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Kulmbach
Wirtschaft

Umfrage bei Kulmbacher Firmen: Brexit sorgt für Unsicherheit

Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union tangiert auch Kulmbacher Firmen - manche mehr, manche weniger.
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51,9 Prozent der Briten haben am 23. Juni 2016 dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen. Viele bereuen ihre Entscheidung. Doch vergebens, denn Großbritannien reichte Ende März dieses Jahres den offiziellen Antrag ein. Premierministerin Theresa May hat bereits erklärt, dass sie einen harten Brexit anstrebe, die EU also ohne Vereinbarung über einen geregelten Austritt verlassen wolle. Was bedeutet der Brexit für Firmen in unserer Region, die Handelsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich unterhalten? Nichts Gutes, wie die IHK Oberfranken in einer Presseerklärung befürchtet (siehe unten stehenden Artikel).

Geschäfte mit dem Vereinigten Königreich betreibt die Firma Ireks, die Tochterunternehmen unter anderem in Chester, Ammanford und bei Dublin in Nordirland hat. Der Geschäftsführer des weltbekannten Herstellers von Backzutaten und Braumalzen, Hans Albert Ruckdeschel, verfolgt die Entwicklung mit wachem Auge, aber relativ gelassen.


Überlagert durch die Weltpolitik

"Wir rühren noch im Kaffeesatz, es ist verfrüht, konkrete Aussagen zu treffen", sagt er und verweist darauf, dass der Vollzug des Brexit in einer längeren Zukunft stattfinden wird. Überlagert werde der Austrittsprozess zudem durch die Weltpolitik mit bedrohlichen Entwicklungen in den USA, Russland, China oder im Nahen Osten sowie durch den Streit um Gibraltar.

Die Ankündigung Großbritanniens, aus der EU auszutreten, habe ja bereits massive Auswirkungen auf das Verhältnis Euro/Pfund gezeigt. Ruckdeschel: "Für die britischen Bürger werden die Importe teurer, und die Exporteure müssen Kompromisse eingehen, indem sie Verluste aus dieser Kursentwicklung in Kauf nehmen."

Insgesamt, so der Ireks-Geschäftsführer, herrsche Unsicherheit bei den Unternehmen, wobei sich der Brexit für jede Branche unterschiedlich auswirken werde. Immerhin: Das Geschäftsjahr 2016 der Firma Ireks war für Hans Albert Ruckdeschel "ordentlich", auch mit dem Ausblick ist er zufrieden.


Kaufkraft der Briten wird sinken

Für die Kulmbacher Firma Noris Color, die seit 1892 besteht und inzwischen jährlich rund 1000 Tonnen Bürostempelfarbe, industrielle Tinten, Signierfarben und Flexodruckfarben produziert, ist Großbritannien kein überlebenswichtiger Markt. "Aber es wäre nicht schön, wenn er wegfällt", betont Geschäftsführer Oliver Zeitler, der davon ausgeht, dass der Brexit das Geschäft negativ beeinflussen wird. Insbesondere befürchtet Zeitler, dass sich der Wechselkurs verschlechtert, die Waren teurer werden und die Kaufkraft der Briten sinkt. "Unklar ist außerdem noch, wie genau der Brexit ablaufen wird. Bis hier Näheres bekannt ist, muss man wohl noch ein, zwei Monate abwarten", so der Geschäftsführer, der zudem auch Gefahren aus Holland, Spanien und Griechenland auf die EU zukommen sieht.


Was wird aus den Rohstofflagern?

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor: Viele Rohstoffe für die EU werden über England eingebracht, wo zahlreiche Zwischenlager unterhalten werden. Zeitler: "Wenn die wegfallen, muss man sehen, wie sich die Preise entwickeln." Grundsätzlich werde die Situation durch den Brexit nicht besser werden. "Ich hoffe nur, dass sich die Auswirkungen in Maßen halten."

Für die Automobilindustrie zählt Großbritannien zu den wichtigsten Exportmärkten. Laut Branchenverband wird jedes fünfte in Deutschland produzierte Fahrzeug auf der Insel verkauft. Wie stellt sich da die Gefühlslage bei den Zulieferern in der Region dar? Sibylla Naumann, Geschäftsführerin der Textilwerke Wilhelm Kneitz in Wirsberg, zu deren Endkunden unter anderem VW, Audi und BMW zählen, kann die Entwicklung momentan ebenfalls nur von der Außenlinie beobachten. "Jedes Auto, das nicht verkauft wird, betrifft uns natürlich, aber wir können nicht aktiv eingreifen." Naumann begründet dies damit, dass die Firma Kneitz mit ihren Stoffen die Automobilkonzerne nicht direkt beliefert, sondern die Sitzhersteller. "Wir müssen abwarten, wie sich die Situation entwickelt."

