Neuenmarkt

Syrisches Schicksal als Schulprojekt

In einem Unterrichtsprojekt lernten die Neuenmarkt-Wirsberger Grundschüler, sich in die Lage ihrer neuen Klassenkameraden aus Syrien hineinzuversetzen. Sogar ein Fühlparcours war aufgebaut, der den Leidensweg der Asylbewerber deutlich machte. Am Ende zeigte sich: Die Hilfsbereitschaft wächst.
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"Wir lernen heute die arabische Sprache kennen", lautete die Vorgabe in dieser Station an der Grundschule Neuenmarkt-Wirsberg. Links der syrische Mathematiklehrer Abdulla Zaal, Dritte von links Förderlehrerin Petra Pieper und rechts Konrektorin Sabine Mörlein. Fotos: Werner Reißaus
"Wir lernen heute die arabische Sprache kennen", lautete die Vorgabe in dieser Station an der Grundschule Neuenmarkt-Wirsberg. Links der syrische Mathematiklehrer Abdulla Zaal, Dritte von links Förderlehrerin Petra Pieper und rechts Konrektorin Sabine Mörlein. Fotos: Werner Reißaus
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Die Klassen der Grundschule Neuenmarkt-Wirsberg führten ein ambitioniertes und zugleich wichtiges Projekt durch, das sich mit der Situation der Flüchtlingskinder befasst. Die Schüler sollen sich mehr in die Lage dieser Kinder hineinversetzen können und kindgerecht mit entsprechenden Informationen versorgt werden.

Konrektorin Sabine Mörlein verwies auf das große Wohnheim in der Wirsberger Straße und erklärte den Hintergedanken der gemeinsamen Projektarbeit: "Es geht darum, unseren Kindern klar zu machen, was die Kinder, die ständig neu bei uns in der Schule ankommen, durchlebt haben. In der Bevölkerung gibt es ja durchaus kritische Stimmen, und wir haben gemerkt, dass die Kinder das zum Teil unflektiert in die Schule mitbringen. Es herrscht ein Halbwissen, ebenso wie bei vielen Erwachsenen."

Die Idee zur Projektarbeit kam vor gut einem Monat aus dem Kollegium, und zwar von Jennifer Hansl.
"Wir hoffen, dass die Kinder ihre Eindrücke auch nach Hause tragen, ihren Eltern davon erzählen und dadurch auch eine Empathie für die Kinder entwickeln, die zu uns kommen."

In den einzelnen Klassenzimmern wurden verschiedene Stationen aufgebaut. Los ging es mit der authentischen Geschichte "Bestimmt wird alles gut". Diese handelt von einer syrischen Familie, die ein ganz normales Leben führte. Die Kinder Rahaf und Hassan lebten mit Eltern und Großeltern in einem großen Haus, der Vater ist Arzt, allen ging es gut. Irgendwann aber kamen Flugzeuge mit Bomben, und immerzu kämpften Männer mit Panzern und Gewehren auch in den Straßen. Manche Männer sind hinterher nicht mehr aufgestanden. In Syrien herrschte Bürgerkrieg. Die Familie hatte Angst um ihr Leben. Als der Vater dann beschließt, dass er für seine Kinder eine sichere Zukunft will, fliehen alle aus ihrem Heimatland.

Zunächst war die Familie mit dem Flugzeug bis Ägypten unterwegs, dann stieg man auf ein kleines Boot, das völlig überladen war. Das Gepäck wurde nicht mitgenommen, sondern es blieb am Ufer stehen. Eltern und Kinder hatten nichts mehr, keine Jacken, keine Pullover. Das kleine Mädchen war verzweifelt, weil ihr Rucksack mit der Lieblingspuppe auch zurückblieb.

"Das ist eine Geschichte, in die sich die Kinder sehr gut hineinfühlen können", sagte Sabine Mörlein. Die Familie kommt in Italien an und fährt dann mit dem Zug nach Deutschland. "Bis dahin", so die Konrektorin weiter, "haben wir es in der Klasse gelesen, und dann ging es in Stationen in den Klassen weiter, jede Stunde in einem anderen Zimmer, bis die Geschichte zu Ende ist und erzählt wird, wie die Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen werden."

Die Kinder bekamen dabei auch die Frage gestellt, was sie selbst tun können, damit sich die Flüchtlingskinder schneller wohlfühlen. Zudem war in einer Station ein Fühlparcours aufgebaut, wo alle barfuß und mit Gepäck ein Stück laufen sollten, um zu spüren, wie es vielleicht auf der Flucht gewesen sein könnte. Schließlich stand mit Abdullah Zaal aus Syrien ein Mathematiklehrer zur Verfügung, der gegenwärtig in der Zentralunterkunft in Neuenmarkt wohnt. Er versuchte zusammen mit Förderlehrerin Petra Pieper den Kindern einige wichtige Grundbegriffe der arabischen Sprache beizubringen. Dabei durften die Kinder sogar versuchen, arabische Schriftzeichen nachzumalen, um zu verstehen, wie schwer es für die Flüchtlingskinder ist, deutsche Buchstaben zu schreiben.
Der 35-jährige Syrer hat seine Mithilfe selbst angeboten. Er gibt den Kindern im Wohnheim auch Mathematikunterricht: "Ich bin heute das erste Mal hier in der Schule und ich möchte gerne helfen. Dieses Projekt ist sehr schön. Ich lerne gegenwärtig Deutsch an der Universität in Bayreuth", berichtete Zaal.

Lehrerin Jennifer Hansl hatte den Anstoß für das Projekt gegeben: "Wir hatten im letzten Jahr schon Flüchtlingskinder in den Klassen. Mir war es wichtig, dass unsere Mädchen und Jungen erfahren, wo die ausländischen Kinder herkommen und aus welchem Grund."

Die neunjährige Joy-Fabienne Papaja stellte am Ende des Projekts fest: "Der Vormittag ging mir sehr zu Herzen, weil wir das Thema sonst noch nie hatten. Jetzt kommen ja ganz viele Flüchtlingskinder zu uns, und wir wollen ihnen auch helfen. Wir haben einen Schüler in unserer Klasse, der sehr schnell Deutsch lernt, und wir spielen mit ihm auch in der Pause. Er hat sich bei uns schon gut eingelebt und fühlt sich wohl."

Der ebenfalls neunjjährige Leon Saleh äußerte sich ähnlich: "Ich werde auch versuchen, den Flüchtlingskindern zu helfen, damit sie mehr Deutsch lernen. Deshalb spreche ich viel mit dem Emir, weil ich will, dass er auch mit uns spielen kann und hier Freunde hat. Man braucht einfach Freunde im Leben."

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