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Stadtsteinach
Stadtgeschichte

Ein Türstein in Stadtsteinach gibt so manches Rätsel auf

Anton Lochschmidt übernahm mit seiner Frau Auguste 1928 nicht nur das Hotel Kette in Stadtsteinach, sondern schuf als Kunstschmied auch viele Kostbarkeiten.
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Die Familie Lochschmidt kam 1928 nach Stadtsteinach, um im Hotel Kette ihre ererbte Hoteltradition fortzuführen. Der Kunstschmied Anton Lochschmied hinterließ viele Kostbarkeiten in Stadtsteinach. Links Tochter Elsa, verehelichte Schübel, rechts Tochter Irene, die Fritz Heiß heiratete. Foto: privat
Die Familie Lochschmidt kam 1928 nach Stadtsteinach, um im Hotel Kette ihre ererbte Hoteltradition fortzuführen. Der Kunstschmied Anton Lochschmied hinterließ viele Kostbarkeiten in Stadtsteinach. Links Tochter Elsa, verehelichte Schübel, rechts Tochter Irene, die Fritz Heiß heiratete. Foto: privat
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Wenn man in Stadtsteinach vor dem ehemaligen Hotel Kette in die Knollenstraße einbiegt, weist nichts mehr darauf hin, dass hier der Eingang zu der Werkstatt eines Schlossermeisters war, der sich einst auf filigrane Kunstschmiedearbeiten spezialisiert hatte. Der Eingang ist vollständig zugemauert und überputzt, doch ließ man den Türabschlussstein im Mauerwerk sichtbar stehen. Leider fällt dieses Relikt aus vergangenen Zeiten kaum auf.

Bereits seit 1900 existierte das florierende Hotel Kette am Beginn der Kronacher Straße mit den Besitzern Kodisch aus Kupferberg, Schubert und seit 1919 Christian Müller aus Tauschendorf bei Altenkunstadt. Als der zuletzt Genannte sich 1928 von seiner Frau Elsa Mathes aus Stadtsteinach trennte, wurde ein neuer Betreiber gesucht.


Ehepaar mit Hotelierblut


So meldete sich ein Anton Lochschmidt, der 1891 in Schlaggenwald in der Nähe von Franzensbad geboren worden war. Seine Eltern betrieben als Gastronomen in Schönwald bei Selb das Schützenhaus, die Eltern seiner Frau Auguste Elsa Lindig das dortige Bahnhofshotel. Sie heirateten 1919 in Asch. So kam 1928 ein junges Ehepaar mit Hotelierblut und zwei kleinen Mädchen, Elsa und Irene, nach Stadtsteinach.

Die Übernahme fand in einer denkbar schlechten Zeit statt, als mit dem New Yorker Börsencrash die Welt in eine totale Krise geriet und massenhafte Arbeitslosigkeit und soziales Elend den Alltag beherrschte. Die Sommerfrischler, in Stadtsteinach liebevoll die Sachsen genannt, blieben aus.


Ein zweites Standbein


Jedoch hatte der Hotelier und Multitalent Anton Lochschmidt ein zweites Standbein. Er war gelernter Schlossermeister und eröffnete zwischen dem Hotel Kette und der Knollenstraße 1 seine Werkstatt. Ein Schlussstein über der Tür mit einem Rundbogen begrüßte die Kunden. Bald war er ein gefragter Kunstschmied, der sich auf schmucke Geländer, Lampen, Kerzenhalter, Tische, Wappen und vieles mehr spezialisierte. So sind noch heute in Kirchen in Wartenfels oder Stadtsteinach, in Vereinsheimen und Treppenaufgängen seine Werke zu bestaunen.

Die Lochschmidts brachten wieder Schwung ins Hotel, das sie bis 1951 führten. Die beliebte Kegelbahn wurde geschlossen, man vertraute nur noch auf das neue Café, das verpachtet wurde. Die größere Tochter Elsa heiratete 1939 den Braumeister Wilhelm Schübel aus der Friedhofstraße 3, der 1944 im Krieg fiel, und Irene ehelichte 1943 Friedrich Heiß, den Sohn des Schotterwerksbesitzers Johann.


