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Mainleus
Kult-Film

"So weit die Füße tragen": Mainleus war Drehort

1959 flimmert die erste TV-Serie über die Mattscheibe: "So weit die Füße tragen". Sie hält die Nation zehn Wochen in Atem und wird zum ersten großen Straßenfeger in der Geschichte des Fernsehens. Was kaum jemand weiß: Gedreht wurde größtenteils in Mainleus und Burghaig.
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Stellungsprobe im Sägewerk Mainleus: Der flüchtige Clemens Forell (Heinz Weiss) probiert ein Versteck. An seiner Seite Techniker und Kameraleute. Foto: Ingrid Umgelter
Stellungsprobe im Sägewerk Mainleus: Der flüchtige Clemens Forell (Heinz Weiss) probiert ein Versteck. An seiner Seite Techniker und Kameraleute. Foto: Ingrid Umgelter
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"Lumpen", schreit einer, "Banditen", "Verbrecher!" Er bringt die MP in Anschlag und stößt in seine Trillerpfeife. Ein anderer, mit Rucksack und Ballonmütze kullert den Bahndamm hinunter, robbt durch den Schnee, verkriecht sich in den Schatten einer Mauer. Hektisch bricht er die erbeutete Geldkassette auf und stopft die 1100 Rubel in die Manteltasche. Suchhunde schlagen an. Quietschend fährt ein Dampflokomotive ins Lager ein. Der Mann keucht den Bahndamm hoch, springt auf einen Puffer und taucht in einem Waggon unter. Gerettet. Schnitt. Blende.

Die dramatische Flucht des deutschen Kriegsgefangenen Clemens Forell trifft den Nerv der Zeit "So weit die Füße tragen" wird der erste Blockbuster des Deutschen Fernsehens.


Einschaltquote: über 90 Prozent

Wenn zwischen Februar und April 1959 die sechs Folgen vierzehntägig über die ovalen Mattscheiben flimmern, laufen über 90
Prozent der Geräte. Jung und Alt, Freunde, Bekannte, Nachbarn quetschen sich, gebannt und berührt, um die klobigen Schwarzweiß- Kästen.
Doch Fritz Umgelters Verfilmung von Josef Martin Bauers Bestseller "So weit die Füße tragen" (1955 erschienen) schreibt nicht nur wegen der Einschaltquote TV-Geschichte, sondern auch wegen ihres Formats. Mit dem Mehrteiler hält die Serien-Dramaturgie Einzug. 1960 legt Umgelter mit der Reihe "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" nach. 1962 folgt der nächste Blockbuster: Francis-Durbridge-Sechsteiler "Das Halstuch". Serien etablieren sich: "Dr. Kimble auf der Flucht", "Lassie", "Tim Frazer", "Bonanza", "Columbo".



Mainleus im Hollywood-Fieber

Ende September 1958 zieht ein 60-köpfiges Filmteam in Mainleus ein. Vier Wochen wird auf dem Werksgelände der Spinnerei und in Burghaig gedreht, bei einer extrem kurzen Gesamtdrehzeit von fünf Monaten. Vorangegangen sind Atelier-Aufnahmen in den Bavaria-Studios Geiselgasteig, Außenaufnahmen in Finnland (wegen Rentiere), am Schweizer Jungfraujoch (wegen Schlittenhunden), der Rest aus Kostengründen in Bayern: bei den Tatzlwurm-Wasserfällen, in Sudelfeld und Bayrischzell. Mainleus ist wegen der malerische Kulisse des Sägewerks und des Gleisanschlusses ideal, doch dazu kommt ein privates Motiv: die Frau des Regisseurs, Ingrid Umgelter, ist die Tochter des Vorstandsvorsitzenden der Kulmbacher Spinnerei, Dr. Ernst Lipowsky. Die Nutzung des Werksgeländes ist also kein Problem.

