Himmelkron

In Bad Berneck: Autofahrer streiten, bis Blut fließt

Jagdszenen im Ortsteil Blumenau: Was ist im Mai passiert, als sich zwei Männer in die Haare geraten? Ein Himmelkroner flüchtet mit einer tiefen Stichwunde in der Brust. Dem Messerstecher wird jetzt der Prozess gemacht.
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In Bad Berneck geraten zwei Autofahrer aneinander: Der Streit endet erst, als Blut fließt. Symbolfoto: Christopher Schulz
In Bad Berneck geraten zwei Autofahrer aneinander: Der Streit endet erst, als Blut fließt. Symbolfoto: Christopher Schulz
Solche Szenen passieren im Straßenverkehr jeden Tag: Ein Autofahrer regt sich auf, dass ihn der anderer geschnitten hat. Ein anderer fuchtelt wild im Fahrzeug, weil ihm die Vorfahrt genommen worden ist. Die Adrenalinproduktion steigt, der Blutdruck auch. Und meist verabschieden sich die Streithansl mit dem beliebten Autofahrergruß: dem Scheibenwischer.

Wegen so was bringt man doch keinen um, würde man meinen. Aber am 11. Mai in Bad Berneck endet eine Auseinandersetzung unter Autofahrern blutig. Der Streit im Ortsteil Blumenau eskaliert und endet damit, dass ein 36-jähriger Mann aus Himmelkron mit einer zirka 15 Zentimeter tiefen Stichwunde in der Brust flüchtet. Der Messerstecher, der an schwerem Asthma leidet, muss die Verfolgung aufgeben. Das Opfer, ein muskelbepackter American Footballer, profitiert trotz schwerer Verletzung von seinem Mordsantritt.


Versuchter Totschlag

Der Täter steigt in seinen Mercedes E-Klasse und sucht das Weite. Ihm wird jetzt der Prozess wegen versuchten Totschlags gemacht.

Zum Prozessauftakt bekommt die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Bayreuth am Montag zwei Versionen serviert. Eine lieferte der Angeklagte, ein kleiner, schmächtiger Mann. Meist sitzt er mit gesenktem Kopf neben seinem Verteidiger, Rechtsanwalt Jürgen Koch aus Bayreuth. Der 60-jährige Angeklagte gibt sich kleinlaut und zerknirscht und murmelt mehrmals so etwas wie "großen Fehler gemacht" und "bereue ich".

Was unstrittig ist: Die Auseinandersetzung beginnt in Bad Berneck bei der Plassenburg-Kelterei. Beide Autofahrer sind auf der dortigen B 2 in Richtung Bayreuth unterwegs. Der Angeklagte hält mit seinem E-Klasse-Mercedes hinter einem nicht bekannten Linksabbieger an. Dahinter muss auch der Himmelkroner mit seinem Audi A4 stoppen. Er gestikuliert und meint, dass rechts genügend Platz sei, um vorbeizufahren. Der 60-Jährige fuchtelt zurück und konzentriert sich so sehr auf den Hintermann, dass er nicht bemerkt, wie der Linksabbieger in der Seitenstraße verschwindet. Der Audi-Mann nutzt die Chance, zieht mit Schwung links am Mercedes vorbei und braust davon.

Damit hätte die Geschichte aus sein können. Doch der Mercedes-Fahrer nimmt die Verfolgung auf, die Lichthupe kommt zum Einsatz, und die Kontrahenten begegnen sich in der Eichendorff-Straße. Vorsitzender Richter Michael Eckstein nennt das Zusammentreffen "tragisch, da beide hier abbiegen mussten" - denn der Messerstecher wohnt damals im Ortsteil Blumenau, und der Himmelkroner will zum dortigen Tierarzt.


"Größer und stärker als ich"

Der andere Mann sei schon neben seinem Auto gestanden, behauptet der Angeklagte. Er sei auch ausgestiegen: "Ich habe gedacht, vielleicht will er sich entschuldigen", sagt der 60-Jährige. Immerhin habe der Himmelkroner ihm den Stinkefinger gezeigt. Der Mercedes-Fahrer nimmt das im Auto liegende Brotzeitmesserm mit. Klingenlänge 6,5 Zentimeter. "Ich habe ihn gesehen. Er ist größer und stärker als ich. Da habe ich Angst gehabt." Das Messer ausgeklappt und zugestochen habe er, um sich gegen einen drohenden Faustschlag des 125-Kilo-Mannes zu wehren.

Als Blut fließt, sei er schockiert gewesen, sagt der Angeklagte. "Ich habe gar nichts gedacht. Es war das erste Mal, dass mir so was passiert ist." Er holt keine Hilfe, sondern haut ab. Der Täter wird noch am selben Tag in Bayreuth verhaftet.

Das Opfer hätte verbluten können. Nachbarn alarmieren Polizei und Notarzt. Der Schwerverletzte wird ins Klinikum Bayreuth gebracht und gleich operiert. Lebensgefahr besteht nicht.

Die Opferversion hört sich anders an. Nach Angaben des Zeugen und Nebenklägers habe der Mercedes-Fahrer mit der Hand angedeutet, "dass ich anhalten soll". Um eine Szene vor der Tierarztpraxis zu vermeiden, sei er rechts rangefahren. "Der Mann hat wütend gewirkt und kam zügig auf mich zu. Als ich das Messer gesehen habe, war es schon zu spät. Ich habe ein Reißen gespürt und gemerkt, dass das Blut runterläuft." Das Messer kann seitlich in den Brustkorb eindringen, weil er, so der Himmelkroner, die linke Hand zur Abwehr erhoben habe. Weiter versichert er, den 60-Jährigen nicht durch den Stinkefinger oder anderweitig provoziert zu haben.


Schmerzensgeld verweigert

Einen Handschlag im Gerichtssaal als Entschuldigung lehnt der Geschädigte ab. Ein Täter-Opfer-Ausgleich im Vorfeld der Verhandlung hat nicht stattgefunden. Im Gegenteil, so Rechtsanwalt Frank Stübinger aus Kulmbach, die Gegenseite habe eine Schmerzensgeld-Forderung über 10.000 Euro "als unbegründet zurückgewiesen".
Der Prozess wird heute fortgesetzt.
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