Kirchleus
Adventsserie

Frommer Mann aus der Rucksmühle kommt grausam um

In der Kirchleuser St.-Maria-Magdalena-Kirche steht ein bunt bemalter Epistelstuhl, der jahrelang unbeachtet auf dem Dachboden lag. Damals spielt die Dorfjugend mit dem Engelkopf Fußball.
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Der bunt bemalte Epistelstuhl in der Kirchleuser St. Maria-Magdalena-Kirche hat eine bewegte Geschichte. Dazu kommt, dass es einem der frommen Stifter des Lesepults schlimm ergangen ist. Foto: Stephan Tiroch
Der bunt bemalte Epistelstuhl in der Kirchleuser St. Maria-Magdalena-Kirche hat eine bewegte Geschichte. Dazu kommt, dass es einem der frommen Stifter des Lesepults schlimm ergangen ist. Foto: Stephan Tiroch
Der Engel am bunt bemalten Lesepult in der Kirchleuser St.-Maria-Magdalena-Kirche verkündet eine fromme Botschaft: Ehre sei Gott in der Höhe ("Gloria in excelsis deo"). An dem Epistelstuhl, der aus der Vorgängerkirche stammt, lässt nichts erahnen, dass dem Stifter ein schlimmes Schicksal beschieden gewesen ist.

Die Geschichte des von 1772 bis 1776 im heiteren Rokoko-Stil neu erbauten Gotteshauses kennt keiner so gut wie der früher Pfarrer Manfred Voigt (1965 - 1995). Das Lesepult ist nach seinen Worten bereits 1754 gestiftet worden: von Johann Sebastian Münch, Kirchleus 41 (heute Haus Kern), und Adam Schick, Kirchleus 22 (Gastwirtschaft Kästner), beide Wirt und Fleischhauer, und vom Müller Andreas Weiß aus der Rucks mühle, von dem noch die Rede sein wird.

Am Epistelstuhl wurden früher auch die Kinder getauft, denn der Engel trug eine Schale für das Taufwasser. Der Himmelsbote hatte vorher allerdings eine ganz andere Funktion: Er stützte zusammen mit einem Kollegen den Kanzeldeckel, bis dieser abgebaut wurde. Ein pfiffiger Schreiner fand für den arbeitslosen Engel eine Zweitverwendung.

Buch statt Wasserschale

Im Laufe der Zeit unansehnlich geworden, wanderten die Trümmer des Epistelstuhls auf den Dachboden. Mit dem Kopf des Engels spielte die Dorf jugend Fußball, berichtet Pfarrer i. R. Voigt.

Bei der Innenrenovierung der Kirche im Jahr 1979 erinnert man sich an das gute Stück. Die Kirchengemeinde lässt den Epistelstuhl aufarbeiten - nur die Wasserschale wird nicht mehr gebraucht. Also bekommt der Engel ein Buch in die Hand und verkündet seitdem das Lob Gottes.

Nichts aber deutet darauf hin, wie grausam dem Rucksmüller sieben Jahre nach der Stiftung des Lesepults mitgespielt wurde. Es ist die Zeit nach dem Siebenjährigen Krieg, die Sitten sind verroht. Ehemalige Soldaten ziehen marodierend und plündernd durchs Land und kommen auch in die Gegend von Kirchleus.

Schlimme Folter

Am schlimmsten, so Pfarrer Voigt, ergeht es den Bewohnern der Rucksmühle. Eine bewaffnete Bande dringt in das Haus ein, fesselt den Müller und zieht ihn splitternackt aus. Er wird mit Feuer und glühendem Eisen gefoltert, so dass seine Familie alles herausgibt, was sie besitzt: 30 Gulden Bargeld (heute etwa 3000 Euro) sowie Einrichtung und Ausrüstungsgegenstände im Wert von 1200 Gulden.

Als die Eindringlinge abziehen, ruft die Müllerfamilie den "Chirurgus". Doch der Dorf bader kann dem Schwerverletzten nicht mehr helfen. Der fromme Mann stirbt eines qualvollen Todes - Pfarrer Johann Georg Kapp, der später den Kirchenneubau auf den Weg bringt, steht ihm zur Seite.

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