Vier Wochen grassiert unter den 1500 Betriebsangehörigen in Mainleus Hollywood-Fieber. Einige wirken als Statisten mit, der Spinnereiarbeiter Machmud Turdi erhält eine Kleinrolle.

Hunderte von Zaungästen verfolgen die Dreharbeiten im Sägewerk, mit Batterien von Jupiterlampen, Nebelfluid, Kunstschnee und Action-Szenen. Aus Neunmarkt wird eigens eine Dampflok nebst Waggons geordert, die in eine "Russenlok" verwandelt wird. Bahndamm, Baracken, Werksschuppen dienen als vielseitige Szenerie: mal ist es die Bahnstation Ulan-Ude an der Transsibirischen Eisenbahn, mal Albakan, mal das Holzlager Machatschkala am Kaspischem Meer.


Stausee wird reißender Fluss

Auch das Kraftwerk Burghaig kommt zu Filmehren: Der Stausee wird zum reißenden Fluss Terek im Kaukasus, den Forell zusammen mit drei Schmugglern vor der iranischen Grenze überwinden muss.

Die phänomenale Wirkung, die der 350-Minuten-Film bei vielen Zeitgenossen hinterlassen hat, erklärt sich nicht nur aus seiner Thriller-Qualität. Hinzu kommt das Gefühl von Authentizität, das sich einstellt. Fritz Umgelter hat bewusst die Rollen mit ehemaligen "Landsern" besetzt, die den "ganzen Dreck" erlebt haben. Heinz Weiss, der Clemens Florell spielt, ist schwer verwundet worden. 1959 steht den Zuschauern der Zweite Weltkrieg noch vor Augen. 11 Millionen Deutsche sind mobilisiert worden, 3,12 Millionen SS- und Wehrmachtsangehörige in sowjetischer Gefangenschaft geraten, davon 35 Prozent in Arbeitslagern umgekommen. Zwar holt Bundeskanzler Konrad Adenauer 1955 die letzten Gefangenen zurück, doch "russische Kriegsgefangenschaft" bleibt ein kollektives Trauma.


Balsam für deutsche Seele

Entscheidend für den Riesenerfolg ist aber etwas anderes: das Flucht-Epos ist Balsam für die deutsche Seele. Für Millionen ist der Mehrteiler ein Befreiungsschlag, er trägt dazu bei, die deutschen Verbrechen zu relativieren. Vor dem Hintergrund von NS-Gräuel, Schuld-Verstrickung und Auschwitz-Prozessen zeigt er den sauberen, anständigen deutschen Landser in der Rolle des Opfers bolschewistischer Brutalität.
In seinem Überlebenskampf ist Oberleutnant Forell eine starke Identifikationsfigur. Vier Jahre verbringt er in den Stollen des Bleiwerks von Kap Deschnew, bevor er im Oktober 1949 den Ausbruch wagt. In übermenschlichen Strapazen schlägt er sich durch Eiswüsten und Steppen von Tundra und Tantra in Richtung Iran durch. Als er Weihnachten 1952 wieder in seiner Heimatstadt München ankommt, ist er seelisch und körperlich ein Wrack. Der Film lässt offen, ob er sich zu seiner Frau und den Kindern traut - aus Angst, sie würden ihn nicht mehr erkennen.

Der Film ist ein Kind seiner Zeit. Aus heutiger Sicht gewiss angreifbar, wie es am massivsten der Kolumnist Harald Martenstein unternimmt (siehe Artikel: "Vernichtende Kritik").


Wolfgang Schoberth referiert unter dem Thema "Soweit die Füße tragen" - eine Filmlegende der Nachkriegszeit" am Donnerstag, 14. Januar, im Mönchshof-Bräuhaus.
Bei dem Vortrag im Rahmen des Programms des Colloquium Historicum Wirsbergens (CHW) werden auch die Szenen vorgeführt, die in Mainleus und Burghaig gedreht worden sind. Der Besuch ist kostenlos. Beginn ist um 19.30 Uhr im Mönchshof-Bräuhaus (vierter Stock).


