Stadtsteinach
Stadtgeschichte(n)

Die lange Tradition der Hebammen

Im 16. Jahrhundert zählten die Hebammen zu den wichtigsten Bediensteten in Stadtsteinach. Andernorts lebten die Mitglieder dieses Berufsstandes jedoch sehr gefährlich.
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Die Hebamme Margareta Schneider (1907 - 1991) , die sie voller Stolz mit einem Baby zeigt. Möglicherweise könnte es ihre Enkelin sein, die sie im Arm hält. Sie wohnte im Lehenthaler Weg 18.
Die Hebamme Margareta Schneider (1907 - 1991) , die sie voller Stolz mit einem Baby zeigt. Möglicherweise könnte es ihre Enkelin sein, die sie im Arm hält. Sie wohnte im Lehenthaler Weg 18.
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Vor Hunderten von Jahren gab es in der Stadt Stadtsteinach viele Bedienstete und Ämter. Dazu zählten auch Nachtwächter, Polizeidiener, Totengräber, Brunnenmeister, Brot- und Fleischbeschauer sowie Ganshirte. Und Hebammen. Deren wichtige Tätigkeit wird bereits in den Stadtbüchern von 1558 erwähnt.
Es gab keine Ärzte, vielleicht gerade noch einen Bader. Aber bei den Geburten war sie alleine zuständig. Die Aufgabe der Hebamme war klar und spiegelte sich in ihrem Diensteid, den jeder Stadtbedienstete nach festgelegtem Ritus zu leisten hatte.

Die Besoldung: "¼ Tagwerk Wiesen neben den Pfarrwiesen; zwei Lachter Holz, die unentgeldlich gehauen und gefahren werden (ein Lachter entsprach in etwa dem Maß, welches ein Mann mit ausgestreckten Armen umfassen konnte); bürgerliches Mitleiden gefreit; von jeder Erstgeburt 1 fl (= Gulden), von jeder anderen ½ fl vom Kindesvater."

Oft als Hexen verfolgt

Nebenbei sei erwähnt, dass bereits nach 1500 Hebammen mit Lehrbüchern ausgebildet wurden und gleichzeitig oft als Hexen verfolgt worden sind. Noch während des 30-jährigen Krieges wurden mancherorts alle Hebammen verbrannt, wenn man ihnen die Schuld an Totgeburten oder Fehlgeburten zuschrieb. In Stadtsteinach freilich ist davon nichts bekannt.

Nach 1800 stieg sowohl die Qualität der Ausbildung als auch die soziale Anerkennung. Die althochdeutsche Bezeichnung "Hevanna", also "eine Großmutter, die das Neugeborene aufhebt", wandelte sich nun zu einer unabkömmlichen Fachkraft, die in jedem größeren Dorf gebraucht wurde.

Wenn man zufällig ein Jahr wie zum Beispiel 1880 herausnimmt und die Geburten sucht, kommt man in Stadtsteinach auf 48, in Zaubach auf 18 und in Schwand auf 40 - also zusammen knapp über hundert Geburten, die die Hebamme von Stadtsteinach zu begleiten hatte. Sie musste auch in kleine Einzel und Ortschaften laufen - und das bei Regen und Schnee, bei Tag und bei Nacht.

Vor 1800 Namen nicht bekannt

Leider sind die Hebammen vor dem Jahr 1850 namentlich nicht bekannt. Die ersten Nennungen sind Margaretha Fießenig, geborene Schneider, in der Kulmbacher Straße 11 (heute Heimatmuseum), die etwa um 1850 praktizierte, und ihre Tochter Margareta Weber, die mit dem Bader Andreas Balthasar Weber verheiratet war, der von Kirchleus kam. Sie war als Geburtshelferin tätig bis 1909, als sie mit 68 Jahren verstarb.

