Kulmbach

Hitler war bis 1985 Ehrenbürger in Kulmbach

Anlässlich der 950-Jahr-Feier der Stadt 1985 entdeckte man, dass der "Führer" noch als Ehrenbürger geführt wird.
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"Adolf-Hitler-Brücke": Zu ihrer Einweihung am 14. Juni 1934 schickte der "Führer" ein Grußtelegramm und versprach, das architektonische "Meisterwerk" bald besichtigen zu wollen. Heute befindet sich an ihrer Stelle die Berliner Brücke. Foto: Kulmbacher Stadtarchiv
"Adolf-Hitler-Brücke": Zu ihrer Einweihung am 14. Juni 1934 schickte der "Führer" ein Grußtelegramm und versprach, das architektonische "Meisterwerk" bald besichtigen zu wollen. Heute befindet sich an ihrer Stelle die Berliner Brücke. Foto: Kulmbacher Stadtarchiv
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Zur Einweihung der Mainbrücke am 14. Juni 1934 geht ein Schreiben von Adolf Hitler persönlich im Rathaus ein. Darin gratuliert er der Stadt und ihrem Bürgermeister und Kreisleiter Fritz Schuberth für das Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst. Gerne habe er sich als Namenspatron zur Verfügung gestellt. Er hoffe, das Bauwerk bald besichtigen zu können, so schreibt er.

Dazu kommt es allerdings nicht, so dass Hitlers Auftritt am 5. Februar 1928 in der Turnhalle der damaligen Realschule sein einziger Besuch in Kulmbach geblieben ist.


Straßen nach Nazi-Größen

Zur Zeit der Einweihung ist der "Führer" schon über ein Jahr Ehrenbürger von Kulmbach. Am 27. April 1933 wurde ihm vom Stadtrat einstimmig die Auszeichnung angetragen, zusammen mit dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und dem Bayreuther Gauleiter Hans Schemm.

Gleichzeitig bricht über Kulmbach eine Umbenennungs-Flut herein: viele Straßen, Plätze und Schulen werden nach Nazi-Größen, "Märtyrern der Bewegung" und NS-Organisationen umbenannt: Adolf-Hitler-Straße (Langgasse), Adolf-Hitler-Platz (Holzmarkt), Hans-Schemm-Straße (Kressenstein), Franz-von-Epp-Straße (Hans-Hacker-Straße), Straße der SA (Hardenbergstraße), Fritz-Todt-Allee (Festungsberg), Horst-Wessel-Straße (Blaicher Straße), Heinrich-Heissinger und Karl-Rummer-Straße (nach 1945: Matthäus-Schneider-Straße), Dietrich-Eckart-Weg (Am tiefen Graben). Die Blaicher Schule wird in Hans-Schemm-Schule umgewidmet, die Pestalozzischule in Herbert-Norkus-Schule.


Mit einem Federstrich beseitigt

Nach dem Einmarsch der Amerikaner am 13. April 1945 beendet die Militärregierung den Namens-Spuk mit einem Federstrich: Am 9. Mai, einen Tag nach der Kapitulation des Deut-schen Reiches, verordnet Distriktgouverneur Major Perry B. Lamson im Amtsblatt für den Stadt- und Landkreis Kulmbach die sofortige Rückbenennung. Die Bürger werden über einen Aushang am Vereinshaus darüber in Kenntnis gesetzt.

Auch die Annullierung der Nazi-Ehrenbürgerschaften ist aus Sicht des US-Detachments H4B3 kein Problem. Auch hier wird per Rechtsverordnung am 18. August 1945 schlichtweg verfügt: "Beschlüsse der Stadtverwaltung von 1933 bis 1945 über die Ehrenbürger verlieren mit sofortiger Wirkung ihre Geltung". Dass nach deutschem Recht eine posthume Aberkennung einer Ehrenbürgerschaft nicht zulässig ist, war dem juristisch durchaus versierten Team um Major Lamson offensichtlich nicht bekannt.

Erst 30 Jahre später, Mitte der siebziger Jahre, wird man sich im Rathaus der heiklen Frage bewusst. Hans-Dieter Lotz (SPD), damals Zweiter Bürgermeister, erinnert sich an Beratungen im Referentenkreis über das weitere Vorgehen, ohne dass danach eine klare Linie verfolgt wurde.


Brisante Veröffentlichung

Die Brisanz tritt erst zutage, als Anfang März 1985 der damalige Stadtarchivar Richard Lenker für die Sonderbeilage der Bayerischen Rundschau anlässlich des Doppeljubiläums "950 Jahre Kulmbach, 850 Jahre Plassenburg" eine Liste der Kulmbacher Ehrenbürger erstellt. Darunter finden sich die Namen von Hitler, Schemm und Todt, ohne einschränkenden Hinweis.

Postwendend erfolgt eine erste erregte Leserzuschrift: "Es sollte dem gesamten Stadtrat die Schamröte ins Gesicht treiben, dass er nicht längst diesem Mann, dessen Verbrechen für alle Zeit auf allen Deutschen lasten werden, die Ehrenbürgerwürde abgesprochen hat. Die Positivwirkung für die Stadt Kulmbach, die mit dem jetzigen Jubiläum betrieben werden soll, wird durch diesen Skandal zuschanden", so schreibt eine Kauernburgerin (Bayerisch Rundschau vom 4. März 1985).


Nur kein Aufsehen

Anders als heute - der Fall Marktschorgast vor ein paar Tagen hat es gezeigt - versucht man, die Erregung redaktionell zu dämpfen. Die Devise lautet: Kein Aufsehen. Keine Skandalisierung.

Groß gebracht wird ein Interview mit dem Verfassungsrechtler Ursus Fuhrman vom Deutschen Städtetag, der als einzig gangbaren Weg die moralische und politische Distanzierung von den NS-Ehrenbürgern empfiehlt. Daraufhin stellen Hans-Dieter Lotz für die SPD-Stadtratsfraktion, Dieter Heckel für die CSU und Cosima Asen für die Grünen den Antrag, bei der Stadtratssitzung am 14. März 1985 einen entsprechenden Distanzierungsbeschluss zu fassen. Dies geschieht auch, ohne dass die Lokalzeitungen darüber berichteten.


Stadtsteinach war schnell

Nicht alle Gemeinden in der Region haben Hitlers Ehrenbürgerwürde verschlafen. Stadtsteinach zum Beispiel hat schon am 4. Dezember 1946 "die Zurückziehung der Ehrenbürgerrechte" für Hitler, Hindenburg, Schemm, Hans Beer und Hermann Esser einstimmig im Stadtrat beschlossen.

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