Eppenreuth

Tschetschenen ziehen Abschiebung Asyl vor

Zwei Jahre lebten Alhast und Aset Iljasov mit ihren Kindern im Grafengehaiger Ortsteil Eppenreuth. Doch nach Polen, wo die tschetschenische Familie Bleiberecht hätte, wollen sie nicht. Mutter und Kinder kehren nach Tschetschenien zurück, der Vater versucht sein Glück in Moskau.
Artikel drucken Artikel einbetten
Margitta Hieke überreicht mit Harald Schramm an Alhast Iljasov eine CD mit Erinnerungen an die zwei Jahre in Grafengehaig. Foto: Sonja Adam
Margitta Hieke überreicht mit Harald Schramm an Alhast Iljasov eine CD mit Erinnerungen an die zwei Jahre in Grafengehaig. Foto: Sonja Adam
+13 Bilder
Zwei Jahre lang lebte die Familie Iljasov in Grafengehaig in Ruhe und Frieden. "Wir sagen danke dafür", betont Adam, der älteste Sohn der Familie im Namen seines Vaters. "Das waren zwei Jahre in Frieden." Adam spricht inzwischen perfekt deutsch, mit fränkischem Akzent. Er hat in Grafengehaig Fußball gespielt, hat sich wie seine Geschwister mit vielen Grafengehaiger Kindern angefreundet. Doch jetzt heißt es Abschied nehmen.

Mit einem Fest verabschiedete sich Grafengehaig am Dienstag von den Asylbewerbern. Es waren die ersten, die in Grafengehaig aufgenommen worden sind. Sie lebten in der Wohnung über dem Eppenreuther Kindergarten.
Pfarrerin Heidrun Hemme hatte zum Abschied Herbstsuppe gekocht. Es gab Tee, Kuchen wurden gebacken. Auch die tschetschenische Familie war fleißig und hat gleich mehrere Kuchen beigesteuert.


Grafengehaiger kämpften für Bleiberecht

Bereits im Vorfeld liefen viele Initiativen, um doch noch ein Bleiberecht für die Familie in Deutschland zu erwirken. "Wir haben gehofft, dass wir über die medizinische Schiene etwas bewirken könnten. Denn die Mutter ist Epileptikerin, der Vater hat schlimme Neurodermitis", erklärt Margitta Hieke, die sich von Anfang an mit viel Engagement um die Familie gekümmert hat.

Doch jetzt ist es amtlich: Am 3. November fliegt die ganze Familie zurück nach Tschetschenien und zieht damit die Abschiebung einem Bleiberecht in Polen vor. Mutter Aset und die Kinder wollen in ihren Heimatort Gudermes zurück, Vater Alhast, der sich noch immer verfolgt fühlt und von Folter spricht, möchte in Russland bleiben.

Problem bei der Gewährung des Asylantrages ist, dass die Familie nicht direkt nach Deutschland eingereist ist, sondern erst in Polen Asyl beantragt hatte. In Polen hat die Familie auch ein Bleiberecht von drei Jahren gewährt bekommen. "Aber in Polen haben wir kein Haus und wir bekommen keine medizinische Hilfe", sagt Familienvater Alhast Iljasov. Außerdem befürchtet er, dass er in Polen keine Arbeit findet. Deshalb möchte die Familie definitiv nicht nach Polen zurück, dann lieber wieder in die alte Heimat nach Tschetschenien. "Wir haben gehofft, dass es eine Lösung gibt", sagt der tschetschenische Familienvater.

Und der Abschied fällt allen schwer. Am Dienstag flossen viele Tränen. Die tschetschenische Familie wurde mit Geschenken überhäuft, Telefonnummern und Sykpe-Adressen wurden ausgetauscht. Doch viele wissen: Wenn die Familie erst einmal weg ist, ist ein Wiedersehen unwahrscheinlich. Tschetschenien ist weit.

Ausnahmen wünschenswert

"Die siebenköpfige Familie hat in Grafengehaig eine neue Heimat gefunden. Aber sie muss gehen, denn so ist europäisches Recht. Und die Familie hat sich selbst entschieden, lieber wieder nach Tschetschenien zurückzugehen als nach Polen. Es war offenbar nicht so, dass die Familie in Polen richtig gut leben konnte, aber Polen gehört zur Europäischen Union und ist ein sicheres Land. Aber das hindert uns nicht daran, traurig zu sein. Wir würden uns Ausnahmen wünschen", sagte Pfarrerin Heidrun Hemme.

Auch MdL Ludwig Freiherr von Lerchenfeld (CSU) war zum Abschiedsfest gekommen. "Mein Herz schlägt für diese Familie. Aber auch uns Politikern sind die Hände gebunden. Wir müssen weiter Mechanismen entwickeln, um solche Familien zu integrieren. Aber die Erstaufnahme war nun einmal in Polen", sagte der CSU-Landtagsabgeordnete und betonte, dass man sich nun einmal nicht über geltendes Recht hinwegsetzen könne. "Wir müssen daran arbeiten, solche Familien in der Region zu halten, denn das wäre auch eine Chance für unsere aussterbende Region", so Lerchenfeld.

Tatsächlich haben die Kinder der Familie Iljasov in den vergangenen zwei Jahren sehr gut die deutsche Sprache gelernt. Die Eltern besuchten seit einem Jahr freiwillig einen Deutschkurs. Und Vater Alhast hat stundenweise in der Gemeinde gejobbt, hat Bankette gemäht, hat sich eingebracht.

In hohem Maß integriert

"Mir tut es im Herzen weh, dass die Familie, die in hohem Maß integriert war, jetzt wieder gehen muss", betonte auch Bürgermeister Werner Burger. "Ich hätte nicht gedacht, dass wir diese Leute so ins Herz schließen", sagte er. Doch auch der Bürgermeister weiß, dass allen die Hände gebunden sind.

Altlandrat Herbert Hofmann (CSU) indes hatte noch einmal Landtagspräsidentin Barbara Stamm eingeschaltet und wartete auch während der Abschiedsfeier auf einen Rückruf von der Landtagspolitikerin. Hofmann hofft noch immer, dass eine Abwendung und eine Ausnahme gelingen könnte.

"Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber eigentlich glauben wir nicht mehr an eine Änderung", sagte indes Margitta Hieke.

Auch Konrad Mündel glaubt nicht wirklich, dass in den nächsten Tagen noch ein Ausnahme erwirkt werden wird. Trotzdem hat Mündel Flyer gedruckt, die seinen Protest gegen die Abschiebung kund tun. "Man hat einfach eine Verbindung zu der Familie. Meine Frau musste als Fünfjährige flüchten", so Mündel.

Bereits am Mittag hatte Landrat Klaus Peter Söllner nochmals das Gespräch in Grafengehiag gesucht und sich bei den ehrenamtlichen Betreuern - allen voran Margitta Hieke - bedankt. Auch Söllner bedauert es, dass die Familie aufgrund gesetzlicher Vorgaben kein Bleiberecht bekommen kann und Integration vor diesem Hintergrund eigentlich gar nicht gewünscht ist.
Verwandte Artikel

Kommentare (2)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren