Kulmbach
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Kulmbacher sind Kino-süchtig

Eine couragierte Witwe eröffnet 1909 im Hotel "Zum goldenen Hirschen" in der Langgasse eines der ersten Lichtspieltheater in Deutschland. Der Andrang ist enorm - einmal muss der überfüllte Saal sogar feuerpolizeilich gesperrt werden.
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Eingang zum ersten Kino Kulmbachs im Jahr 1909: Durch das Tor des Hotels "Zum goldenen Hirschen" in der Langgasse 12 gelangt der Besucher in den Vorführraum, der 350 Personen Platz bietet. Wie eine Tafel links oben ausweist, dient der Innenhof auch als "Einstellraum für 5 Automobile". Rechts vom Torbogen wird das aktuelle Programm inseriert. Nach dem Ersten Weltkrieg wird der "Goldene Hirsch" in ein Kaffeehaus (Café Beyerlein) umgebaut. Das 1911 in die Langgasse 14 verlegte "Central-Theater" ...
Eingang zum ersten Kino Kulmbachs im Jahr 1909: Durch das Tor des Hotels "Zum goldenen Hirschen" in der Langgasse 12 gelangt der Besucher in den Vorführraum, der 350 Personen Platz bietet. Wie eine Tafel links oben ausweist, dient der Innenhof auch als "Einstellraum für 5 Automobile". Rechts vom Torbogen wird das aktuelle Programm inseriert. Nach dem Ersten Weltkrieg wird der "Goldene Hirsch" in ein Kaffeehaus (Café Beyerlein) umgebaut. Das 1911 in die Langgasse 14 verlegte "Central-Theater" wird nach dem Zweiten Weltkrieg modernisiert und im Oktober 1952 als Filmtheater "Die Camera" eröffnet. Foto: Ursula Korn
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Wir schreiben das Jahr 1909, Kaiser Wilhelm II. regiert im Deutschen Reich, als eine couragierte Witwe in Kulmbach ein Kino eröffnet. Das "Central-Theater" ist im Hotel "Zum goldenen Hirschen" in der Langgasse untergebracht und bietet den Kulmbachern zu einem sensationell frühen Zeitpunkt bereits bewegte Bilder - und stets mit Großstadtprogramm, wie für die Vorstellungen geworben wird. Es ist damit eines der ersten Lichtspieltheater in Deutschland.

Dreimal pro Woche: Film ab!

Dreimal in der Woche, am Samstag, Sonntag und am Montag, wird zwischen den verschnörkelten Konsolen der Gaslaternen die weiße Tafel angebracht: "Heute Vorstellung." Beginn der Vorstellung: 3 Uhr am Nachmittag. Eintrittspreise: 60 Pfennig für den Sperrsitz, 40 für den 1. Platz, 20. für den 2. Platz. Der Besucher des "Central-Theaters" erlebt Sensationelles: "Ständig Vorführung lebender Fotografien zur Belehrung und Unterhaltung für Jedermann - stets Großstadtprogramm."

Die drei putzigen Mädchen, die auf unserer Fotografie vor dem Eingangstor des Kinos posieren, können stolz auf ihre Stadt sein: Kulmbach hat eines der ersten festen Lichtspielhäuser im Deutschen Reich.

Kinosaal mit 350 Plätzen

Das Bild ist Ende 1909 entstanden, kurz nachdem der Kulm bacher Stadtrat für die Aufstellung eines "kinematographischen Apparats" im Festsaal des Hotels "Zum goldenen Hirschen", dem renommierten Traditionslokal der Kulmbacher Schützen in der Langgasse 12, grünes Licht gegeben hat. Der Kinosaal fasst 350 Plätze. Gezeigt werden kurze Stummfilme. Ein Operateur dreht die Handkurbel, meist begleitet von Grammophonmusik.
Die Bild-Süchtigkeit der Kulmbacher muss enorm gewesen sein. Der Andrang ist so groß gewesen, dass im November 1911 der Saal aus feuerpolizeilichen Gründen gesperrt werden muss.

Das "Central-Theater" wandert danach ins Nachbargebäude in der Langgasse 14, das durch die so genannte Hirschengasse (später auch Kinogasse) getrennt ist. Bei der Gelegenheit wird eine technische Novität eingerichtet: ein Edisonscher "Kinetograph", der Bild und Ton synchron abspielt.

Power-Frau mit fünf Kindern

Wem ist der frühe Kino-Spaß zu verdanken? Einer starken, couragierten Frau, die das verschlafene Nest aufweckt und sich in der Männerwelt durchbeißt: Selma Weise. Sie zieht im November 1909 von Sangerhausen im südlichen Harz nach Kulmbach. 39 Jahre ist sie alt, gerade Witwe geworden, nachdem ihr Mann, ein Klempnermeister, früh verstorben ist. Mit ihren fünf kleinen Kindern nimmt sie im "Goldenen Hirschen" Quartier. Fast noch beim Auspacken stellt sie Antrag beim Kulmbacher Stadtrat, Lichtspiele veranstalten zu dürfen.

Für fast zwei Jahrzehnte wird sie als Kino-Chefin für ein cineastisches Großstadtprogramm in der Provinz sorgen. 1957 stirbt sie in Kulmbach. Heute ist die Kino-Pionierin vergessen.

Ausfahrt mit Opel Torpedo

Auf einer Aufnahme, die in den späten zwanziger Jahren im Umland von Kulmbach entstanden ist, sieht man sie: eine elegante, selbstbewusste Frau im modi schen Kostüm bei einer Ausflugs partie im Automobil. Sie hat im Fond Platz genommen. Der Opel Torpedo - ein eleganter Sechssitzer mit 25 PS, der 65 km/h vorlegen kann - gehört ihrem Schwager Albert Weise, der am Steuerrad des Rechtslenkers sitzt. Er hat sich als Geschäftsmann in Kulmbach niedergelassen.

Nur ein knappes Dutzend von Automobilen ist damals in Kulmbach zugelassen. Mitfahren dürfen auch zwei autonärrische Jungs: Walter Schmidt auf dem Beifahrersitz und Erich Korn (1920 - 2010), der auf dem Rücksitz platziert wird.

"Albert, hupe!"

Selma Weise, bei der die Bilder laufen lernten, hat bei den flotten Pkw-Fahrten ihres Schwagers regelmäßig die Panik ergriffen. "Albert, hupe!", hat sie ihm entsetzt zugerufen, wenn er über die Kopfsteinpflaster von Kulmbach rattert. Dies berichtet die im vergangenen Jahr verstorbene Ursula Korn, die uns auch die beiden Fotos aus dem Archiv ihres Mannes Erich zur Verfügung gestellt hat.

"Der goldenen Hirsch" wird nach dem Ersten Weltkrieg zum Café Beyerlein umgebaut. Das Kino befindet sich in der Langgasse 14. Die Ausgänge aber führen in die Hirschengasse.









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