Kulmbach
Auschwitz-Gedenktag

Schock-Therapie für die Kulmbacher Nazis

Vor 70 Jahren wird in Kulmbach der Gräuelfilm "In Todesmühlen" gezeigt, die erste Dokumentation über die Arbeits- und Vernichtungslager. Sämtliche NSDAP-Mitglieder werden gezwungen, sich den Film anzusehen. Lesen Sie dazu auch das Interview mit Hans Nützel.
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Im damaligen Burgtheater (heute: Cineplex) wurde die amerikanische KZ-Dokumentation "In Todesmühlen" gezeigt. Das Kino wurde am 15. Oktober 1937 mit propagandistischem Getöse durch die NS-Reichsfilmkammer eingeweiht. In den letzten Kriegsjahren blieb es geschlossen.Foto: Bayerische Ostmark, 14. Oktober 1937
Im damaligen Burgtheater (heute: Cineplex) wurde die amerikanische KZ-Dokumentation "In Todesmühlen" gezeigt. Das Kino wurde am 15. Oktober 1937 mit propagandistischem Getöse durch die NS-Reichsfilmkammer eingeweiht. In den letzten Kriegsjahren blieb es geschlossen.Foto: Bayerische Ostmark, 14. Oktober 1937
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"Für alle Mitglieder der NSDAP, ihrer Organisationen und Gliederungen ist es Zwang, sich den dokumentarischen KZ-Film ,Die Todesmühlen', welcher z.Z. im Burg-Theater zur Aufführung gelangt, anzusehen. Der Nachweis des Besuches der Aufführung ist durch Lösung der Eintrittskarte und Abstempelung des Registrierausweises, die an der Theaterkasse erfolgt, zu erbringen. Lebensmittelkarten für die kommende Zuteilungsperiode werden nur dann ausgereicht, wenn abgestempelter Registrierschein und Eintrittskarte vorgelegt werden."

So hieß es auf schreiend roten Plakaten, die genau vor 70 Jahren in der Stadt und dem Landkreis Kulmbach ausgehängt wurden. Eines dieser zeitgeschichtlichen Dokumente hat sich im Stadtarchiv verhalten. Unterzeichnet hat die Aufforderung Oberbürgermeister Georg Hagen in Absprache mit dem US-Militärgouverneur Major Perry B. Lamson.

Der Film ist nur 22 Minuten lang, und dennoch geht er weit über das hinaus, was die meisten Menschen ertragen können. Die gezeigten Aufnahmen verstoßen radikal gegen die üblichen Dezenzregeln und verursachen Würgekrämpfe: bis zum Skelett abgemagerte KZ-Häftlinge, gepeinigte Gesichter, Todkranke aus Haut und Knochen, die den Befreiern zuwinken. Die Kamera fährt über Leichenberge, zeigt vergaste, verhungerte, erschossene, im Stacheldrahtgeflecht der Starkstromleitungen hängende Menschen.

Bulldozer kommen ins Bild, die Berge von Leichen in ausgehobene Gruben schieben. Verbrennungsöfen mit verkohlten, halbverwesten Opfern mit aufgerissenen Münden und toten Augen, die den Betrachter anstarren. Man sieht die Seziertische, an denen KZ-Ärzte ihre Menschenversuche mit Fleckfieber, Malariaerregern und Gasbrand durchgeführt haben. Es folgen Berge von Kleidungsstücken, von Brillen, von Schmuck, von Gebissen, aus denen das Zahngold gebrochen worden ist.
Die Bilder folgen im Stakkato-Rhythmus in unglaublich rasantem Tempo. Ein kühl und sachlich wirkender Sprecher kommentiert sie, unterlegt mit klassischer Musik.


Was habe ich getan?

An mehreren Stellen überblendet der Film das Entsetzliche, das die Alliierten bei der Befreiung der Lager Dachau, Buchenwald, Mauthausen, Auschwitz, Majdanek und Bergen-Belsen begegnet, mit Szenen aus Leni Riefenstahls Propagandafilm "Triumph des Willens". Man sieht Menschenmassen, die Hitler mit ausgestreckter Hand zujubeln, für ihn antreten und marschieren.

Der Kommentator fragt: "Erinnert ihr euch noch? 1933, 1936, 1939. Ich war dabei. Was habe ich dagegen getan? Und dann, als die Gestapo meinen Nachbarn holte, hab ich mich abgewandt und gefragt: ,Was geht's mich an?'" An einer anderen Stelle des Films, als die Kamera über Berge von Opfern fährt, heißt es: "Sie sind stumm, weil die Bevölkerung stumm blieb. Weil sie von ihren eigenen Nachbarn denunziert wurden. Sie mussten sterben, weil das deutsche Volk sich widerstandslos in die Hände von Verbrechern und Wahnsinnigen begab."


Ziel Umerziehung

Der Film steht im Dienste der amerikanischen Reeducation - der Umerziehung der Deutschen. Dazu gehört an erster Stelle die Konfrontation mit ihren Kriegsverbrechen. Billy Wilder und der Exiltscheche Hanuš Burger wurden vom PWD (Psychological Warfare Division) beauftragt, aus dem umfangreichen Rohmaterial einen Film zusammenzuschneiden. Am 25. Januar 1946 wird "In Todesmühlen" in München erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Kulmbacher District Governor Major Perry B. Lamson muss den Film sehr früh geordert haben, denn schon zwei Tage später läuft er im "Burgtheater" an.


Unterstützer im Stadtrat

Über die Entnazifizierung und Wiedergutmachung gibt es im Stadtrat, der im August 1945 von der Militärregierung berufen worden ist, konträre Ansichten. Als Hardliner tritt Hans Schüren hervor. Der 48-Jährige, der 1933 als KPD-Funktionär interniert worden ist, baut den KPD-Kreisverband neu auf (bald über 500 Mitglieder). Er versteht sich als Anwalt ehemaliger KZ-Insassen, die sich in beträchtlicher Zahl in Kulmbach aufhalten: "KZ-ler sind keine Wohlfahrts-Unterstützungsempfänger, sondern sie haben ein Recht auf Betreuung nach den Potsdamer Beschlüssen" (4. Dezember 1945).

Er betreibt, im Zusammenspiel mit Major Lamson, sehr erfolgreich die Ansiedlung einer KZ-Betreuungsstelle für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in Kulmbach. Umgekehrt macht sich Schüren für ein massives Vorgehen gegen ehemalige NSDAP-Mitgliedern stark. Er möchte zum Beispiel die Verpflichtung, Wäsche und Haushaltsgegenstände an Verfolgte abzugeben, auch auf die "Nutznießer der Partei" erweitern. Ebenso unterstützt er das CIC (von der Bevölkerung "amerikanische Gestapo genannt") beim Ausspüren untergetauchter NS-Funktionäre.

In puncto Entschädigung für die KZ-Opfer wird Schüren von Karl Jung unterstützt. Der liberal gesonnene Jung möchte ein radikal verändertes Gemeinwesen aufbauen. Für ihn heißt das: sich der Verantwortung stellen. In der Juni 1946 eingerichteten Spruchkammer übernimmt er den Vorsitz, Hans Schüren ist einer der Beisitzer. Viele Spruchkammer-Urteile erweisen sich als Farce, was weniger am Versagen der Laienrichter als am absurden Verfahren selbst liegt. Der SPD-Politikern Fritz Schönauer, selbst über Jahre in Konzentrationslagern geschunden, wird gegen den Ablauf der Entnazifizierung ein Groß-Demo anführen.
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