Gelassen reagiert man am Kulmbacher Standort der Firma Aunde. Der Konzern mit Hauptsitz in Mönchengladbach entwickelt und produziert in über hundert Werken in 27 Ländern Garne, Technische Textilien, Sitze und -bezüge, Federn, Schaumformteile und Innenausstattungen für Automobilhersteller. Laut Karin Niechziol, Leiterin der Finanzverwaltung, sind die Kontakte und Lieferungen nach Großbritannien nur minimal. "Das zwingt uns nicht in die Knie", sagte sie.

Ähnlich ist die Situation für die Firma Künzel Maschinenbau in Mainleus, die weltweit aktiv ist. Im Mittelpunkt des Geschäfts steht die Realisierung kompletter Produktionslinien für die Brauindustrie.
"Die großen Brauereigruppen sind primär nicht in England ansässig, von daher ist das Risiko minimiert", sagt Andreas Weinlein, einer der Geschäftsführer. Aktuell sei England kein Schwerpunkt der Geschäftstätigkeit und werde es auch in Zukunft nicht sein.



IHK befürchtet deutlichen Einbruch der Wirtschaftsbeziehungen

Einen deutlichen Einbruch in den Wirtschaftsbeziehungen durch den Brexit erwartet die Industrie- und Handelskammer für Oberfranken Bayreuth. "Es ist leider abzusehen, dass durch den Brexit wieder eine neue Kontroll- und Formularflut den Austausch zwischen EU und Großbritannien belasten wird", sagt Michael Möschel, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des Industrie- und Handelsgremiums Kulmbach. "Über 200 Unternehmen aus Oberfranken pflegen Geschäftsbeziehungen in Großbritannien."

Zu den insgesamt exportstärksten Branchen in Oberfranken zählen der Maschinenbau, die Hersteller von elektronischen und optischen Erzeugnissen, sowie die Hersteller von Gummi- und Kunststoffwaren. Bedingt durch den Branchenmix und die breite Aufstellung der oberfränkischen Unternehmen auf internationalen Märkten kann aber nicht von einer in besonderem Maße betroffenen Branche gesprochen werden.


Ausgleich durch andere Märkte

Mögliche Umsatzeinbußen auf dem britischen Markt könnten voraussichtlich durch positive Entwicklungen auf anderen Märkten weitgehend ausgeglichen werden. Auswirkungen könnte es bei den oberfränkischen Automobilzulieferern geben, die zwar kaum direkt exportieren, aber alle deutschen Kfz-Hersteller beliefern. Eine Einschränkung der Dienstleistungsfreiheit könnte das Projektgeschäft von Unternehmen in Großbritannien erschweren.

In einer Blitzumfrage kurz nach dem Brexit-Votum haben im Kammerbezirk der IHK für Oberfranken Bayreuth fast drei Viertel der befragten Unternehmen gesagt, sie befürchten rechtliche und politische Unsicherheiten, etwa durch eine Verzögerung der Austrittsverhandlungen oder eine inkonsequente Verhandlungsführung durch die EU. Jeweils rund zwei Drittel befürchteten Wechselkursrisiken sowie die Zunahme von tarifären (Zölle, Steuern) und nicht-tarifären Handelshemmnissen (zusätzliche Bürokratielasten, keine Anerkennung von Produktzertifizierungen etc.).


Investitionen wohl rückläufig

"Wir gehen davon aus, dass Unternehmen Investitionen in Großbritannien in Zukunft sehr gründlich durchdenken und womöglich dort insgesamt weniger investieren werden. Deutschland verliert zudem mit Großbritannien in der EU einen wichtigen Fürsprecher für eine freie Marktwirtschaft", so IHK-Hauptgeschäftsführerin Christi Degen.

Mit einer Exportquote von mehr als 50 Prozent ist die oberfränkische Wirtschaft längst international ausgerichtet. Die Zahl von über 200 Unternehmen, die Geschäftsbeziehungen nach Großbritannien unterhalten, zeigt die Bedeutung des britischen Marktes. Im Jahr 2015 zählte Großbritannien zu den fünf wichtigsten Handelspartnern Bayerns und war - nach den USA - Bayerns zweitwichtigster Exportpartner. "Großbritannien ist insgesamt ein wichtiger Markt für uns, einerseits weil viele in Deutschland produzierte Autos dorthin exportiert werden und wir hier Zulieferer sind, andererseits auch, weil wir britische Hersteller direkt mit unseren Produkten beliefern", so Vertriebsleiter Alexander Kapsch von der Scherdel-Gruppe in Marktredwitz.