Kasendorf
Interview

Kasendorfer Experte: "Kampf gegen Terror geht alle an"

Hans-Jürgen Lauer arbeitet in einem internationalen Netzwerk mit, in dem Wissen über die Bekämpfung von Terrorismus vermittelt wird.
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Der gebürtige Kasendorfer Hans-Jürgen Lauer ist Dozent am George C. Marshall Center for European Security Studies in Garmisch-Partenkirchen. Foto: privat
Der gebürtige Kasendorfer Hans-Jürgen Lauer ist Dozent am George C. Marshall Center for European Security Studies in Garmisch-Partenkirchen. Foto: privat
Nachrichtendienste warnen davor, die Medien schreiben darüber, die Menschen haben weltweit Angst davor: Terrorismus. Die Furcht, selbst Opfer von Anschlägen werden zu können, beeinflusst das Handeln in der Politik, in den Sicherheits- und Streitkräften, in der Gesellschaft - und dient damit bereits den Zielen des Terrorismus.
Wir haben darüber mit Hans-Jürgen Lauer gesprochen. Der gebürtige Kasendorfer war in den vergangenen vier Jahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig, seit Oktober 2015 ist er Dozent am George C. Marshall Center for European Security Studies.

Herr Lauer, das George C. Marshall European Center for Security Studies in Garmisch-Partenkirchen: Was genau wird dort gemacht?
Hans-Jürgen Lauer: Neben der Forschung gehört dort die Vermittlung von Wissen über Terrorismus und seine Bekämpfung in einem weltweiten Netzwerk von
Fachleuten zum Alltag. Ursachen und Erscheinungsformen des Terrorismus ist nur mit einem vernetzten, ganzheitlichen Ansatz und im engen Zusammenwirken mit Partnern Einhalt zu gebieten. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Bundeswehr mit ihrem Anteil an der Einrichtung.

Können Sie für uns den Zusammenhang kurz skizzieren?
Das militärische Engagement der Bundeswehr richtet sich gegen terroristische Organisationen, schützt Institutionen, Menschen und Infrastruktur im Verantwortungsbereich und unterstützt schwache Regierungen beim Staatsaufbau - und damit auch bei (präventiver) Terrorismus-Bekämpfung. Militärische Mittel alleine können dabei aber keinen Erfolg sicherstellen.

Wobei es den Terrorismus aber gar nicht gibt, oder?
Es gibt keine globale einheitliche Definition von Terrorismus. Demnach gibt es auch keine eindeutige Antwort auf die Frage: Wer/ was ist ein Terrorist? Ganz zu schweigen davon, dass oft die Gewaltanwendung auf der einen Seite als verbrecherische terroristische Aktivität, auf der anderen Seite als gerechter Freiheitskampf bezeichnet wird, Akteure einerseits als Angehörige von Terror-Vereinigungen, andererseits als Mitglieder von legitimen Parteien gelten - Hamas oder Muslimbrüder sind hier Beispiele - oder gar ehemalige "Terroristen" im Nachhinein zu weltweit anerkannten Freiheitskämpfern - und sogar Politikern und Nobelpreisträgern werden können, wie Nelson Mandela.
Diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen und Bewertungen führen zwangsläufig zu Schwierigkeiten in Verhandlungen, in der Konfliktbearbeitung und der Aufarbeitung von Verbrechen gegen das Völkerrecht sowie bei sonstiger Konflikt-/Vergangenheitsbewältigung.

Was weiß man denn überhaupt über den globalen Terrorismus?
Terroristische Organisationen sind weltweit netzwerkartig organisiert und weisen unterschiedliche Führungsstrukturen auf. Zwecks Eigenfinanzierung kooperieren sie meist mit Akteuren der Organisierten Kriminalität - zum Beispiel bei Entführungen oder dem Verkauf von "Sklaven" jeglicher Art, auch beispielsweise beim Vertrieb von Rohstoffen wie Öl. Temporär arbeiten unterschiedliche Terrrorvereinigungen auch zusammen. Es kann aber auch zu wechselseitiger Bekämpfung zweier "Platzhirsche" kommen. Ursächlich und förderlich für die Verbindung von Terrorismus und OK ist Korruption in Politik und staatlicher Administration.

Welche Ziele verfolgen Terroristen?
Terroristen verfolgen in aller Regel politische Ziele, etwa den Sturz von Regierungen oder die Umsetzung politischer Forderungen. Insurgenten reduzieren ihre Ansprüche dagegen meist als "Freiheitskämpfer" auf begrenzte Gebiets-Autonomie, wie zum Beispiel im Kosovo.

Und welche Rolle spielen bei der Verwirklichung der Ziele dann Anschläge?
Mit Terroranschlägen soll zum einen auf eigene Ansprüche und Handlungsmöglichkeiten aufmerksam gemacht und zum anderen die Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit der angegriffenen Staaten demonstriert werden. Eine wichtige Zielgruppe von Terroristen ist damit immer indirekt die Bevölkerung: in einem ersten Schritt soll sie in Angst versetzt und eingeschüchtert werden, in einem zweiten dann die Unfähigkeit ihrer Regierung, nicht für Sicherheit und Ordnung auf dem Staatsgebiet sorgen zu können, aufgezeigt werden, damit sich das Volk letztlich - in einem dritten Schritt - in Massenbewegungen gegen Staat und Regierung erhebt, gegebenenfalls sich sogar mit den Zielen der Terroristen identifiziert.

