Kulmbach
Gesundheitspolitik

Kliniken: AOK fordert höhere Mindestzahl an Operationen

Die AOK pocht bei Operationen auf die Einhaltung einer Mindestzahl. Das kann für manche Klinik das Aus einer Abteilung bedeuten.
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Chirurgie ist Medizin und zugleich Handwerk. Bohrmaschine und Hammer gehören zum Rüstzeug, wenn Gerhard Finkenzeller ein neues Kniegelenk einsetzt. Wenn es nach der AOK geht, muss ein Klinikum mindestens 50 solcher Endoprothetik-Eingriffe im Jahr vorweisen. Foto: Archiv/Dagmar Besand
Chirurgie ist Medizin und zugleich Handwerk. Bohrmaschine und Hammer gehören zum Rüstzeug, wenn Gerhard Finkenzeller ein neues Kniegelenk einsetzt. Wenn es nach der AOK geht, muss ein Klinikum mindestens 50 solcher Endoprothetik-Eingriffe im Jahr vorweisen. Foto: Archiv/Dagmar Besand
Hier geht es um neues Leben, das größte Wunder überhaupt auf Erden. Der Kreißsaal und die Entbindungsstation im Kulmbacher Klinikum sind der Startpunkt für Hunderte dieser Wunder. 709 Mädchen und Jungen waren es im vergangenen Jahr, die das Licht der Welt im Klinikum erblickten. Eine stattliche Zahl. Es geht aber bei solchen Zahlen auch ums Überleben - ums wirtschaftliche Überleben als Abteilung eines Krankenhauses. Hier dient die Zahl 709 als Gewähr dafür, dass an der Geburtsstation vor Ort nicht gerüttelt wird.

Wer da rütteln könnte? In diesem Fall ist es die AOK mit ihrem Krankenhaus-Report für 2017. Die AOK entflammt damit erneut die Diskussion um sogenannte Mindestmengenvorgaben. Angeblich sei es diesmal aber nicht (primär) der Kostendruck, der bei Überprüfungen im Behandlungsangebot eines Krankenhauses gerne ins Feld geführt wird. Nein: Die Kasse argumentiert aus Sicht des Patienten und seines Wohls. Statistiken belegten einen direkten Zusammenhang zwischen Häufigkeit eines speziellen Eingriffs und der Qualität der Behandlungsergebnisse. Im Umkerschluss bedeutet das: Krankenhäuser sollen bestimmte medizinische Eingriffe nur noch dann anbieten, wenn sie auch eine jährliche Mindestanzahl dieser Eingriffe vornehmen.


Es trifft jede fünfte Gynäkologie

Hier kommt wieder das Thema Entbindungen ins Spiel. Denn bei den genannten Mindestmengen hat der Versicherer offenbar besonders Entbindungsstationen im Visier. Jede Klinik soll, so zitiert es unter anderem die "Welt" in einem Beitrag, nicht weniger als 500 Geburten pro Jahr vorweisen - sonst baumelt das Damoklesschwert der Schließung über dem betreffenden Haus. Hochgerechnet, sagen Gesundheitsexperten, bedeute das für nahezu jede fünfte Entbindungsstation das Aus.

Nicht für Kulmbach - das bestätigen sowohl die Pressestelle der AOK Bayern in München als auch Klinikum-Geschäftsführerin Brigitte Angermann. Sie ist bei der Mindestmengenregelung, wie sie seit 2005 für Kliniken bundesweit gilt, jedoch zwiegespalten. "In bestimmten Bereichen kann es sinnvoll sein, etwa in der Transplantationsmedizin, also bei Nieren- und Leberverpflanzungen beispielsweise, oder auch bei speziellen Anforderungen wie der Versorgung von Frühchen. Für andere Sektionen sehe ich das System als eher fragwürdig an." Eben weil es oft schwierig sei, die Notwendigkeit von Behandlungen allein an nackten Zahlen festzumachen, gibt Brigitte Angermann zu bedenken.

