Kulmbach
Völkerverständigung

Topmodel eröffnet interkulturelle Woche in Kulmbach

Mit einem absoluten Highlight begann am Montag im Foyer der Berufsschule die 21. interkulturelle Woche. Stargast des Abends war das aus Afghanistan stammende Topmodel Zohre Esmaeli.
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"Mir hat meistens die Liebe auf meinem Weg geholfen", sagte Zohre Esmaeli, "Die Liebe hat eine wahnsinnige Macht." Nach ihrem Vortrag musste sie noch zahlreiche Bücher signieren. Foto: Uschi Prawitz
"Mir hat meistens die Liebe auf meinem Weg geholfen", sagte Zohre Esmaeli, "Die Liebe hat eine wahnsinnige Macht." Nach ihrem Vortrag musste sie noch zahlreiche Bücher signieren. Foto: Uschi Prawitz
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Neugier, Spannung, Angst, Beklemmung, Kälte, Hunger - all das durchlebte Zohre Esmaeli, als sie im Alter von 13 Jahren mit ihrer Familie über sechs Monate lang aus Afghanistan nach Deutschland flüchtete. Über Weißrussland, Moskau, die Ukraine und Ungarn ging die Odyssee, bis sie in Deutschland ankam. Beschwerlich und gefährlich war die Reise für die Familie, stundenlange Fahrten und Märsche durch den russischen Winter, kaum etwas zu essen, dicht besetzte Notunterkünfte in Scheunen.


"Reiß' Dich zusammen", sagte ihr Vater auf der Flucht


"Können wir nicht eine kurze Pause machen?", wollte die junge Zohre damals bei einem nächtlichen Fußmarsch durch knietiefen Schnee wissen, aber das war nicht möglich. "Du bist kein kleines Kind mehr, reiß' Dich zusammen, Zohre", sagte ihr Vater nur. Und das tat das Mädchen, jammerte nicht, als ihre Handschuhe und Kleider erst vollkommen durchnässt, und dann komplett gefroren waren, beklagte sich nicht, wenn sie höchstens einmal am Tag eine Kleinigkeit zu essen bekam, harrte auf einem Treckeranhänger unter zig weiteren Personen und Decken begraben stundenlang aus.

"Wir Jüngeren haben einen Krieg nie selbst erlebt", sagte die Moderatorin des Abends, Katrin Geyer, "wir können das alles nicht nachvollziehen. Hier treffen zwei Welten aufeinander."


Ihr Buch heißt "Meine neue Freiheit"


Doch letztendlich ist Zohre Esmaeli in Deutschland angekommen, hat hier ein neues Zuhause und Freunde gefunden, wurde als Model entdeckt und arbeitet erfolgreich in dieser Branche. Ihre Fluchterlebnisse hat sie jetzt in ihrem Buch "Meine neue Freiheit" zusammengefasst, das eindrucksvoll die Geschehnisse aus Sicht eines 13-jährigen Mädchens schildert.

Und wie wurde sie damals in Deutschland aufgenommen? "Als ich das erste Mal auf dem Schulhof stand, haben mich die Klassenkameraden komplett ignoriert", erinnert sich Zohre Esmaeli. Doch sie ist den Kindern im Nachhinein nicht böse, es mangelte einfach nur an Aufklärung. "Integration ist keine Einbahnstraße", sagte Zohre Esmaeli daher, "Die Flüchtlinge müssen sich der Gesellschaft bewusst sein, und die Gesellschaft muss für Neues offen sein."

Dabei war die Situation für ihren Vater eine besondere Qual, denn er durfte nicht arbeiten. "Ein afghanischer Mann muss aber seine Familie ernähren können." All ihre Erfahrungen bündelnd hat sie daher ein Konzept für Flüchtlinge geschrieben, damit sie sich besser zurechtfinden. Sie bietet über ihr Projekt "Culture Coaches" Beratung und Hilfe an.


Beispielhafte Willkommenskultur


Wie Integration aussehen und funktionieren kann, zeigen die Kulmbacher nicht nur im Rahmen der interkulturellen Woche. An der Berufsschule beispielsweise gibt es derzeit zwei Flüchtlingsklassen, wobei die meisten Schüler aus Afghanistan, Eritrea und Syrien stammen, dann noch einige weitere aus Äthiopien, Somalia und Bangladesh. "Das sind Menschen, die aus Furcht ihre Heimat verlassen und alles aufgegeben haben, was Menschsein bedeutet", sagte Schulleiter Joachim Meier in seiner Begrüßung. Und die knapp 2400 Schüler haben die Jugendlichen herzlich begrüßt. Eine beispielhafte Willkommenskultur.

"Zäune und Stacheldraht halten diese Menschen, die in ihrer Not alles zurückgelassen haben, nicht auf", sagte Oberbürgermeister Henry Schramm (CSU), der mit Landrat Klaus Peter Söllner (FW) die Schirmherrschaft übernommen hat. "Auch in Kulmbach suchen Menschen Zuflucht, und dass es hier so gut funktioniert, haben wir vor allem den vielen Ehrenamtlichen zu verdanken", lobte der OB. Es sei wichtig, "dass wir als Europäer, als Menschen zusammenstehen". Und genau darum gehe es in der interkulturellen Woche.

Die musikalische Gestaltung übernahm die elfjährige Ofeliya Guliyeva, die vor sechs Jahren selbst als Flüchtlingskind mit ihrer Familie nach Kulmbach kam. Als sie ihre Liebe und ihr großes Talent zum Klavierspielen entdeckte, erhielt sie von der Musikschule eine Förderung und konnte schon etliche Preise gewinnen. Ein weiteres Flüchtlingsschicksal, das Anlass gibt, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.


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