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Mainleus
Filmproduktion

Mainleus wieder im Hollywood-Fieber

In den nächsten Tagen beginnen in der Spinnerei die Dreharbeiten zu "Anne Frank". Schon einmal war der Ort Kulisse für einen wichtigen Historienfilm: "Soweit die Füße tragen" - der erste Straßenfeger in der Geschichte des deutschen Fernsehens. Ein Spinnereiarbeiter kam damals ganz groß heraus.
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Gespenstischer nächtlicher Dreh: die Einfahrt einer Dampflokomotive mit russischem Stern, aufgenommen im Sägewerk der Kulmbacher Spinnerei. Rechts am Set (mit Hut und Mantel) Regisseur Fritz Umgelter, daneben Schauspieler. Foto: Archiv der Kulmbacher Spinnerei
Gespenstischer nächtlicher Dreh: die Einfahrt einer Dampflokomotive mit russischem Stern, aufgenommen im Sägewerk der Kulmbacher Spinnerei. Rechts am Set (mit Hut und Mantel) Regisseur Fritz Umgelter, daneben Schauspieler. Foto: Archiv der Kulmbacher Spinnerei
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Eine Quote, die heute nicht einmal in einem WM-Finale mit deutscher Beteiligung erreicht wird: Über 90 Prozent der Fernsehgeräte waren eingeschaltet. Zwischen Februar und April 1959 klebten die Menschen alle 14 Tage an den kleinen Schwarzweiß-Mattscheiben, wenn der Sechsteiler über den Sender ging. "Soweit die Füße tragen" unter der Regie des damals wichtigsten Filmemachers Fritz Umgelter war der erste Blockbuster des Fernsehens.

Im stillgelegten Werk Mainleus der Kulmbacher Spinnerei - an gleicher Stelle wie vor 57 Jahren - beginnt in den nächsten Tagen die Produktion von "Anne Frank". Der Dreh für "Soweit die Füße tragen" dauerte damals fünf Monate. Die Innenaufnahmen entstanden in den Bavaria-Studios in Geiselgasteig, die Außenaufnahmen in Finnland, den Schweizer Bergen - und in Bayern. Hier waren die Hauptdrehorte Burghaig (Kraftwerk) und Mainleus (Sägewerk der Spinnerei). Die Gründe: eine ideale Kulisse und persönliche Beziehungen. Dr. Ernst Lipowsky, Vorstandsmitglied und Betriebsleiter der Spinnerei, ist der Schwiegersohn Fritz Umgelters. Ihm fällt es leicht, bei Geheimrat Fritz Hornschuch eine Drehgenehmigung auf dem Werksgelände zu erwirken.


60-köpfiges Filmteam
Für vier Wochen, im November 1958, grassiert bei den 1500 Mitarbeitern der Mainleuser Spinnerei Hollywood-Fieber. Die "Betriebs-Zeitung KSP" berichtet vom Anrücken des 60-köpfigen Filmteams und den aufwändigen Dreharbeiten.

Man kann die Details nachlesen: Hunderte von Zaungästen beobachten, wenn Fritz Umgelter das Sägewerk in ein sibirisches Holzfällercamp umfunktioniert. Kunstschnee wird aufgetragen und Nebelfluid verdampft, der die nächtliche Szenerie gespenstisch durchzieht. Stampfend und wild fauchend fährt eine Dampflokomotive ein. Die Laderampe und die seitlich aufgetürmten Baumstämme und Holzstapel werden in das gleißende Licht von Jupiterlampen getaucht.


Große Rolle für Machmud Turdi
Bei einigen Szenen dürfen die Werksangehörigen als Statisten mitwirken. Einen größeren Part spielt der 41-jährige Machmud Turdi. Er ist einer von acht ehemals usbekischen Kriegsgefangenen, die 1944 zum Arbeitseinsatz nach Mainleus gekommen und nach dem Krieg geblieben sind. Turdi spielt einen russischen Bahnvorsteher, der dem deutschen Kriegsgefangenen bei der Flucht behilflich ist (siehe unten stehendes Interview mit seinem Sohn Norbert).

Die unvergleichliche Popularität des 400-Minuten-Thrillers hat verschiedene Gründe: grandiose Naturkulissen, eine atemberaubende Handlung, die durch die Serien-Dramaturgie zusätzlich auf Spannung getrimmt wird. Vor allem das Gefühl von Authentizität, das sich bei den Zuschauern einstellt. Dies hängt damit zusammen, dass die Hauptrolle des aus einem sibirischen Lager flüchtenden deutschen Strafgefangenen von Heinz Weiss gespielt wird, der selbst im Krieg schwer verwundetet worden ist. Doch auch mit der Drehbuch-Vorlage, dem 1955 erschienenen Roman von Josef Martin Bauer, der ein wirkliches Schicksal nacherzählt.