Aber diese Ziele werden aktuell überhaupt nicht erreicht?
Stimmt, die Ziele islamistisch-fundamentalistischer Terroristen, u.a. der Abzug westlicher/ nicht-arabischer Militärpräsenz von muslimischer Erde, sind alles andere als erreicht bzw. stehen bei Regierungen nicht zur Debatte. Somit muss grundsätzlich auch weiter mit der globalen Bedrohung durch terroristische Kräfte, Anschläge und Propaganda - auch in Deutschland - gerechnet werden.

Wie aber kann man dieser Bedrohung vielleicht schon im Vorfeld gezielt begegnen?
Ein wichtiger Baustein derartiger terroristischer Strategien sind die globale IT-Infrastruktur und die dort verfügbaren Medien - insbesondere das tiefe Internet (das sind verborgene Internetbereiche, die nur mit bestimmten Prozeduren erreicht werden können). Vor allem die Neuen/ Sozialen Medien dienen als Informations-Plattform der terroristischen Propaganda sowie zu Rekrutierungszwecken und der Verbreitung von "terroristischem Know-How", zum Beispiel Bauanleitungen von Bomben. Ein wesentlicher Bestandteil in der vorbeugenden Terrorismusbekämpfung liegt daher in der eigenen Informationsüberlegenheit, so dass ihre weitere Propaganda- und Informationsverbreitung verhindert wird.

Dennoch gelingt es Terrororganisationen, wie etwa dem sogenannten Islamischen Staat, auch in Westeuropa gerade junge Menschen für seine Ziele zu begeistern...
Die weltweite, zum Teil sehr erfolgreiche Rekrutierung junger Menschen ist ein weiterer Berührungspunkt auch für Deutschland: Jugendliche mit Rekrutierungspotenzial wachsen in - oder besser gesagt: am Rande - unserer Gesellschaft auf, entfremden sich und lassen sich von terroristischer Propaganda verführen, anwerben und radikalisieren.
In der Folge reisen sie beispielsweise nach Syrien, um sich dort dem "Islamischen Staat" anzuschließen. Dort werden sie entweder als Selbstmord-Attentäter, Kämpfer oder - bei entsprechender beruflicher Qualifikation - an anderer Stelle, zum Beispiel als Fachmann in der Energieversorgung oder als Bombenbauer des IS, lokal, regional oder - wie bei den Anschlägen in Paris und Brüssel - global eingesetzt. Manche dieser radikalisierten Europäer planen und starten auch ohne Ausreise, ohne Netzwerk-Zugehörigkeit und nur mithilfe von Online-Anleitungen ihre Terrorakte als Einzeltäter oder in Kleinstgruppen in ihren Heimatländern.

Was also sind Strategien, die man gegen diese Entwicklungen einsetzen kann?
Die Verhinderung von Terroranschlägen sowie die anhaltende Rekrutierung junger Europäer - auch deutscher Jugendlicher oder junger Erwachsener beiderlei Geschlechts - stehen mit höchster Priorisierung im Fokus nicht nur deutscher Politik. Zielgerichtete Informationsgewinnung mit zum Teil nachrichtendienstlichen Mitteln und die zeit- und ebenengerechte Weitergabe plus Umsetzung von Informationen an/ durch Entscheidungsträger und die Exekutivorgane im In- und Ausland sind die Grundvoraussetzung für erfolgreiche präventive Terrorismus-Bekämpfung.
Die Umsetzung entsprechender weltweit oder europaweit gültiger Resolutionen und Vereinbarungen liegt in Deutschland hauptsächlich in Verantwortung des Bundesministeriums des Inneren und seinen ihm nachgeordneten Strukturen. Das militärische Nachrichtenwesen liefert mit seinen Erkenntnissen aus den Einsatzgebieten und seiner internationalen Zusammenarbeit wichtige Beiträge zur Lagefeststellung, hat also eine Art "Warnfunktion".

Und was genau tut man im Internet?
Der aktuell stattfindende Aufbau eines militärischen Organisationsbereichs für den Cyber- und Informationsraum (CIR) in Bonn mit bundesweit insgesamt ca. 13 500 Dienstposten soll unter anderem dieser Bedrohung - neben der Gefährdung durch andere Gruppen, zum Beispiel Nachrichtendienste - Rechnung tragen. 300 Dienstposten sind allein für das Kommando CIR sowie für zwei neue Cyber-Zentren vorgesehen: das "Zentrum Cyber-Operationen" und das "Zentrum für Cyber-Sicherheit der Bundeswehr".
Um die Zusammenarbeit mit anderen Behörden, gesellschaftlichen Akteuren und der Wirtschaft sowie Industrie zu institutionalisieren, wird an der Universität der Bundeswehr in München ein bundesweit einzigartiger "Cyber-Cluster" eingerichtet. Es geht nicht nur um die Bundeswehr, die ihr Netzwerk - als Daueraufgabe - vor Angriffen schützen muss: Der Aufbau von Cyber-Fähigkeiten in den Streitkräften ist auch ein wichtiger Beitrag zur gesamtstaatlichen Sicherheitsvorsorge.

Welchen Rat haben Sie für die Gesellschaft, wie soll sie auf die Bedrohungslage reagieren?
Wachsamkeit im Alltag und die Integration von und Interaktion mit Randgruppen in unserer Gesellschaft dienen der frühzeitigen Erkennung gefährdeter, vor allem junger Menschen. Die Europäische Union hat Ende Mai 2016 den großen Internet-Diensten einen Verhaltenskodex hinsichtlich besserer Überwachungsmöglichkeiten abgerungen. Es liegt aber auch in eigener Verantwortung, im eigenen Bereich, in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis und in der Nachbarschaft, der Entfremdung junger Menschen von unseren Normen und Werten sowie deren Verführung und Radikalisierung im Internet und in Grauzonen unserer Städte entgegen zu treten. Somit betrifft Terrorismus-Prävention und -Bekämpfung jeden.

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