Mannsflur
Historie

In Mannsflur bleibt die Erinnerung an ein Wunder

Mit Weitblick wurde einst die Flüchtlingssiedlung Mannsflur errichtet. Der Markt Marktleugast hat jetzt die Geschichte eines "Wunders" dokumentiert.
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Das erste Haus in der Mannsflur im Rohbau: Entlang der später so genannten Lippastraße wurde im Juni 1949 mit dem Bau der ersten Doppelhäuser begonnen. Foto/Repro: Wolfgang Schoberth
Das erste Haus in der Mannsflur im Rohbau: Entlang der später so genannten Lippastraße wurde im Juni 1949 mit dem Bau der ersten Doppelhäuser begonnen. Foto/Repro: Wolfgang Schoberth
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Siedlung Mannsflur. Na und? Was soll an ihr Besonderes sein? Eine Siedlung wie jede andere, die dem Grün eine Chance lässt, architektonisch halbwegs gelungen - so könnte man meinen. Warum aber war die Siedlung so interessant, dass sie 1954 bei einer Ausstellung im Vatikan zur Integration von Migranten als "Mustersiedlung" vorgestellt wurde?


Einzigartig in der Region


Um ihre Einzigartigkeit in der Region zu verstehen, muss man sich die dramatische Flüchtlingssituation nach Kriegsende vor Augen halten. Für 1950 ergibt sich folgendes Bild: im Landkreis Kulmbach sind 5520 Flüchtlinge registriert (Einwohnerzahl insgesamt: 24.183), im Landkreis Stadtsteinach 5723 (Einwohnerzahl: 22.767), eine Quote von über 25 Prozent.

1542 Füchtlinge entfallen allein auf den heutigen Verwaltungsbereich Marktleugast-Grafengehaig.
Vor allem das kleine Marktleugast platzte aus allen Nähten, Ungarndeutsche (21 Familien aus Pilisszentiván), Schlesier und Sudentendeutsche wurden notdürftig in Privatwohnungen, Schulräumen, Tanzsälen und Gaststätten untergebracht.

Hans Tittus, zunächst von den Amerikanern eingesetzter Townmajor, dann 1946 zum Bürgermeister von Marktleugast gewählt und von 1947 bis 1956 Landrat in Stadtsteinach, suchte energisch nach einer Lösung. Seine Idee: eine Flüchtlingssiedlung im Oberland.


Zwei große Vorreiter


Doch es gäbe wohl die Mannsflur nicht, wenn sich nicht zwei andere das Projekt zu eigen gemacht hätten: Karl Theodor von und zu Guttenberg (1921 - 1972) und Lazar von Lippa-Sauerma, sein Mentor. Im August 1947 initiieren sie die gemeinnützige Baugenossenschaft Mannsflur. Guttenberg bringt als Grundkapital 20 Hektar aus seinem Forstrevier Mahnholz ein.

Beim Bau der Siedlung entwickelt sich eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen dem Stadtsteinacher Architekten Emil Schomberg und Josef Boese, dem Bauleiter der aus Schlesien stammenden Firma Boese & Güttler, die seit 1948 in der Mannsflur ansässig ist. Die Planung ist in architektonischer und ökologischer Hinsicht ihrer Zeit weit voraus - man erkennt dies, wenn man die Mannsflur mit den Betonsilos, scheußlichen Reihenhäusern und Trabantenstädten vergleicht, die zeitgleich entstanden sind.


Harmonie von Mensch und Natur


Die Anlage ist nicht starr geometrisch, sondern folgt in geschwungenen Linien dem Straßenverlauf, der seinerseits dem Gelände angepasst ist. Die Baugrundstücke sind großzügig bemessen, jeweils mit einem Garten, der sich für Obst- und Gemüseanbau eignet. Der Baumbestand wird soweit es geht erhalten, zusätzliche Grünzonen werden angelegt. Mit ihrer "Gartensiedlung" oder "Waldsiedlung" verfolgen die Planer eine große Vision: die Harmonie von Mensch und Natur.

Es ist nicht nur die Ästhetik, die dazu beiträgt, dass sich die Neusiedler wohl fühlen und eine neue Heimat finden. Auch die vorhandene Grundversorgung, die vielen Arbeitsplätzen vor Ort, ein sich entwickelndes Gemeinschaftsgefühl sind wichtige Aspekte. Kleine Familienbetriebe versorgen mit dem Nötigsten: Es gibt eine Bäckerei, zwei Lebensmittelgeschäfte, ein Schuhgeschäft, eine Gewürzhandlung, eine Gaststätte und das Café Harbich.


Weltfirma Storchenmühle


Für die Beschäftigung wichtiger sind mittlere und größere Gewerbebetriebe, die in der Mannsflur Fuß fassen: die Baufirma Boese & Güttler mit 80 Mitarbeitern, die Weberei Fanny Schramm (100 Beschäftigte), der Galvanisierbetrieb Josef Märkl und die Näherei Gisela Fehrmann. Alles in den Schatten stellt jedoch die "Storchenmühle", die 1950 von Irmgard und Joachim Kauffmann als kleine Näherei für Kinderwagengarnituren gegründet worden ist. Der innovative, leistungsstarke Betrieb erfährt einen kometenhaften Aufstieg zu einem der international führenden Hersteller von Babykleidung, Kinderbedarf und Autositzen. Der Beschäftigungseffekt für die Region ist enorm: bis zu seinem Niedergang nach 1970 sind bis zu 800 Leute in dem Mannsflurer Unternehmen beschäftigt.

Die Flüchtlinge, die ab 1949 in die ersten Doppelhäuser in der Lippastraße einziehen, verstehen sich als Schicksalsgemeinschaft, geprägt durch Kriegs- und Nachkriegserfahrungen. Besonders eng ist der Zusammenhalt innerhalb der Landsmannschaften.


Viele Vereine gegründet


Mitte der Fünfzigerjahre kommt etwas anderes dazu: Vereine. In der Mannsflur entwickelt sich eine äußerst rege Vereinstätigkeit. Sie spiegelt die Grundhaltung vieler Siedler, einen Beitrag zu leisten für ein lebendiges Gemeinwesen. 1954 wird als erster Verein die Freiwillige Feuerwehr gegründet. Ein Jahr später folgt der SV Mannsflur, keineswegs nur Organisator von Sportveranstaltungen, sondern auch vieler gemeinschaftsbildender Aktivitäten wie Fasching, Bockbierfest, Schafkopfrennen oder Mannsflurer Weihnacht.

Die Sudetendeutschen treten 1956 der Landsmannschaft bei. Eine besondere Bedeutung hat der evangelische Kirchenbauverein: Viele seiner Mitglieder (überwiegend Schlesier) leiden an der oft selbstgefälligen Dominanz der katholischen Mehrheit in Marktleugast. Sie möchten ein evangelisches Gotteshaus, das ihnen ein Stück religiöse Heimat zurückgibt.

Ihre Hartnäckigkeit hat Erfolg: 1960 wird die heutige "Bethlehemkirche" eingeweiht. Dem katholischen Kirchenbauverein ist kein Erfolg beschieden.

Der ambitionierte Bau des Stararchitekten Alexander von Branca wird kurz vor der Grundsteinlegung im Februar 1965 abgeblasen. An Stelle einer katholischen Kirche befindet sich jetzt etwas anderes: der historische Platz Mannsflur.







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