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Kulmbach
Gericht

War der Ex-Anwalt aus Kulmbach ein betrogener Betrüger?

Verteidiger Stephan Scherdel will den Nachweis führen, dass der angeklagte Jurist selbst auf Gauner reingefallen ist. Und schon wieder spielt die Summe von einer Million Euro eine große Rolle.
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Im Prozess gegen den wegen schweren Betrugs angeklagten Ex-Anwalt aus Kulmbach hatte am Montag dessen Verteidiger Stephan Scherdel aus Selb (rechts) seinen großen Auftritt. Er stellte sechs Beweisanträge, die den Nachweis führen sollen, dass der Angeklagte selbst getäuscht worden ist. Also der betrogene Betrüger. Links der zweite Verteidiger, Rechtsanwalt Walter Bagnoli aus Hof.  Foto: Stephan Tiroch
Im Prozess gegen den wegen schweren Betrugs angeklagten Ex-Anwalt aus Kulmbach hatte am Montag dessen Verteidiger Stephan Scherdel aus Selb (rechts) seinen großen Auftritt. Er stellte sechs Beweisanträge, die den Nachweis führen sollen, dass der Angeklagte selbst getäuscht worden ist. Also der betrogene Betrüger. Links der zweite Verteidiger, Rechtsanwalt Walter Bagnoli aus Hof. Foto: Stephan Tiroch
Mit Millionensummen hat er schon immer gerne um sich geschmissen, horrende Beträge sind im ganz leicht von den Lippen gegangen. Ob Photovoltaikanlagen in Rumänien oder Italien, Kapitalbedarf 70, 80 oder gar 110 Millionen Euro - bitteschön, der Ex-Anwalt aus Kulmbach wollte die Rieseninvestitionen locker finanzieren. Schönheitsfehler an der Sache: Geklappt hat keines seiner Projekt.

Dafür verloren leichtgläubige Anleger insgesamt eine Million Euro, die sie auf ein Treuhandkonto des Kulmbachers eingezahlt hatten. Er soll das Geld für eigene Zwecke verwendet haben - strafbar als schwerer Betrug.


Fast 20 Zeugen befragt

Deswegen steht der 45-jährige Jurist seit sieben Wochen in Hof vor Gericht. Die Wirtschaftsstrafkammer befragte in dem Prozess nahezu 20 Zeugen. Die Beweisaufnahme ist weitgehend abgeschlossen.

Doch am Montag wurde nicht - wie erwartet - plädiert. Denn es meldete sich einer der beiden Verteidiger des Hauptangeklagten, Stephan Scherdel aus Selb, mit sechs Beweisanträgen zu Wort.


Keine krummen Geschäfte mehr

Dabei ging es gleich wieder um die berühmte Million: Der Angeklagte habe aus dem Bau und Verkauf von Studentenwohnungen in Bamberg und Berlin einen Provisionsanspruch von einer Million Euro. Dies könne die Geschäftsführerin der Baugesellschaft bestätigen. Mit dem Geld wolle er "seine Anlagekunden entschädigen". Der Angeklagte, so der aus Stadtsteinach stammende Rechtsanwalt, habe nach Entlassung aus der Untersuchungshaft seine Tätigkeit umgestellt und betreibe keine zweifelhaften Geschäfte mehr. Dieses Nachtatverhalten sei bei der Strafzumessung positiv zu berücksichtigen.

Die anderen Beweisanträge zielten vor allem darauf ab, den Angeklagten als betrogenen Betrüger darzustellen. Der Verteidiger benannte eine Reihe von Zeugen, die dazu Angaben machen könnten. Unter anderem sei der Ex-Anwalt auf einen Finanzvermittler aus der Schweiz reingefallen, der angeblich die nötigen Monsterdarlehen von Großbanken besorgen wollte.


Falschaussage vor Gericht

Ferner will Scherdel den Vorwurf entkräften, sein Mandant habe den Investoren vorgegaukelt, ihr Geld werde durch eine Grundschuld abgesichert. Dabei, so der Vorwurf, habe ihm das Gelände in Bindlach gar nicht gehört. Hier sei der Angeklagte von einem Geschäftspartner, der vor Gericht falsch ausgesagt habe, ausgetrickst worden. Ein Notar sowie Mitarbeiter von zwei Banken könnten hier Licht ins Dunkel bringen.

Ob wir die Frau kennenlernen werden, die dem Ex-Anwalt mit einer Million Euro unter die Arme greifen will, hängt vom Gericht ab. Vorsitzender Richter Matthias Burghardt und seine Kollegen müssen entscheiden, ob die Beweisanträge zugelassen werden. Was die Prozessdauer auf jeden Fall verlängern würde. "Dann sitzen wir Weihnachten noch hier", meinte einer der Beteiligten auf dem Gerichtsflur. Oberstaatsanwalt Peter Glocker sprach sich dafür aus, die Anträge - bis auf die Verlesung einer Vereinbarung - als "unzulässig" oder "unbegründet" zurückzuweisen.


Goldgräberstimmung

Zuvor befragte das Gericht noch einen aus Lugano angereisten Zeugen, der bereits Verträge mit dem Angeklagten unterschrieben hatte. Sein Glück war es, dass er das Eigenkapital von 3,2 Millionen Euro nicht auftreiben konnte und somit das Geschäft platzte. Der Vorsitzende wunderte sich, wie der in der Schweiz lebende Südtiroler mit jemandem, den er zuvor einmal gesehen hat, solche Geschäfte machen könne. Für den Mann aber kein Problem. Im Jahr 2013 herrschte offenbar Goldgräberstimmung in der Photovoltaik-Branche. Es reichte, wenn man eine Empfehlung bekam und dann "ein gutes Gespräch" (O-Ton Zeuge) hatte. Nichts Besonders also, mit einem Fremden gleich ein Millionenprojekt durchzuziehen. In der Szene wusste wohl keiner so genau, was lief. "Einmal hat man mir mein eigenes Projekt in Italien zum Kauf angeboten", so der Südtiroler.

Der Prozess wird am 10. November fortgesetzt.

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