Kulmbach
Gericht

Viel Aufwand für die Wahrheit im Bayreuther Missbrauchsprozess

Die 1. Große Strafkammer lädt Zeugen aus Nordrhein-Westfalen vor. Sogar ein zweites Mal muss der psychiatrische Gutachter kommen. Er wird vom Verteidiger mit einer sehr ausgefallenen Hypothese konfrontiert.
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Der Gutachter Thomas Wenske aus Erlangen, stellvertretender Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie, sagte am Mitwoch zum zweiten Mal im Bayreuther Missbrauchsprozess aus.  Foto: Stephan Tiroch
Der Gutachter Thomas Wenske aus Erlangen, stellvertretender Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie, sagte am Mitwoch zum zweiten Mal im Bayreuther Missbrauchsprozess aus. Foto: Stephan Tiroch
Wenn es um die Wahrheit geht, ist der 1. Großen Strafkammer kein Aufwand zu groß und kein Weg zu weit. Im Missbrauchsprozess am Landgericht Bayreuth muss der psychiatrische Gutachter ein zweites Mal kommen, um die allerletzten Fragen zu beantworten. Und 500 Kilometer Anreise aus Nordrhein-Westfalen sind kein Hindernis, um Zeugen vorzuladen.

Das Gericht steht im aktuellen Fall vor der Problematik, dass es für die Vorwürfe gegen den 71-jährigen Angeklagten - außer den mutmaßlichen Opfern - keine Augenzeugen gibt. Der Mann wird von seiner Tochter, zwei Enkelinnen und seiner Ex-Frau schwerer Sexualstraftaten bezichtigt. Es geht um Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch.


"Umfassend entlastet"

Der Angeklagte schweigt seit Prozessbeginn im September. Aufgrund der Verhandlung hält Verteidiger Johann Schwenn seinen Mandanten für "umfassend entlastet". Der Rechtsanwalt aus Hamburg vermutet ein Komplott des Frauenclans gegen den Familienpatriarchen.

Auf seinen Antrag werden zwei Belastungszeuginnen, die Tochter (48) des Angeklagten und die große Enkelin, psychiatrisch untersucht. Thomas Wenske aus Erlangen, stellvertretender Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie, soll herausfinden, ob die Zeugentüchtigkeit der beiden Frauen durch psychische Erkrankungen beeinträchtigt sei.


Nichts festgestellt

Mit dem Satz "Sie haben nichts feststellen können" fasst Vorsitzender Richter Michael Eckstein das Ergebnis des bereits vorgestellten Gutachtens zusammen. "So ist es", erklärt der Arzt.

Allerdings bleibt der Fakt, dass bei der Tochter des Angeklagten in einer Klinik eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden ist. Auslöser dafür könnten die Vergewaltigungen gewesen sein. So sehen es Staatsanwaltschaft und Nebenklage.


Erbe weg, Geschenke weg

Der Verteidiger hat sich eine andere Variante zurechtgelegt. Er will vom Sachverständigen wissen, ob die Traumatisierung auch dadurch entstanden sein könnte, dass der Hauptbelastungszeugin die katastrophalen Folgen ihrer Falschaussage klar geworden sind. "Sie hat erkannt, dass ihr der Absturz vom perfekten Wohlstand ins soziale Aus droht." Ihr Arbeitsplatz sei weg, ihr Erbe auch, und es würden Geschenke zurückgefordert.
"So etwas kann man nicht ausschließen", meint Wenske. "Dann muss sich jemand durch den Verlust des gesamten sozialen Netzes extrem beeinträchtigt fühlen."

Eine weite Anreise aus Neuß bei Düsseldorf und aus Bochum haben eine Kriminalkommissarin und ein Kriminalhauptkommissar. Beide sind mit Nachermittlungen betraut gewesen. Weder die Polizistin noch ihr Kollege haben neue Belege für Hotelaufenthalte des Angeklagten oder seiner Tochter gefunden.


Alt, dunkel, runtergekommen?

Aber es ergibt sich eine Diskrepanz zur Aussage der Hauptbelastungszeugin. Der Polizist aus Bochum bezeichnet ein Hotel, das ein Tatort gewesen sein soll, als "auffälliges Gebäude". Es sei im Hundertwasser-Stil gebaut - statt Ecken und Kanten gebe es dort nur Rundungen. Die Tochter des Angeklagten hat das Haus als alt, dunkel und runtergekommen beschrieben. "Das würde ich nicht sagen", so der Zeuge. Es handle sich um ein normales Mittelklassehotel.

Die dritte Zeugin aus Nordrhein-Westfalen wird danach befragt, dass der Angeklagte seine Ex-Frau im Herbst 2010 in deren Wohnung vergewaltigt haben soll. Die Büromitarbeiterin erinnert sich nur, dem Besucher, von dem sie offenbar keinen schlechten Eindruck hat ("ein gutaussehender Geschäftsmann"), die Haustür geöffnet zu haben. Was oben in der Wohnung passiert sei, weiß sie nicht. An diesem Tag habe sie ihre Chefin nicht mehr gesehen: "Da bin ich mir sicher." Etwa einen Monat später habe sie ihr aber "den Vorfall mal grob erzählt" und sei dabei "aufgewühlt" gewesen.

Beim nächsten Prozesstag am 20. Januar werden nur Akten verlesen. Am 8. Februar ist geplant, weitere Zeuge zu hören.

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