Laden...
Trebgast
Uraufführung

Trebgaster Naturbühne wirft mildes Licht auf Luther

In einer aufwendigen Inszenierung bieten die Trebgaster eine recht freundliche Sicht des Reformators. Die Akteure ernten stürmischen Applaus.
Artikel drucken Artikel einbetten
Luther in Krise: Wie finde ich einen gnädigen Gott?: Der Novize Martin Luther (Gerd Kammerer) verbringt die Nächte auf dem Boden seiner Mönchszelle: Er fühlt sich als Sünder, wird von Stimmen verfolgt und erleidet Höllenqualen. Foto: Wolfgang Schoberth
Luther in Krise: Wie finde ich einen gnädigen Gott?: Der Novize Martin Luther (Gerd Kammerer) verbringt die Nächte auf dem Boden seiner Mönchszelle: Er fühlt sich als Sünder, wird von Stimmen verfolgt und erleidet Höllenqualen. Foto: Wolfgang Schoberth
+11 Bilder
In das große "Air" von Bach hinein krachende Donnerschläge. Ein junger Mann jagt durch den finsteren Wald. Plötzlich ein geller Blitz, der neben ihm einschlägt. Er wird zu Boden geschleudert, stürzt über Felsen. In seiner Todesangst ruft er zum Himmel: "Hilf du, Heilige Anna, ich will ein Mönch werden!"


Das Gelübde von Stotternheim - nicht nur ein dramatischer Auftakt, sondern typisch für das neue Luther-Stück von Marion Beyer und Hermann J. View. Viel Prominenz war zur mit Spannung erwarteten Premiere im Lutherjahr geladen, darunter - als Schirmherrin der Aufführung - Landesbischöfin Dorothea Greiner, die an der Seite von Landrat Klaus Peter Söllner im strömenden Regen die Spielzeit eröffnete.



Farbenprächtiger Reigen


Gezeigt werden Schlüsselszenen aus dem Leben Martin Luthers, eingebettet in seine Umwelt. Der Blitzschlag am 2. Juli 1505 ist sein Damaskus-Erlebnis: Der 21-Jährige hängt sein Jura-Studium an den Nagel und tritt den Augustiner-Eremiten in Erfurt bei, dem strengsten Kloster weit und breit.

Vor den Zuschauern wird ein buntes Bilderbuch der Umbruchsjahre der Reformation aufgeblättert. Anders als bei Karlheinz Komm ("Der Fall Luther"), der auf Schärfe und Verdichtung setzt, bieten den Trebgaster opulentes Theater mit einem Großaufgebot von Mitwirkenden (38 Akteure, darunter ein Drittel "Novizen"). Die Spielmöglichkeiten der Naturkulisse werden clever genutzt. Viele Szenen sind toll choreografiert und optisch überwältigend.


Monströse Kathetrale im Zentrum


Rechts spielt das Dorfgeschehen: Jung und Alt sind beim Werkeln. Es wird gesägt, geschmiedet, geknüpft und gebunden. Sigrid Seehuber hat für all das Volk - Bauern, Handwerker, Schankmädchen, Studenten, Marktfrauen und Mönche - aufwendige zeitgenössische Kostüme geschneidert.

Die Mitte der Hauptbühne füllt eine monströse Kathedrale (Entwurf: André Putzmann; Bau: Dieter Krause). Wenn ihre schweren Torflügel von schwarzen Kuttenträgern geöffnet werden, geben sie den Blick frei auf wechselnde Spielorte: mal ist es das Klosterzelle in Erfurt, mal Wittenberg, Augsburg, Worms oder Luthers Gefängnis auf der Wartburg.


Modelle im Atelier


Eine krasse Szene erhält Sonderapplaus. Sie zeigt das Atelier von Lucas Cranach (Walter Lattner): Der Maler ist dabei, einen weiblichen Akt zu malen. Vor ihm das attraktive Model, keusch mit dem Rücken zum Zuschauer gewandt, rechts ein weitere Hübsche im Bilderrahmen, die der Meister neckisch bepinselt.

