Stadtsteinach
Stadtgeschichte(n)

Simon Köstner - Glücksfall für Stadtsteinach

Vor 150 Jahren wurde Simon Köstner in Stadtsteinach geboren. Seine geschichtlichen Forschungen und sein schriftstellerisches Schaffen waren für ihn eine Berufung, von der die Nachwelt bis heute profitiert.
Artikel drucken Artikel einbetten
Ein Aquarell von Simon Köstner diente um 1910 als Vorlage für Ansichtskarten, die in der gesamten Welt Werbung für Stadtsteinach machten. Reproduktion: Siegfried Sesselmann
Ein Aquarell von Simon Köstner diente um 1910 als Vorlage für Ansichtskarten, die in der gesamten Welt Werbung für Stadtsteinach machten. Reproduktion: Siegfried Sesselmann
+3 Bilder
Viele Stadtsteinacher kennen am Haus in der Hauptstraße 1 die in Sandstein gehauene Bezeichnung "Eisenhandlung Simon Köstner". Und einige Interessierte wissen von einem Simon Köstner, der die Geschichte der Stadt Stadtsteinach niederschrieb. Doch was dieser Mann, der vor 150 Jahren hier geboren wurde, für vielfältige Fähigkeiten besaß und wie sein Leben verlief, ist leider in Vergessenheit geraten.

In der Knollsgasse, heute Knollenstraße 7, befand sich seit 1687 ein Hufschmied. Weil sein Gewerbe für die Stadt eine erhebliche Brandgefahr darstellte, lag dieses Haus einsam außerhalb der Stadtmauern. Und seit 1810 ist mit der Familie Michael Köstner beginnend über sechs Generationen hinweg das Schmiedehandwerk dort ansässig. Im Jahre 1865 wurde dort Simon Köstner als erstes von fünf Kindern geboren. Sein Vater war der Schmiedemeister Joseph Köstner, seine Mutter Eva stammte von Bergleshof und war eine geborene Hildner.

Simon Köstner wurde nicht Schmied. Die Familientradition zu pflegen, das überließ er seinem jüngeren Bruder Georg. Er selbst wählte die Laufbahn eines Lehrers. Seine ersten Anstellungen im Schuldienst waren in Altenbanz, Marienroth, Ebensfeld und um 1890 auch in Stadtsteinach. Doch im Alter von 29 Jahren musste der junge Lehrer 1894 wegen "körperlichen Leidens" den Volksschuldienst beenden. Kurz darauf übernahm er eine Eisenhandlung in der Hauptstraße 1.

Literarische Denkmale

Bereits 1890 hatte Simon Köstner eine Tochter des Rektors, Stadtschreibers und Bezirkshauptlehrers Johann Hebentanz aus der Knollenstraße 1 geheiratet. Seine Ehefrau Antonie Katharina Mathilde Hebentanz war in Wartenfels geboren worden. Deren Mutter, eine geborene Daig, stammte aus Reichenbach, die den Junglehrer Johann Hebentanz heiratete, der später in Stadtsteinach mit 78 Jahren als oberster Lehrer des Kreises Stadtsteinach seinen Dienst beendete. Diese verwandtschaftlichen Beziehungen sollten in den späteren Werken Simon Köstners eine bedeutende Rolle spielen. Sowohl der Mutter seiner Schwiegermutter setzte er ein literarisches Denkmal, als auch der Familie seiner Mutter aus Bergleshof.

Sein Hauptwerk für Stadtsteinach ist zweifellos das Verfassen einer Chronik und die Beschreibung der Stadt Stadtsteinach aus dem Jahre 1897. Im Jahre 1558 hatte ein Stadtschreiber im Auftrag des Bürgermeisters Lang und des Rates das alte Stadtbuch verfasst. Simon Köstner schreibt in seinem Vorwort: "Seit 300 Jahren hatte sich kein Schreiber, Mensch oder Rat mehr gefunden, gleich jenen von 1558. Die Leute sind selten, die Arbeiten umsonst tun. Auch finden sich selten Interesse, Zeit und Lust zur mühseligen Arbeit beisammen."

Der nun pensionierte Lehrer machte sich die Arbeit, alle Urkunden der Stadt, alle Kirchenakten und weitere Quellen zur Geschichte Stadtsteinachs zusammenzutragen. Seine Arbeit besitzt einen unschätzbaren Wert und ist das Fundament für alle heimatverbundenen, geschichtlich Interessierten.

Über Menschen aus dem einfachen Volk

Nur die Sprache seiner Texte lässt deutlich einen Spätromantiker erkennen, der sich gerne der Sagen- und Mythenwelt hingibt. Nicht die Fürsten und Herrscher schreiben bei ihm Geschichte, sondern Menschen aus dem einfache Volk, das Alltagsgeschehen, die Sorgen und Nöte der ärmlichen Bauern und die Familienbande - umgeben von der Schönheit und der Grausamkeit der Natur, aber auch dem Schicksal, das sich immer wieder zur Harmonie hinwendet. Seine historischen Arbeiten widmete Köstner dem "besten Ortspatrioten, seinem Schwiegervater, und seiner geliebten Schwiegermutter und deren großes Geschenk an ihn, seine Gattin."