Balsam für die deutsche Seele
Der Hauptgrund jedoch ist ein anderer: Der Film ist Balsam für die Seele in den Nachkriegsjahren. Er trägt bei, die deutschen Verbrechen zu relativieren. Vor dem Hintergrund von Niederlage, NS-Gräuel und Schuld-Zuweisung zeigt er den anständigen deutschen Soldaten in der Rolle des Opfers russischer Brutalität. Wobei der Film "den Russen" in zwei Typen zeigt: als den über Leichen gehenden Bolschewisten in Partei, KGB, Tscheka und Armee und als einfachen Russen - Rentierhirten, Bauern, Krankenschwester. Diese sind in ihrer schlichten Art gutmütig und hilfsbereit. In der Rolle des Stationsvorstehers vertritt der Mainleuser Machmud Turdi diesen Typ.

1917 wurde Turdi in Samarkand geboren. Während des Zweiten Weltkrieges dient er in der usbekischen Armee. 1943 wird er von der Wehrmacht gefangen genommen und ins Lager Plassenburg gebracht. Dort lernt er seine später Frau Anna Melcher kennen (1923 in Altendorf/Unterschwaben geboren), die mit ihrer Familie aus der Slowakei vertrieben worden ist. Machmud, durch seine Herkunft Moslem, konvertiert vor der Eheschließung 1946 zum evangelischen Glauben. Aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor, Norbert und Heidemarie. 1958 zieht die Familie in ihr eigenes Haus in Willmersreuth.

"Soweit die Füße tragen" ist grandioses Fluchtdrama, das den dreijährigen Überlebenskampf Clemens Forells zeigt. Der Oberleutnant wird 1946 von einem russischen Kriegsgericht zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt und zusammen mit 3000 deutschen Soldaten in das Straflager Kap Deschnew am Polarkreis deportiert. Viele verhungern, werden von Typhus dahingerafft oder erkranken durch die Arbeit in den Stollen des Bleiwerks an Krebs.

Nach misslungenen Versuchen gelingt Forell 1949 der Ausbruch. In übermenschlichen Strapazen schlägt er sich durch die Eiswüsten und Steppen der Tundra. Über 14 000 Kilometer legt er zurück Als er 1952 nach München zurück kommt, ist er seelisch und körperlich ein Wrack.

Der Film rührt an. Bei Millionen Kriegsheimkehrern ist die eigene Erinnerung lebendig: Ja, so war war es. Und wir sind noch einmal davon gekommen. Ein heute schwer vermittelbare "Wir"-Gefühl stellt sich ein. Wer (noch) keinen eigenen Fernseher hat, findet sich zum Gemeinschaftserlebnis beim Nachbarn, in Gaststätten und Vereinen ein - eine frühe Form des heutigen Public Viewing.


Interview

800 Mark Gage war ein Haufen Geld


Norbert Turdi (68), der im Jahr 1958 als Schlosser in der Mainleuser Spinnerei arbeitet, hat die Dreharbeiten im Sägewerk verfolgt.

Welchen Part hat Ihr Vater gespielt?
Norbert Turdi: Er spielt den russischen Lagerverwalter einer Eisenbahnstation. Clemens Forell bricht bei ihm im Büro ein, um Geld zu klauen. Mein Vater entdeckt ihn. Forell spielt besoffen, doch mein Vater erkennt, dass es sich bei ihm um einen flüchtigen Gefangenen handelt. Trotz des Risikos, dass es heraus kommt, lässt er ihn laufen.

Warum hat ausgerechnet Ihr Vater die Rolle bekommen?
Wegen seines mongolischen Aussehens.

Haben die Filmleute auch was gezahlt?
Er hat 800 Mark Gage bekommen. Ein Haufen Geld damals, mehr als zwei Monatslöhne, die er als Spinnereiarbeiter verdiente. Mein Vater das Geld gut brauchen können, weil wir gerade in Willmersreuth gebaut hatten.

Waren Sie auch bei den Drehs außerhalb des Sägewerks dabei?
Ja, einmal zum Beispiel am Kraftwerk bei Burghaig. Da sind Lauf-Szenen gedreht worden. Forell ist immer wieder vorbeigestapft, begleitet von seinem Hund. Der war übrigens immer dabei, lila angesprayt. Warum, weiß ich nicht.

Haben die Mainleuser mitbekommen, dass Ihr Vater schauspielert?
Selbstverständlich. Die Dreharbeiten waren über Wochen das Tagesgespräch. Mein Vater ist auch später immer auf den Film angesprochen worden. "Na, du Fernsehstar", hieß es.

Hat sich Ihr Vater eigentlich in Mainleus heimisch gefühlt?
Am Anfang war es für ihn sehr schwer. Die Ehe meiner Eltern musste beim Standesamt in Mittenwald geschlossen werden, da beide Ausländer waren. Er hat immer darunter gelitten, dass er wegen seines Aussehens hier aufgefallen ist. Unendlich gern hätte er einmal seine Heimat besucht, den Bauernhof in Katta Kurgan. Doch 1978 ist er gestorben, sein großer Traum ist unerfüllt geblieben.

Die Fragen stellte Wolfgang Schoberth
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