Kulmbach
200. Geburtstag

Happy Birthday, Bismarck!

Der Reichsgründer Otto von Bismarck könnte heute seinen 200. Geburtstag feiern. Für die liberale und konservative Bürgerschaft von Kulmbach war der "Eiserne Kanzler" eine Kultfigur. Zu seinem 100. Geburtstag sollte ein gigantischer Bismarck-Turm eingeweiht werden. Doch das Projekt scheiterte.
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Otto von Bismarck als preußischer Ministerpräsident: Stahlstich aus dem Kulmbacher Stadtarchiv (1863). Foto: Stadtarchiv
Otto von Bismarck als preußischer Ministerpräsident: Stahlstich aus dem Kulmbacher Stadtarchiv (1863). Foto: Stadtarchiv
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Die öffentlichen Gebäude sind schwarz-weiß-rot geflaggt, Blumendekor und Girlanden an den Fassaden. Mit Tschingderassabum zieht am Morgen ein Bayreuther Musikkorps auf und paradiert auf dem Marktplatz. Auf der Titelseite der Rundschau riesig: Otto von Bismarck im Siegeskranz. Darunter ein zehnstrophiges Gedicht von Hans Glenk, dem Melkendorfer Pfarrer und Dichter. Kostprobe: "Daß wir der Sonne entgegen kühn tragen unser Panier. Dafür sei Dank und Segen Dir, Heldenkanzer, Dir! Und mögen die Türme zerfallen, die Deinem Namen geweiht, die deutschen Laute hallen/bleibst Du gebenedeit."

An Schwulst, nationalem Pathos und Lobeshymnen fehlt es nicht in Kulmbach, um Bismarck zu seinem Hundertsten zu huldigen. Doch wohl die wenigsten Bürger sind in Champagner-Laune. Neun Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird die Versorgungslage täglich schlechter, die Preise galoppieren, viele leiden bittere Not. Schon 120 Kulmbacher haben Mann, Sohn oder Enkel auf dem "Feld der Ehre" gelassen.

Ein Fass für den Kanzler

Der Bismarck-Kult setzt nicht erst posthum ein (+1898). Schon zu seinem 70. Geburtstag am 1. April 1892 erweist die Bürgerschaft dem "Eisernen Kanzler", der zwei Jahre vorher vom jungen Kaiser Wilhelm II. zur Abdankung gezwungen worden war, ihre Solidarität. Dem auf Gut Friedrichsruh grollenden Alten schickt die Reichelbräu AG ein Fass Bier. Der bekennende Biertrinker zeigt sich gerührt: "Das freundlich überbrachte Kulmbacher entspricht dem guten Rufe der dortigen Brauerei". Der Autograph hängt heute im Bayerischen Brauereimuseum.

Das Jahr der großen Bismarck-Erweckung in Kulmbach ist jedoch 1913. Eine "nationale Feier" folgt der anderen. Es wird der Befreiungskriege gedacht, der 200 Jahre zurück liegenden Völkerschlacht von Leipzig mit dem triumphalen Sieg über Napoleon. Es ist aber auch der Vorabend eines bedrohlich heraufziehenden Krieges. Der Balkan ist zu einem "Pulverfass" geworden, das jederzeit in die Luft fliegen und die europäischen Großmächte mitreißen kann. Gegen die Unberechenbarkeit und Abenteuerei Kaiser Wilhelms II. erstrahlt der Bismarck-Mythos umso heller: der Kanzler, der Frankreich militärisch besiegt und politisch isoliert hat; der Staatsmann, der mit seiner Gleichgewichtspolitik für Stabilität in Europa gesorgt hat.

Bürgerschaft will ein Monument

Bei verbaler Huldigung soll es nicht bleiben, Kulmbachs führende Schicht möchte ein sichtbares Monument ihrer Bismarck-Verehrung. Am 23. April 1913 beschließt der "Liberale Verein Kulmbachs" den Bau eines Bismarckturms. Die Mitglieder des 1908 gegründeten Vereins sehen sich, laut Satzung, "der Stärkung des nationale Gedankens und der Bekämpfung der Sozialdemokratie und des Utramontanismus" (Papst-Anhänger) verpflichtet. Alles, was in Rang und Namen hat, gehört ihm an: die Industriellen-Schickeria - Hornschuch, Meußdoerffer, Limmer, Pensel, Sauermann, Zeitler, Howeg -, die Vorstandsmitglieder der Reichel bräu Kriegel und Prager, bis hin zum Kunstmaler Michel Weiß.

Die Einweihung des Turms soll - selbstredend - zum 100. Geburtstag erfolgen. Für das Projekt werden 10 000 Mark geplant, eine Bausumme, die sich allerdings nach den ersten Architektenentwürfen Robert Backers als viel zu gering erweist. Die Spendenwilligkeit der Kulmbacher ist jedoch enorm: Nach einem ganzseitigen Aufruf am 13. Juli 1913 in den drei Kulmbacher Zeitungen laufen 9710 Mark Spenden ein, überwiegend von Geschäftsleuten und gut situierten Bürgern.

Standortfrage heftig umstritten

Über Art des Monuments und Standort gibt es im Verein keinerlei Konsens. Zur Klärung wird ein zwölfköpfiger "Vorbreitender Ausschuss" und ein "Großer Ausschuss" eingerichtet. Über das Aussehen ist man sich rasch einig: Es solle kein kolossales Bismarck-Standbild oder eine Feuersäule sein, sondern ein begehbarer Aussichtsturm aus Granitquadern. Als architektonische Vorbilder dient vor allem Lichtenfels (1903 errichtet als Denkmal des Gefallenen von 1870/71), aber auch Hof (Bismarckturm, 1910 geplant). Die Bauunterlagen haben sich leider nicht erhalten, so dass die Detailplanung unsicher ist.

Heftig umstritten ist die Standortfrage. Zusammen mit dem städtischen Bauamt wird die Eignung vorgeschlagener Orte diskutiert: Galgenberg (heutige Kreuzkirche), Rehberg, Blaicher Kuppe (oberhalb der Malzfabrik Zeitler), Heinzelberg, Spitalwald (Höhe über dem Klinikum). Der "Vorbereitende Ausschuss" spricht sich für den Galgenberg aus. Noch ist über den Standort nicht endgültig entschieden, bricht der Erste Weltkrieg aus. Die fertigen Pläne sind Makulatur.

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