloss Steinenhausen (Melkendorf) ein und befehligte zeitweise die Belagerung der Plassenburg, einer preußischen Festung. Nach sechs Wochen Widerstand musste die Besatzung am 24. November 1806 kapitulieren.

Ein Zyniker der Macht

Napoleon war der größte Feldherr der Weltgeschichte, ein genialer Stratege, ein Zyniker der Macht.
Menschen sind ihm nur Schachfiguren im Spiel um die "Gloire de la Grande Nation" und seines eigenen Ruhms. Man schätzt, dass bei seinen Kriegen auf europäischem und russischem Boden 3,5 Millionen Soldaten und Zivilisten umgekommen sind.

Sein Russland-Feldzug ist der Anfang des Endes. Mit fast 600 000 Soldaten aus 20 Nationen stößt er im Juni 1812 vor. Bayern muss 30 000 Mann stellen, von ihnen werden exakt 68 kampffähige Soldaten die Heimat wieder sehen. Die Ausweichtaktik der Russen, Nachschub-Probleme und die schlimme Kälte führen zur fast vollständigen Vernichtung der "Grande Armeé".

Drama an der Beresina

Der Rückzug über die Beresina ist das bekannteste Beispiel für das menschliche und militärische Desaster. Von 70 000 Soldaten erreicht kaum die Hälfte das andere Ufer.

In einem weltweit einzigartigen Diorama im Zinnfigurenmuseum der Plassenburg ist das Szenario nachgestaltet (Richard Scholz, um 1930). Es zeigt das Drama vom 27. November 1812: Holländische Pioniere haben zwei begrenzt tragfähige Brücken errichtet. Napoleon hat sich mit seiner Garde als erster abgesetzt. Panik kommt auf. Jeder kämpft verzweifelt ums Leben: Kürassiere und Berittene stürzen sich in die eisigen Fluten, um das andere Ufer zu erreichen. Die Menschen werden von Fuhrwerken überrollt, zerquetscht, von der Brücke gestoßen, vom Fluss mitgerissen. Napoleon aber ist schon mit Schlitten auf dem Weg nach Paris. Dort wird er verkünden lassen: "Die Gesundheit Ihrer Majestät war niemals besser."

"Waterloo" neu im Bestand

Nach seiner Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 und weiteren Erfolgen der Alliierten begibt sich Napoleon auf die Insel Elba ins Exil. Nach seiner Rückkehr im März 1815 und einem 100-Tage-Comeback als Kaiser wird sein Ende in einem kleinen Dorf zehn Kilometer südlich von Brüssel besiegelt: Waterloo.
Es ist wohl die berühmteste Schlacht der Weltgeschichte, schon lange zum Mythos geworden, zum Inbegriff einer verheerenden Niederlage. Am 18. Juni stehen sich auf einer kleinen Fläche von gerade sechs Quadratkilometern 150 000 Soldaten gegenüber. Die Schlacht beginnt mittags um ein Uhr, um acht Uhr ist alles vorbei. Deswegen nennt der irische Historiker Brendan Simms sein gerade erschienenes Buch "Der längste Nachmittag".

Wie in einem Film

Das Zinnfigurenmuseum zeigt ein Diorama der Schlacht, das sich neu im Bestand findet. Gestaltet hat es der Marinemaler Robert Schmidt-Hamburg (1885-1963). Wie in einem Film wird der entscheidende Moment der Schlacht wieder gegeben: die Franzosen greifen das Karree der Engländer in drei Angriffsstaffeln an. Zunächst werden Kürassiere vorgeschickt, die in den Hagel der Musketen-Kugeln hineinlaufen, danach die Kavallerie, schließlich die Kaiserliche Garde. Als Wellingtons Truppen schon wanken, erscheint im Hintergrund der preußische Marschall Blücher mit seinen 40 000 Mann. Überraschend, denn tags zuvor haben seine Truppen bei Ligny schwere Verluste hinnehmen müssen. Die Preußen stoßen in die rechte Flanke der Franzosen hinein. Napoleons Armee zerfällt in Minuten. Berge von Leichen bleiben zurück, Verblutende, Verstümmelte. 40 000 Tote fordert Waterloo. Das Diorama macht einige wenige sichtbar.

Weltseele oder fette Ratte?

Ironischerweise hat die Niederlage Napoleons Nachruhm nicht geschadet. Wellington, Blücher, sein Generalstabschef Gneisenau mögen die militärischen Sieger sein, die Schlacht um die Erinnerung hat Napoleon gewonnen. Der Philosoph Hegel verklärt ihn zur "Weltseele zu Pferde", Goethe spricht vom "größten Verstand, den die Welt je gesehen".

Ein anonymer Zeichner sieht es anders. Als der Korse nach dem Fiasko für immer nach St. Helena verbannt wird, schickt er ihm eine besondere Würdigung nach: Napoleon reitet eine fette Ratte, war doch die Atlantikinsel am Ende der Welt für ihre Rattenplage bekannt.




Zinnfiguren-Museum

Daten und Zahlen Die Plassenburg beherbergt die größte Zinnfigurensammlung der Welt. 1929 gegründet, zählt das Museum heute über 300 000 Einzelfiguren. Von den 486 Dioramen werden momentan 170 als Querschnitt gezeigt, ein Austausch erfolgt regelmäßig.

Entstehung Die Einrichtung des Museums wurde 1929 von Verlagsbuchhändler August Bonneß aus Potsdam angeregt. 1931 wurden bereits 40 Zinnfiguren-Dioramen zur deutschen Geschichte gezeigt. Die Neuzugänge nach 1933 sind stark an der NS-Ideologie ausgerichtet, der Krieg wird glorifiziert.

Stimmen In Reclams Kunstführer von 1937 wird das Museum gepriesen: "Dieses Museum ist das schönste unter unseren deutschen Schausammlungen. Das ganze Volk müsste den Zinnmännlein in dem schönen Bau dort oben einen Besuch abstatten. Es ist ein Kleinod, auf das die ganze Nation stolz sein kann".

Plünderung Im April 1945 wurde das Museum geplündert, die meisten Sammlungseinheiten wurden fast vollständig zerstört. 1953 wurden die ersten Schauräume wieder eröffnet.
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