Passionierter Jäger


Bis zu seinem Tod 1961 ging Anton Lochschmidt gerne seinen Hobbys nach. Als passionierter Jäger und begeisterter Fotograf hinterließ er auch perfekte Skizzen und Zeichnungen seiner Schmiedekunstwerke.

Doch was bedeutet nun der Türstein, der sich über dem Eingang zu seiner Werkstatt befand? Dieser Sandstein müsste aus der Zeit stammen, als in dem Haus ein Johann Gareis lebte, wie am Eingang Kronacher Straße heute noch zu lesen ist, der das Haus 1810 bauen ließ. Zu lesen ist, "arweit und spar, 1817 war ein teuer Jahr". Sollte der Türstein genau 200 Jahre alt sein und was machte 1817 zu einem ein "teuer Jahr"?

Die napoleonischen Kriege von 1806 bis 1815 erschütterten ganz Europa, und wenn der größenwahnsinnige Feldherr mit Zehntausenden Soldaten von einem Kriegsschauplatz zum anderen zog, räuberte der die letzten Vorräte der hungernden Bevölkerung und raubte ihr die letzte Tiere.


Verheerender Vulkanausbruch


Die Menschen vor 200 Jahren wussten nichts von Weltereignissen oder Katastrophen. Viele verließen ihr Dorf ein Leben lang nie - das protestantische Fürstentum Brandenburg-Bayreuth-Kulmbach wurde schon als Ausland tituliert. Erst viele Jahre später konnte man die Erklärung finden.

Das Jahr 1816 wird in der Geschichte das "Jahr ohne Sommer" genannt. Heute weiß man, dass danach die schlimmsten Hungerjahre weltweit zu verzeichnen waren. Die Ursache war der Ausbruch des Vulkans Tambora. Das Kulmbacher Stadtarchiv besitzt ein Büchlein über die "Theuerung und Noth in den Jahren 1816 und 1817", das der Rentamtmann Weltrich verfasste. Auf der kleinen indonesischen Insel Sumbawa schleuderte ein Vulkan am 12. April 1815 geschätzte 60 Kubikkilometer Staub, Asche und Geröll in die Atmosphäre - der Ausbruch gilt als der größte von Menschen dokumentierte.


Himmel verdunkelte sich


Vor Ort wüteten Tsunamis, der Himmel verdunkelte sich, und vom 4300 Meter hohen Vulkan blieben nur noch 2900 Meter übrig. Die Passatwinde trieben die schwarzen Wolken um den Erdball und nach Europa. Wo gerade der Frühling beginnen sollte, fiel unerwartet Schnee. Nach heftigen Regenfällen folgten Überschwemmungen mit extremem Hochwasser. Die Kälte blieb und die Sonnenstrahlen erreichten kaum den Boden. Der Getreidepreis vervielfachte sich, die erste große Auswanderungswelle nach Amerika begann.

Auch in unserer Gegend starben Menschen an Ruhr und Typhus. Fieber oder Brechdurchfall dezimierten die Bevölkerung sehr, auch das Vieh starb. Die Ernte blieb unausgereift auf den Feldern und verfaulte. Erst 1818 kehrte auf den Feldern wieder Normalität ein.

Es ist nur zu vermuten, welche Erklärungen die Menschen in Stadtsteinach vor 200 Jahren hatten. Der Türstein erinnert nur daran: "Arbeit und spar! 1817 war ein teuer Jahr. Die Metze Korn (etwa 25 Liter), die man in Ehren halten soll, kostete 8 Gulden."

Wohl ein Zufall der Geschichte ist es, dass genau 100 Jahre später, im Winter 1916/17, eine ebenso verheerende Hungersnot Deutschland heimsuchte.
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