Ähnlich schrieb er 1909 einen "Führer der Sommerfrische Stadtsteinach und Umgebung" und stattete ihn mit vielen selbstgefertigten Zeichnungen aus - ein gelungenes 88-seitiges Werk mit Fotografien und einem interessanten Werbeteil in Sachen Fremdenverkehr.

Dieses romantische, heimatgeschichtliche Denken war die Basis für sein literarisches Schaffen als Dichter und Literat. In einem Bändchen mit zwölf Reimungen "Mein Durchdringen - aber nicht Gelingen" begann er erste philosophische Gedanken niederzuschreiben. Weiterhin sind zu nennen "Steinaha - ein sinfonisches Heimatgedicht in sieben Gesängen", ferner ein Völker-Epos, zwei Bände ,,Reise einer Römerin" sowie die Beschreibung zweier Familienreisen 1923 nach Palermo und 1930 nach Paris. Wie schön: Aus dem Frankenwald nimmt er ein Fichtenbäumchen mit nach Frankreich und pflanzt es bei Reims auf das Grab seines im Ersten Weltkrieg als Fliegerleutnant abgestürzten Sohnes Rudolf (1896-1918). Wahrheit oder Wunsch des leidenden Vaters - das ist nicht zu beantworten.

In seinem Landstädtchen-Roman "Die Bürgermeisterwahl" lässt Simon Köstner die Welt der kleinstädtischen Sorgen und Freuden in Form von verschiedenen Gestalten auftreten. Leider wurde dieses 153-seitige Werk nicht gedruckt.

Die Liebe zum Dialekt

Zwei Werke erschienen im Druck, die den Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits ein Denkmal setzten. Das erste, "Die Hofbäuerin - das Epos einer Einzel im Frankenwald" erzählt vom Leben auf dem Bergleshof. Besonders in diesem Werk spürt man die Liebe Köstners zu seinem Stadtsteinacher Dialekt. So findet man liebevolle Ausdrücke wie Glotzhenna, alta Waafm, Daschkappm, Mockela. Man begibt sich beim Lesen schnell in diese Welt voller Mystik, Sterben und Geburt und Jahresablauf in Armut.

Während diese Erzählung das Bild der Hofbäuerin, der Großmutter mütterlicherseits, in großer Breite dartut, enthält die Novelle "Die Schmieds-Marienkundl - eine wahre Begebenheit" eine hübsche Handlung. Die Heldin ist in Wahrheit die Großmutter der Ehefrau von Simon Köstner. Und so wird wieder aus der verschönten Wirklichkeit heraus erzählt. Orte des Geschehens sind Schwand, Wildenstein, Reichenbach und die Schnaid bei Wallenfels.

Sehr flüssig erzählt, ist diese Darstellung das reifste Werk von Simon Köstner, wenngleich es heimatkundlich hinter dem Bergleshof-Roman zurücksteht.

Ein weiteres Betätigungsfeld des nimmermüden Patrioten sind kleine poetische Werke. Schön und humorvoll sind auch einige Gedichte in einheimischer Mundart wie ,,Zwischen Lichtna" oder ,,Das Aprilschicken".

Was macht diesen Mann und Erzähler heutiger Verehrung wert? Sicher ist es nicht nur die bescheidene Kunst seines Schreibens, sondern vielmehr, dass er in heiterer wie auch in schwerer Zeit nicht im Herzen austrocknete. Er hat die Wirklichkeit der Heimat liebevoll beobachtet und das oft karge Leben des Frankenwäldlers so lange hin- und hergewendet, bis es helle Lichter bekam. Köstner fühlt sich wohl in seinem Frankenwald. Und ihn will allen Leser näherbringen.

Völlig vergessen ist neben seinen exakten Zeichnungen der Nordeck und des Hainberges mit der Opferstätte sein malerisches Talent. Ein Aquarell von Stadtsteinach wurde um 1910 verwendet, um eine Ansichtskarte zu drucken. Diese wird inzwischen oft im Internet angeboten.

Nicht unerwähnt darf natürlich sein Interesse für die Musik bleiben. Jeder Lehrer musste zu Zeiten von Simon Köstner zumindest ein Musikinstrument beherrschen. Er pflegte das Violinspiel.

Neben diesen vielseitigen Interessen kümmerte sich Simon Köstner auch um seine Eisenhandlung, mit der er sogar Erfindergeist entwickelte.

Glücksfall für Stadtsteinach

Simon Köstner besaß eine Sehnsucht nach Harmonie in der Familie als eine Urzelle des Glücks. Er war stolz auf seine Vorfahren, denen er seine Werke widmete. Der vielseitig begabte Künstler war dankbar, in Stadtsteinach zu leben. Seine geschichtlichen Forschungen und sein schriftstellerisches Schaffen waren für ihn eine Berufung. Natürlich sind die übersinnlichen Wesen in seinen Werken dem heutigen Leser etwas fremd, ebenso die romantische Sprache. Sie brachten Leben in den schweren Alltag und sind nur in der Zeit vor über 100 Jahren zu verstehen.

Für Stadtsteinach war es ein Glücksfall, dass Simon Köstner den Schuldienst verließ. Ein Zitat, das über seinen Tod im Jahr 1939 hinausreicht, beeindruckt noch heute: "Der Höchstzupreisende von allen ist der ganz gewöhnliche Mensch."
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren