Kulmbach
Prozess

Versuchter Mord: Angeklagter ist schwer krank

Der 22-jährige Kulmbacher, der sich wegen versuchten Mordes vor dem Hofer Landgericht verantworten muss, ist laut Gutachter schwer krank.
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Der 22-Jährige, der zurzeit im Hochsicherheitstrakt der Forensischen Psychiatrie in Erlangen behandelt wird, wird von Polizeibeamten zum Prozess nach Hof gebracht. Rechts sein Verteidiger, der Hofer Rechtsanwalt Walter Bagnoli. Foto: Alexander Hartmann
Der 22-Jährige, der zurzeit im Hochsicherheitstrakt der Forensischen Psychiatrie in Erlangen behandelt wird, wird von Polizeibeamten zum Prozess nach Hof gebracht. Rechts sein Verteidiger, der Hofer Rechtsanwalt Walter Bagnoli. Foto: Alexander Hartmann
Der 22-jährige Kulmbacher, der im Juni 2015 bei einer Kontrolle am Marktredwitzer Bahnhof mit einem Messer auf einen Polizisten eingestochen und diesen schwer verletzt haben soll, ist offenbar schwer krank. Er hört Stimmen in seinem Kopf, demoliert Handys, weil er glaubt, abgehört zu werden, klebt Kameras zu, weil er sich überwacht fühlt, und sieht sich von Geheimdiensten wie der CIA verfolgt.


Wahnvorstellungen

Für Thomas Wenske, den stellvertretenden Leiter der Forensischen Psychiatrie Erlangen, steht fest: Der Kulmbacher leidet unter einer paranoiden Psychose, die mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen verbunden ist. Das stellte Wenske in seinem Gutachten fest, das er am gestrigen zweiten Verhandlungstag im Prozess wegen versuchten Mordes vor dem Hofer Landgericht abgab.


Die Stimme im Kopf

Auch am Tattag, dem 30.
Juni 2015, will der 22-Jährige eine Stimme gehört haben. Der drogenabhängige und mehrfach vorbestrafte Angeklagte, der erst im Januar nach einer mehrjährigen Haftstrafe wieder frei kam, war da mit dem Zug von Eger Richtung Marktredwitz unterwegs. Er hatte sich in Tschechien 5,65 Gramm Methamphetamin besorgt, die er in einem Abfalleimer außerhalb des Abteils deponiert hatte. Zwei Polizisten kontrollierten den Zug. Sie entdeckten das Betäubungsmittel und hegten den Verdacht, dass es dem Kulmbacher gehört. Sie forderten ihn auf, den Zug in Marktredwitz zu verlassen.


15 Zentimeter tiefe Stichwunde

Nachdem sich der Angeklagte zunächst kooperativ gezeigt hatte, kam es zu einer Rangelei, bei der dieser ein Messer zog und es einem 38-jährigen Beamten in den Oberkörper rammte. Die Klinge drang 15 Zentimeter tief in den Körper ein. Der Polizist wurde schwer verletzt, musste notoperiert werden. Innere Organe wurden nicht getroffen. Nur wenige Millimeter weiter, und die Stiche hätten tödlich sein können, erläuterte der Leiter der Erlanger Rechtsmedizin, Peter Betz. "Es ist so nochmal gut ausgegangen. Das ist aber dem Zufall zu verdanken."
Wie Betz ausführte, war der 22-Jährige nicht alkoholisiert. Ob er unter Drogen stand? Man habe bei der Blutuntersuchung nur einen länger zurückliegenden Cannabis-Konsum feststellen können. Ob der Kulmbacher, wie er gegenüber dem Gutachter erklärt hat, Kräutermischungen geraucht hatte? Die Frage könne er nicht beantworten, so Betz. Das habe man bei der Blutanalyse nicht feststellen können.


"Schubs ihn weg"

Der 22-Jährige leide unter den Stimmen in seinem Kopf, stellte Gutachter Thomas Wenske fest. Er fühle sich verfolgt, glaube, dass andere Personen seine Gedanken lesen können und seine Gefühle kennen. Die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten, der unter der Suchtproblematik leide, sei ob der paranoiden Psychose schwer eingeschränkt. Ihm gegenüber habe sein Patient erklärt, dass er sich genervt gefühlt habe, als ihn der Beamte am Bahnsteig am Rucksack gezogen habe. "Du schubst ihn weg", soll da eine weibliche Stimme dem Kulmbacher vor dem Messerstich gesagt haben. Es sei wohl zu einer Reizüberflutung gekommen, die zu dem exzessiven Wutausbruch geführt habe, vermutete Wenske. "Die Stimme in seinem Kopf hat das Gefühl offenbar verstärkt."


Erhebliches Gefahrenpotenzial

Wie er deutlich machte, ist der Angeklagte ein auf den ersten Blick unauffälliger Mann. Jedoch gehe von ihm wegen der Erkrankung ein erhebliches Gefahrenpotenzial aus. Man wisse nicht, wann es zu Überreaktionen kommen könne. Der Forensiker hält eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik für dringend erforderlich. Derzeit befindet sich der Angeklagte vorläufig im Hochsicherheitstrakt der Klinik in Erlangen. "Er zeigt sich sehr kooperativ. Er hat große Hoffnung, dass wir ihm helfen können. Wenn er will, kann er bei uns bleiben."


Angeklagter schweigt

Der Beschuldigte, der sich in dem Prozess selbst nicht zur Tat äußert, hat offenbar eine schwere Kindheit hinter sich, wie eine 66-Jährige im Zeugenstand deutlich machte. Seinen Vater kenne er nicht, der Kontakt zu seiner Mutter, die sich nicht um ihn gekümmert habe, sei abgebrochen. "Seine Mutter verachtet er."


Das sagt die "Oma"

Die 66-Jährige wird vom Angeklagten "Oma" genannt, obwohl sie es gar nicht ist. Der Sohn der Zeugin ist der frühere Lebensgefährte der Mutter des Angeklagten. Der 22-Jährige hat lange Zeit bei der vermeintlichen Großmutter gelebt, auch in den Monaten vor der Tat. Sie habe gesehen, wie dessen Kopf ob des Drogenkonsums "mehr und mehr zerfällt". "Am Ende hat es keinen lichten Tag mehr gegeben", so die 66-Jährige. Dem Angeklagten erschienen demnach Geister, er habe "mit den Stimmen in seinem Kopf" Gespräche geführt. Sie sei verzweifelt gewesen. Alle Versuche, ihm zu helfen, seien fehlgeschlagen. Der junge Mann habe mehrere Drogen-Therapien abgebrochen. Das sei ihm trotz richterlicher Weisung möglich gewesen. Auch während der Haft sei er irgendwie an Betäubungsmittel herangekommen.


Fortsetzungen am Dienstag

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt. Dann werden die Plädoyers gehalten. Das Urteil wird Landgerichtspräsident Bernhard Heim, der die Verhandlung führt, voraussichtlich am Mittwoch bekannt geben.

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