Als Beispiel führt sie hier die so genannten Knie-TEPs an - die Totale Endoprothese oder für Medizin-Laien: ein künstliches Knie. "Hier fordert der Katalog eine Mindestanzahl von 50 pro Krankenhaus und Jahr. Aber ist eine Abteilung, die ,nur' auf 49 Eingriffe kommt, denn wirklich qualitativ schlechter bei der Ausführung der OP?"
Wie lassen sich andererseits Mindestvorgaben und die Behandlung von Notfällen in Einklang bringen, ohne dass es auf dem Rücken des Kranken ausgetragen wird? "Sinnvoller ist es doch, bei allen Zahlen insbesondere die flächendeckende Versorgung im Blick zu haben", sagt Angermann.

Als Beispiel zieht sie Hüftbehandlungen heran. "Stellen Sie sich vor, da kommt jemand als Notfall mit einer Faktur nach einem Sturz. Darf ich die behandeln, auch wenn ich bei Hüft-OPs als gesamte Einrichtung die Mindestlatte reiße? Muss ich den Patienten dann weiterschicken?"

Das Klinikum verweigere sich nicht generell den Forderungen nach Mindestmengen bei Behandlungen, sagt die Geschäftsführerin. "Wir nehmen an Maßnahmen zur Qualitätssicherung teil, und diese Daten werden auch veröffentlicht. Wir sind komplett transparent." Derzeit sei es nur die AOK, die auf die Untergrenzen poche.


Mehr OPs gleich mehr Qualität?

Das habe seinen Grund, heißt es seitens der Krankenkasse. Studien belegten den direkten Zusammenhang zwischen der Häufigkeit in der Durchführung einer OP und der Qualität. Je mehr, desto besser, lautet die Quintessenz. Der AOK-Report macht das unter anderem an Schilddrüsenoperationen fest: Demnach sei das Risiko, einer permanente Stimmbandlähmung zu erleiden, in Krankenhäusern mit weniger als 50 Eingriffen doppelt so hoch wie in Kliniken, die diese Behandlung über 380 Mal jährlich vornehmen.

Was die bereits besagte Entbindungsquote angeht, zitieren Medien den Vorsitzenden des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, mit den Worten: "Eine Mindestmenge würde zwar zu einer deutlichen Konzentration der Standorte führen. Aber nur so kann sichergestellt werden, dass 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ein Facharzt präsent ist. Das ist wichtig, weil jederzeit eine komplizierte Situation auftreten kann." Zugleich relativiert Litsch und betont, es werde hier nicht über Zahlen gesprochen, "die eine flächendeckende Versorgung in Frage stellen". Allerdings könne es in entlegeneren Regionen dazu kommen, dass Schwangere etwas weiter fahren müssten.

Kritiker der strengeren Vorgaben sehen durchaus die Versorgungsqualität zumindest in Teilen gefährdet. Es mache einen Unterschied, ob Patienten zu einer geplanten Operation eventuell weiter anreisen müssten oder aber eine schwangere Frau ihr Kind im Auto zur Welt bringen muss, weil das nächste Krankenhaus, das die zahlenmäßige Vorgabe für Entbindungen erfüllt, zu weit entfernt liegt. Es könne von einem Mediziner vor dem Hintergrund seines hypokratischen Eids nicht verlangt werden, Kranke abzuweisen.

Das prüft der AOK-Report

Bereiche
Acht Bereiche klopft der (noch nicht komplett ausgewertete) AOK-Report mit Blick auf strengere Mindestmengenforderung ab: Lebertransplantation; Nierentransplantation; Stammzellentransplantation; Eingriffe an der Speiseröhre; Operationen der Bauchspeicheldrüse; Kniegelenk-Total-Endoprothesen (künstliches Kniegelenk); Koronar-chirurgische Eingriffe (Herz-OPs); Versorgung Früh- und Neugeborener.

Fälle Der Krankenhausnavigator der AOK (einsehbar im Internet) veröffentlicht für jede Klinik die Mindestmenge bei den genannten Behandlungen. Beim Klinikum Kulmbach weist die Liste bei künstlichen Kniegelenken zum Beispiel aus, dass die Ärzte dort die Mindestanforderungen weit übertreffen: gefordert sind 50 OPs, in Kulmbach wurden 2016 ingesamt 175 Eingriffe vorgenommen. Anders sieht es bei den Bauchspeicheldrüsen-Operationen aus: Zehn Eingriffe lautet die Vorgabe - erbracht wurden sieben.
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