Interview


Ein riskantes Experiment


Ingrid Umgelter, die Ehefrau des Regisseurs, zu den Dreharbeiten in Mainleus und zur Bedeutung des Films.

Frau Umgelter, das Thema Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen lag 1958 in der Luft. Josef Martins Bauers Roman "So weit die Füße tragen" hat eingeschlagen. War bei ihrem Film der Erfolg fest eingepreist?
Ingrid Umgelter: Von dem unglaublichen Erfolg waren wir völlig überrascht. Natürlich war das Thema virulent. Damals gab es so gut wie keine Familie, die nicht von Krieg, Tod oder Gefangenschaft betroffen gewesen wäre. Was uns weit mehr überrascht hat, war etwas anderes: Wie ein Mehrteiler mit 350 Minuten Länge, episch breit und bildreich erzählt, bei den Zuschauern angekommen ist. Es war ja der erste "Fernsehroman", ein verfilmter Fortsetzungsroman. Ein für uns riskantes Experiment.
Erinnern Sie sich an den Dreh in Mainleus?
Ganz genau. Es war meine erste Regieassistenz, und wir drehten Tag und Nacht. Ich war unglaublich angespannt. Die Arbeitsatmosphäre im Team war allerdings traumhaft, wir waren eine große Familie. Mein Mann und die Schauspieler kannten sich alle untereinander, Heinz Weiss seit seiner Zeit am Augsburger Theater. Sie waren lebenslang eng miteinander befreundet, ich bin es noch heute mit seiner Frau und seiner Familie.

Den Fotos der Proben sieht man an, dass es auch viel Spaß gegeben haben muss.
O ja. Den meisten Spaß hat uns das Aufmotzen der "Russenlok" gemacht. Doch auch die irren Verfolgungsjagden auf dem Werksgelände. Intern haben wir immer gejoked: "Also weiter mit unserem wilden Osten", in Anspielung auf Western.

Der Film hat 58 Jahre auf dem Buckel. Was halten Sie heute von ihm?
Ein unglaubliches Produkt, wenn man die Umstände bedenkt: Wir konnten damals im Kalten Krieg natürlich nicht an den Originalschauplätzen drehen, wir mussten ausweichen, hatten aber dafür kein Geld. Die Außenaufnahmen in Finnland zum Beispiel durften nicht länger als einen Tag dauern. Kamera und Technik waren primitiv, der Termindruck entsetzlich. Jeweils bis kurz vor dem Sendetermin haben die Cutter das Filmmaterial bearbeitet, damit die Folge ausgestrahlt werden konnte.

Die Fragen stellte Wolfgang Schoberth




Vernichtende Kritik

Der umstrittene Journalist und Autor Harald Martenstein (Die Zeit) hat eine vernichtende Kritik über den Film geschrieben:

"In gewisser Weise war ,So weit die Füße tragen' der erste Holocaust-Film, ein Holocaust-Film, in dem wir Deutsche die Juden spielen. Die Viehwaggons, das Lager, die grausamen Wächter, Hunger und Hoffnungslosigkeit - nichts fehlt, außer den Gaskammern selbstverständlich.
Die undankbare Rolle der Deutschen wird freundlicherweise von den Russen übernommen. Die deutschen Männer haben sich vorm Fernseher gründlich ausgeweint. Mit dem Leid ihrer Kriegsgefangenen haben die Deutschen einen Gegenmythos geschaffen. Das Drama ihrer Gefangenschaft war Antwort auf die Anklagen, die sie verschiedentlich hören müssen.
Die Serie ist ein Beweis für die Attraktivität der Opferrolle. Opfer zu sein: keine schöne Sache. Es überstanden zu haben und Opfer gewesen zu sein: die beste Rolle der Welt.
So weit die Füße tragen" wird das Nationalepos des westdeutschen Staates." W. S.
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