Kulmbach
Fest der Liebe

Weihnachten ohne Streit - so kann es klappen

Der Familien- und Paartherapeut Wolfram Schmidt erklärt, wie es gelingen kann, dass unterm Christbaum nicht die Fetzen fliegen.
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Umfragen und Statistiken belegen, dass es nur noch im Urlaub so oft kracht wie an Weihnachten. Angeblich das schönste Fest des Jahres - aber nie ist das Konfliktpotenzial größer. Foto: Sebastian Gauert /Fotolia
Umfragen und Statistiken belegen, dass es nur noch im Urlaub so oft kracht wie an Weihnachten. Angeblich das schönste Fest des Jahres - aber nie ist das Konfliktpotenzial größer. Foto: Sebastian Gauert /Fotolia
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Diese Nacht soll still sein, diese Nacht soll heilig sein. So sagt es das bekannte Weihnachtslied. Aber die Realität sieht oft anders aus: Gerade am Fest der Liebe wird im Kreis der Liebsten gestritten und gezofft. In vielen deutschen Familien fliegen die Fetzen.

Umfragen und Statistiken belegen, dass es nur noch im Urlaub so oft kracht wie an Weihnachten. Angeblich das schönste Fest des Jahres - aber nie ist das Konfliktpotenzial größer.

Woher kommt der Stress?

Nach Umfragen von Meinungsforschern werden folgende Gründe für Streitigkeiten unterm Christbaum am häufigsten genannt: Stress in der Vorweihnachtszeit, Geschenke- und Konsumdruck; Stress bei Verwandtenbesuchen; Familienkonflikte, die bei dieser Gelegenheit zur Sprache kommen; unterschiedliche Vorstellungen, wo oder mit wem man das Fest verbringt, was auf den Tisch kommt oder wie die Weihnachtsdekoration aussehen soll.

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Familien- und Paartherapeut Wolfram Schmidt von der Psychologischen Beratungsstelle des Erzbistums Bamberg in Kulmbach kennt die Problematik aus seiner langjährigen Berufserfahrung. Im Interview verrät er, wie es gelingen kann, dass das Fest der Liebe nicht im Streit endet.

Streiten Sie an Weihnachten?
Wolfram Schmidt: Heuer weiß ich es noch nicht, mal schauen (lacht). Aber auf jeden Fall reden meine Frau und ich schon vorher drüber, wie wir die Feiertage verbringen. So hört jeder vom anderen, was er sich wünscht. Und man kann bei der Gestaltung des Festes darauf eingehen.

Warum hat das schönste Fest des Jahres im Kreis der Liebsten so ein hohes Konfliktpotenzial?
Weil Weihnachten die kindliche Seite in uns anrührt und unsere eigenen kindlichen Erinnerungen wachruft. Daraus resultieren dann überzogene Erwartungen. Das ganze Jahr habe ich hart gearbeitet, jetzt will ich beschenkt, umsorgt und verwöhnt werden. Wenn das alle tun, kann es nicht funktionieren.

Wie lässt sich Streit vermeiden? Gibt es ein Patentrezept?
Ein erstes Rezept ist das Gespräch der Eltern miteinander. Altersangemessen kann man auch die Kinder beteiligen. Es geht darum, Wünsche und Erwartungen herauszufinden. Wir müssen wie Erwachsene reagieren und nicht wie Kinder, denn sonst kann's nur schiefgehen. Ich bespreche es mit meinen Klienten immer wieder, was sie an Heiligabend und an den Tagen danach machen, um die Feiertage zu strukturieren und Konfliktpotenzial rauszunehmen. Weihnachten ist aus Beratersicht ein schwieriges Fest.

Was kann man tun, wenn sich in der Verwandtschaft so was wie ein Lagerkoller einstellt?
Ein gutes Rezept ist es, eine Auszeit zu nehmen. Zum Beispiel, spazieren zu gehen, wenn man das Bedürfnis hat. Alleine oder auch miteinander. Wahrscheinlich liegt heuer Weihnachten kein Schnee, doch so ein Spaziergang hat den Vorteil, dass man zusammen geht, sich aber nicht anschaut. So kann manches Thema leichter aufgearbeitet werden, als wenn man sich konfrontativ gegenübersitzt.

Die Weihnachtsdeko oder das Festtagsmenü sind häufig Anlass, um sich in die Haare zu geraten...
Man sollte sich nicht von irgendwelchen Konsumversprechungen verführen lassen. Je aufwendiger und je teurer, desto schöner wird das Fest - diese Gleichung stimmt nicht. Das Weihnachtsglück ist nirgendwo käuflich, kann aber wie eine Pflanze gepflegt werden. Wenn sie genügend Licht und Wasser kriegt, dann keimt sie. Wir sollten dafür offen sein, dass zusammen mit den Menschen, mit denen wir Weihnachten verbringe, etwas Schönes passieren kann.

Welche Rolle spielt Alkohol an Weihnachten? Zum Beispiel, wenn der Sohn/die Tochter oder der Freund/die Freundin angetrunken nach Hause kommt.
Da wäre meine Faustregel: Wer gerade alkoholisiert vom "heiligen Frühschoppen" kommt, mit dem kann man keine grundsätzlichen Gespräche führen. So etwas muss man verschieben. Schimpfen hilft in dem Moment nicht. Aber später kann man das Thema schon grundsätzlich ansprechen. Wenn Alkohol eine ungesunde Rolle spielt, dann muss man es benennen. Darüber hinwegschauen macht es nicht leichter.

Kann man mit geschickter Planung vor Heiligabend Stress abbauen?
Planung spielt an Weihnachten eine ganz wichtige Rolle. Hier sind wir als Erwachsene gefordert. Erst dann kann das Kind in uns zufrieden sein. Es ist ratsam, gut zu überlegen, welche Verwandten oder Freunde besuchen wir, was wünsche ich mir für die Feiertage, möchte ich meine Ruhe haben oder möchte ich etwas unternehmen. Für Menschen, die bis kurz vor Heiligabend gearbeitet haben, ist es oft ungewohnt, mit der Partnerin oder dem Partner ganz viel gemeinsame Zeit zu haben. Da muss man drüber reden: Was stellst du dir vor? Was will ich selber?

Die Zeit vorm Fernseher zu verbringen, kann's doch auch nicht sein, oder?
Nein, sicher nicht. Es ist zwar schön, dass Weihnachten viele gute Filme gezeigt werden. Aber zu viel Fernsehen ist tödlich, es tötet jedes Miteinander.

Und wenn alles nichts hilft, wenn der Konflikt eskaliert?
Gar nicht so einfach. Auf jeden Fall sollte man eine Auszeit nehmen, deeskalieren und sich zurückziehen, jeder für sich. Vielleicht gelingt es hernach, über das Problem zu reden. Das kriegen Paare hin, die noch eine Gesprächskultur haben. Wenn Konflikte eingefahren sind, ist es oft schwierig. Dann braucht man einen unbeteiligten Dritten, einen Moderator, der einen Raum schafft, in dem beide zu Wort kommen. Manchmal gelingt es herauszufinden, welches tiefere Gefühl oder Bedürfnis verletzt wurde. Das ist dem anderen, der verletzt hat, oft gar nicht bewusst.

Was kann man den Menschen zum Christfest wünschen?
Ich wünsche einfach frohe Weihnachten. Ob es in Erfüllung geht, dazu kann jeder selbst beitragen. Es bleibt immer ein Geschenk, etwas Gnadenhaftes, das man nicht kaufen kann und das aus dem Miteinander entsteht.

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