Kulmbach

Kommentar: Manchmal isst das Auge besser nicht mit!

Mit der Verschwendung von Lebensmitteln befasst sich BR-Redakteur Jochen Nützel in einem Kommentar.
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Lebensmittel in der Mülltonne Foto: Frank May/dpa
Lebensmittel in der Mülltonne Foto: Frank May/dpa
Die Redewendung heißt "Verzicht üben". Üben - für sich genommen bedeutet das ja: Etwas, das man nicht gleich kann, sondern erst lernen muss. Einen Wunsch oder ein Bedürfnis hintanstellen, das scheint nicht zu den Grundkompetenzen des Menschen zu gehören. Konsumieren hingegen, das beherrschen wir perfekt, aus dem Effeff, schon als kleiner Vebrauchersteppke. Lebensmittel zum Beispiel. Nahrung verzehren ist schließlich Grundlage unseres Lebens und Überlebens. In Ordnung.
Aber täte es nicht auch weniger? Muss immer gleich auf Halde gekauft und dann weggeworfen werden, weil die Flut an Wurst, Käse und Joghurt im Kühlschrank wie zu erwarten schneller schimmelt, als dass sie aufgezehrt werden kann? Wäre hier nicht weniger mehr? Vom rausgeschmissenen Geld gar nicht erst zu reden.
Unser täglich Verzehr geht leider immer mehr mit Entsorgung einher. Jeder Deutsche wirft laut Statistik 81 Kilo Essen weg. Jahr für Jahr, so die Erhebungen des Verbraucherministeriums, und im Wert von annähernd 30 Millionen Euro.
Doch das sind nur diejenigen Verluste an Nahrung, die offenkundig werden. Nicht einkalkuliert sind Lebensmittel, die bei der Produktion, in der Nacherntephase, der Gastronomie und im Handel sowie bei Transport, Verarbeitung und Lagerung anfallen. Weitere 13 bis 15 Millionen Tonnen an genießbarer Nahrung (500 000 Lastwagen voll) landen im Müll, ohne je ein Supermarktregal gesehen zu haben - weil sie nämlich zwar produziert sind, aber nicht den geforderten Normen entsprechen. Irre.
Schuld hat natürlich die Politik. Nein, im Ernst: Noch immer kursiert die Mär, die EU-Kommission würde den Krümmungsgrad für Gurken vorschreiben. Das hat sie nie - der Handel besteht aber bei seinen Zulieferern darauf, nur jene Konfektionsgrößen zu bringen, die sich in vorgefertigten Kisten transportieren und Platz sparend sowie optisch "ideal" präsentieren lassen. Immer verbunden mit dem "Argument": Der Kunde will das so.
Insofern fallen die Kartoffel mit dem "Finger" (schwer schälbar) oder die Birne mit den braunen Einsprengseln (igitt) durchs Raster. Waren mit scheinbarem Makel. Hat nix mit der Genießbarkeit zu tun, aber das zählt nicht. Offenbar sind wir wirklich so, wie der Handel uns beschreibt: Da bleibt der gedetschte Apfel im Korb, stattdessen wird zum unbeschädigten gegriffen. Der Joghurt mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum bis übermorgen wird gemieden, weil der Becher dahinter bis über übermorgen hält. Auch wenn bekannt ist, dass sich solche Produkte nicht eine Minute nach Überschreiten des "MHD" stante pede in Atommüll verwandeln.
Das aber denken viele. So auch jene Verbraucher, die kurz vor Ladenschluss ein volles Brotsortiment erwarten. Wenn aber der Bäcker, der weiß, dass sich unmöglich noch alles davon in so kurzer Zeit absetzen lässt, seine Backwaren nicht wegwirft, sondern schreddert und sie verbrennt, um wenigstens noch eine sinnvolle Verwertung zu generieren (und die Wärme in neues Brot zu investieren): Dieser Bäcker erntet ein geweihtes Pfui aus der Todsünden-Schatulle. Lebensmittel verbrennen - Frevel! In die gleiche Schublade passt die unselige Teller-Tank-Debatte.
Bert Brecht hatte Recht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Leider ist beides zum Wegwerfartikel verkommen.

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