Die Inszenierung vom Regie-Duo Beyer/ Vief zeigt Gespür für Drive und Rhythmus. Die musikalischen Zwischenblenden sind clever sortierte Stimmungsträger, besonders unter die Haut jedoch geht der gregorianischer Gesang des siebenköpfigen Mönchschors (Leitung: Heiner Beyer).



Angeschwuchtelter Erzbischof


Der Aufführung sieht man die gründliche Arbeit mit den Schauspielern an. Es verblüfft, wie präsent und diszipliniert die Neuzugänge auf der Bühne agieren. Viele der größere Rollen sind gut durchgezeichnet: der Dominikanermönch Tetzel zum Beispiel, der von dem Routinier Walter Richter gespielt wird. Ein schmeichlerischer Volksverführer, der den Leuten durch seine Ablassbriefe "Gottes Gnade" verspricht und sie schamlos abkassiert. Oder Kardinal Cajetan (Siegfried Küspert) in seinem schneidenden Verhör in Augsburg. Eine Glanzpartie bietet Michael Bähr als schwer angeschwuchtelter Erzbischof Albrecht. Ein eitler Pfau, der mit seinem Schmuck klimpert und in sein Spiegelbild vernarrt ist.


Triumpf der Mannesmut


Im Mittelpunkt aber steht Luther. Gerd Kammerer spielt ihn anrührend menschlich, nicht als entrücktes religiöses Genie. Ein Mensch, der in skrupulantischer Selbstprüfung fast zugrunde geht, bevor es zu Gott findet. Viele starke Szenen markieren seinen Weg: Sein schmerzlicher Abschied von Vater und seinen Zechkumpanen. Die nächtlichen Obsessionen von Teufel und Dämonen, bei denen er sich wie auf dem Boden seiner Klosterzelle wie auf dem Streckbett windet. Schließlich die Erlösung durch Staupitz, seinen Ordensvikar.

Wolfgang Oertel spielt ihn als sensiblen Zuhörer und Tröster. Er weist ihm den richtigen Weg zur Gnade Gottes über den Römerbrief. Die Vorladung Luthers vor den jungen Kaiser Karl V. (Moritz Weinmann) in Worms, gerät Kammerer zum Triumpf für Mannesmut. Der Reformator widersteht dem Druck, seine 95. Thesen zu widerrufen, auch wenn Exkommunikation und Scheiterhaufen drohen, und spricht sein markiges "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen."

Zum Finale nach zweieinhalb Stunden reiner Spielzeit noch was kräftig Angeschnulztes: Honeymoon am Dorfbrunnen. Luther verguckt sich in die entlaufenen Nonne Katharina von Bora (Patricia Wagner: liebreizend- züchtig, doch mit klarem Beuteschema). Wenig später schon kann der Reformator die Wiege schaukeln.


Lutherfreundliche Optik


So überzeugend Luthers Glaubensweg in dem neuen Stück gezeigt wird, so übertrieben freundlich gerät die Optik bei den Bauernaufständen. Seine cholerischen Ausfälle, als sich die Bauern mit ihrem "Nieder, nieder!" der Reichen auf ihn berufen ("Abschlachten wie Vieh"), klingen allzu versöhnlerisch aus. Der Antisemitismus des Reformators, der bis in die NS-Zeit verheerend nachwirkt (die Juden als "durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding") wird nicht einmal angerissen.

Der am Himmelfahrtstag beginnende Evangelische Kirchentag in Erfurt - stark ökumenisch orientiert - steht unter dem Motto "Licht auf Luther". Damit ist ein Doppeltes gemeint: Luther, der Strahlende, und Luther, der historisch-kritisch durchleuchtet werden muss. Auf der Naturbühne wird das Erste gezeigt.
Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren