Margarete Hübner leidet an einer mittelschweren Demenz vom Typ Alzheimer. Sie kann gehen, sich alleine waschen, ankleiden und essen. Trotzdem braucht die 83-Jährige Aufsicht und Betreuung - ständig. Normalerweise übernimmt diese Aufgabe ihr Mann Werner, doch im Juni fiel der nach einer schweren Herzattacke plötzlich aus, musste operiert werden und verbrachte fast zwei Monate im Krankenhaus.

Plötzlich kein Einkommen mehr


Für Tochter Marion Hübner war es selbstverständlich, sich um ihre Mutter zu kümmern, doch die 54-Jährige ist in Teilzeit berufstätig, als Betreuungsassistentin für Demenzkranke im Awo-Bürgerhospital. Da sie ihre Mutter nicht mehrere Stunden allein lassen kann, bat sie ihren Arbeitgeber, sie vorübergehend freizustellen. Die Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt erfüllten diesen Wunsch bereitwillig, doch damit fiel für Marion Hübner auch ihr Einkommen weg. Bei 17 bezahlten Wochenstunden verdient sie ohnehin nicht viel, bekommt deshalb zusätzlich vom Jobcenter einen Wohnkostenzuschuss nach Hartz IV.

Aufgrund der veränderten Lage ging die 54-Jährige zum Jobcenter, beantragte den Hartz-IV-Regelsatz von 374 Euro monatlich für die Dauer ihrer Freistellung und bekam - nichts! Auch von der Pflegekasse gab es keinen Cent. Für Marion Hübner ist das völlig unverständlich: "Man kann doch die pflegenden Angehörigen nicht einfach im Regen stehen lassen. Was hätte ich denn tun sollen? Alle sagen, sie hätten Verständnis, aber helfen tut einem niemand." Zwei Monate lang führte sie immer wieder Gespräch, reichte Unterlagen ein, wartete auf einen positiven Bescheid.

Der kam nicht, weil er nicht kommen konnte. Die Sozialgesetze sehen für derartige Fälle bislang schlicht keine Hilfen vor. Sowohl Leistungen nach Hartz IV als auch die der Pflegekasse sind von der festgestellten Pflegestufe abhängig. Mobile Demenzkranke haben in der Regel keine Pflegestufe - und damit keinen Anspruch auf Leistungen. "Im Jobcenter habe ich letztlich die Auskunft bekommen, ich hätte meine Mutter in die Kurzzeitpflege bringen können und hätte dadurch weiterhin arbeiten können", sagt Marion Hübner, während Mutter Margarete zuhört. Die 83-Jährige winkt sofort ab: "Da gehe ich auf keinen Fall hin. Niemals. Ich laufe weg."

Hilfebedarf wird ignoriert


Sie hätte das ihrer Mutter nicht angetan, selbst wenn sie von vornherein gewusst hätte, dass sie keine Unterstützung bekommt, sagt Marion Hübner. "Was mich wirklich ärgert, ist die Tatsache, dass der Hilfebedarf demenzkranker alter Menschen von der Politik ignoriert wird und sich niemand dafür interessiert, wie die Angehörigen solche Situationen meistern."

Hätte Marion Hübner Geld bekommen, wenn ihre Mutter zumindest Pflegestufe I hätte? "Leider nein", sagt Norbert Halbhuber, Leiter des Kulmbacher Jobcenters. Er ist an das Gesetz gebunden, und das sagt eindeutig: Ohne Pflegestufe und bei Pflegestufe I ist dem Angehörigen Vollzeittätigkeit zuzumuten, bei Pflegestufe II muss der pflegende Angehörige bereit sein, sechs Stunden täglich eine bezahlte Beschäftigung auszuüben, und erst bei Pflegestufe III gilt Berufstätigkeit als unzumutbar.

Dass die Vereinbarung von Berufstätigkeit und Pflege in vielen Fällen nicht praktikabel ist, ist Halbhuber bewusst. "Das ist eine Grauzone, die noch nicht zufriedenstellend geregelt ist."

Das sehen auch die Mitarbeiter der AOK-Pflegekasse so, die theoretisch als weiterer Geldgeber in Frage kommt, praktisch aber nicht helfen kann - zumindest derzeit.

2013 lässt hoffen


Doch es gibt Hoffnung für alle, die sich in ähnlicher Situation wiederfinden wie die Familie Hübner. Zum 1. Januar 2013 erfolgt eine Reform der Pflegeversicherung, die erstmals Leistungen für Demenzkranke ohne körperliche Pflegebedürftigkeit vorsieht. "Dann hat man die Wahl zwischen einem Pflegegeld von 120 Euro im Monat oder Sachleistungen von 225 Euro.

Auch ohne Pflegestufe wird dann Geld für die Verhinderungspflege bezahlt, sodass während Krankheit oder Urlaub Kurzzeitpflege finanziert werden kann. Dafür gibt es 1550 Euro für maximal 28 Tage, so Heinrich Heins, Referent für leistungsrechtliche Fragen. "Zwar unterstellt der Gesetzgeber bei Verwandten bis zum zweiten Grad eine moralische Verpflichtung, die Pflege zu übernehmen, aber wenn dadurch Verdienstausfall entsteht, haben wir künftig die Möglichkeit, ihn bis zur Höchstgrenze von 1550 Euro auszugleichen."

Eine optimale Lösung ist das zwar noch nicht, aber immerhin ein Anfang, meint Heins. Für ihn wäre die beste Lösung, "wenn der Pflegebedürftigkeitsbegriff erweitert würde". Dann würde der Betreuungsaufwand für Demenzkranke in die Pflegeeinstufung des Medizinischen Dienstes (MDK) einfließen. Das würde viele pflegende Angehörige entlasten, denn in der Pflegestufe I gibt es immerhin 235 Euro Pflegegeld monatlich, in der Stufe II 440 Euro.