Kulmbach
Wald

Rehe richten großen Schaden an

Der Verbiss-Schaden an Jungbäumen nimmt zu. Die Förster fordern mehr Abschüsse, der Kreisjagdberater warnt vor zu starker Dezimierung.
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Rehverbiss an kleinen Rotbuchen: Die Bissstelle ist ausgefranst, weil sie nur im Unterkiefer Schneidezähne haben und daher eher rupfen statt beißen. Beim Hasenverbiss sind die Kanten glatt abgeschnitten wie mit einem Messer.  Foto: Adriane Lochner
Rehverbiss an kleinen Rotbuchen: Die Bissstelle ist ausgefranst, weil sie nur im Unterkiefer Schneidezähne haben und daher eher rupfen statt beißen. Beim Hasenverbiss sind die Kanten glatt abgeschnitten wie mit einem Messer. Foto: Adriane Lochner
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Rehe sind Leckermäulchen, sogenannte Konzentrat-Selektierer, das heißt, sie suchen gezielt nährstoffreiche Kräuter. Ein besonderer Leckerbissen für Rehe - zum Leidwesen der Förster und Waldbesitzer - sind die Knospen und Triebe von jungen Bäumchen. Auch da unterscheiden sich die vierbeinigen Feinschmecker: Bevor sie Fichten oder Kiefern anknabbern, machen sie sich lieber über Laubbäume her wie Buche, Eiche, Ahorn, Esche oder Wildkirsche.

Dieser sogenannte Verbiss ist für die Bäume fatal. "Sie bleiben klein und kümmern vor sich hin. Ein zehn bis zwölf Jahre alter Baum sieht dann aus wie ein japanischer Bonsai", erklärt Gerhard Lutz, Abteilungsleiter für den Landkreis Kulmbach im Forstamt Stadtsteinach. Dabei möchte man in der Forstwirtschaft standortgerechte Mischwälder fördern. In Trockenperioden sind diese weniger anfällig als reine Fichtenkulturen für Schädlinge wie den Borkenkäfer - ein Problem, das in den vergangenen Jahren zugenommen hat.


Verbiss durch Rehwild hat stark zugenommen

Alle drei Jahre erstellen Forstamtsmitarbeiter sogenannte Forstliche Gutachten für die sechs Kulmbacher Hegegemeinschaften: Roter Main, Trebgast, Frankenwald, Frankenwald Oberland, Jura und Kulmbach - jede umfasst ein Gebiet mit etwa 20 Jagdrevieren. Mithilfe eines Rasterverfahrens werden dabei stichprobenartig die Jungbaumbestände untersucht. Das Ergebnis: Der Verbiss durch Rehwild hat stark zugenommen, vor allem Laubhölzer sind betroffen. Während im Jahr 2012 der Verbiss lediglich in drei der sechs Hegegemeinschaften als "zu hoch" eingestuft wurde, waren es 2015 schon fünf. Die Ergebnisse der Forstlichen Gutachten für alle Hegegemeinschaften in Bayern können auf der Website www.wildtierportal.bayern.de eingesehen werden.

"Der Verbiss steht in enger Korrelation zur Rehwilddichte", sagt Lutz. Die scheuen Wildtiere kann man nicht zählen, daher ist das Forstliche Gutachten ein wichtiger Faktor, wenn es darum geht, Abschusspläne festzulegen. Das Prinzip: Je mehr Jungbäume verbissen sind, desto mehr Rehe gibt es, desto mehr müssen erlegt werden. Jedoch kann der zunehmende Verbiss auch andere Ursachen haben. Lutz zufolge haben Borkenkäfer und Windwurf in den vergangenen Jahren freie Flächen in den Wäldern geschaffen, die gleichzeitig Schutz und Nahrung bieten.


Nicht mehr dämmerungsaktiv

Hinzu kommt der wachsende Freizeitdruck: Jogger, Nordic Walker und Mountainbiker nutzen die Feldwege mittlerweile zu jeder Tageszeit. Die Folge: Rehe halten sich lieber im Wald auf. Lutz sagt: "Früher war das Reh dämmerungsaktiv, jetzt ist es ein Nachttier, die traditionelle Ansitzjagd funktioniert nur noch teilweise."

Kreisjagdberater Clemens Ulbrich ist ähnlicher Meinung. Ihm zufolge könne die Jägerschaft auf den zunehmenden Verbiss reagieren durch sogenannte Schwerpunktbejagung. Dazu stellt man leichte, transportierbare Hochsitze im Wald auf und bejagt das Rehwild gezielt in der Nähe einer Verjüngung. Eine andere Option ist die Drückjagd. Dabei durchkämmen Treiber ein Waldgebiet, das von Schützen umstellt ist - eine gängige Methode bei der Jagd auf Wildschweine. Ulbrich sagt: "Nichts spricht gegen Drückjagden auf Rehe, solange nur auf stehendes Wild geschossen wird." Im Bayerischen Waldgesetz ist der Grundsatz "Wald vor Wild" verankert. Ulbrich zufolge ist das eine sehr einseitige Sichtweise. Er warnt davor, das Rehwild zu stark zu dezimieren. "Wild gehört genauso zu unserer Landschaftskultur wie Wald und Feld. Wir sollten es an die nächsten Generationen weitergeben", so Ulbrich.

Förster Lutz zufolge können auch Waldbesitzer ihren Teil dazu beitragen, den Verbiss an ihren Jungbäumen zu mindern. Zäune bieten zwar Schutz vor hungrigen Rehen, sobald jedoch die Bäume etwa 1,50 Meter hoch sind, sollte man den Zaun entfernen. So haben die Rehe einen Rückzugsbereich, in dem sie keinen Schaden anrichten. Sie knabbern lediglich an den unteren Knospen und das ist für den Baum unbedenklich. "Esst mehr Reh" - ein weiterer Ratschlag, denn viele Jäger haben Schwierigkeiten, das Wildbret zu verkaufen.

Das A und O für ein gutes Miteinander - da sind sich Lutz und Ulbrich einig - ist die Kommunikation zwischen Waldbesitzern und Jägern. Seit zwei Jahren bietet das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten gemeinsame Revierbegänge an. Ulbrich sagt: "Wenn jeder sein eigenes Ding macht, kommt keiner weiter."

Abschussplan

Ein Abschussplan schreibt dem Jäger vor, wie viele Rehe er in seinem Revier erlegen muss. Alle drei Jahre werden die Abschusspläne neu festgelegt, in Kulmbach ist es dieses Jahr wieder so weit. Dazu wird der Jagdbeirat tagen, bestehend aus Vertretern der Unteren Jagdbehörde, der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft, der Jagdgenossenschaften, der Jäger und des Naturschutzes. Wesentliche Faktoren für die Planung der Abschüsse sind die Forstlichen Gutachten sowie Revierweise Aussagen der Förster zur Verbisssituation in einzelnen Jagdrevieren. alo



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