Nach etwa 1900 wirkte als Hebamme Eva Lederer (1880 bis 1957) aus der Staffel Nummer 4. Sie war eine geborene Schneider und ehelichte den Schneidermeister Friedrich Lederer aus Ottenhof bei Plech. Wie lange sie tätig war, ist nicht bekannt. Doch ist anzunehmen, dass sie - wie früher üblich - bis zu ihrem Tod tätig war.
Die Hebamme Maria Rößner (1891 bis 1952) wohnte in der Hauptstraße 15 und war von 1932 bis 1951 in Stadtsteinach tätig. Sie war eine geborene Wagner. Ihre Mutter war eine geborene Fießenig, eine Stiefschwester des Baders Stefan Weber und damit also auch die Enkelin der Hebamme Margareta Fießenig. Sie war verheiratet mit dem Steuersekretär Johann Rößner.

Geburtenzahl stieg stetig an

Der Vater der Hebamme Margareta Schneider (1907 bis 1991) war der Schneidermeister und Nachtwächter Andreas Nagel aus dem Burggraben 1. Sie heiratete 1930 den Zimmermann Konrad Schneider aus dem Haus Mühlbach 4. Sie begann ihre Tätigkeit als Hebamme 1934 und arbeitete gleichzeitig mit Maria Rößner, denn die Anzahl der Geburten stieg in Stadtsteinach und Umgebung stetig an. Wie lange sie als Geburtshelferin in Stadtsteinach tätig war, ist nicht mehr zu belegen.

Die Letzte ihrer Zunft

Die letzte Hebamme von Stadtsteinach war Eva Ploner. Sie ist die Tochter des Arztes Dr. Hans Kremer (1885 bis 1976), eines gebürtigen Römersreuthers, der in Stadtsteinach im Dammweg 4 wohnte. Evi ist das jüngste von sechs Kindern. Sie besuchte zwei Jahre die Hebammenklinik in Erlangen. Ihr Schwiegervater Georg Ploner war Dentist und Bader, also passte sie auch in diesen medizinischen Beruf, den sie mit Hingabe als Berufung sah.
Ihr Einsatzgebiet war weit gestreut. Es reichte von Rugendorf bis Wartenfels, von Schwand, Römersreuth und Vogtendorf bis Gumpersdorf.

Tags, nachts und bei jedem Wetter

In angrenzenden Bereichen waren in Seibelsdorf eine Frau Kaufmann, in Presseck eine Frau Valtin, in Marktleugast eine Frau Helene Ludwig und in Untersteinach eine Frau Ölschlegel als Hebammen tätig. War eine der benachbarten Hebammen erkrankt oder nicht erreichbar, so sprang die jeweils andere ein. So kam es auch vor, dass Evi Ploner bis nach Enchenreuth musste oder nach Marktleugast gerufen wurde. Bei Tag und bei Nacht, bei Regen und Schnee rückte sie aus, die ersten vier Jahre sogar noch mit dem Fahrrad. Zu ihrem 80. Geburtstag 2011 blickte sie zurück: "36 D-Mark gab es damals für eine Geburt von der Krankenkasse, egal, ob sie nun vier oder vierzig Stunden gedauert hatte - inklusive der Wochenbettbesuche für zehn Tage, versteht sich."

Für Krankenkassen günstig

Für die Krankenkassen war dies eine günstige Lösung. Und die Frauen durften nur ins Krankenhaus, wenn Komplikationen zu erwarten waren. Wenn Kinder nach der Geburt in die Bayreuther Kinderklinik gebracht wurden, mussten sogar noch der Muttermilchtransport organisiert werden, da oft die Frauen zu Hause unabkömmlich waren.

Evi Ploner arbeitete als selbstständige Hebamme von 1954 bis 1971 in ihrer Praxis in der Kulmbacher Straße 3 und wechselte von 1971 bis 1977 in das Krankenhaus Stadtsteinach. Doch von diesem Jahr an gibt es kaum noch Kinder, die laut Standesamt in Stadtsteinach geboren wurden. 1977 schloss man den Kreißsaal in Stadtsteinach, alle Geburten fanden nur noch im Krankenhaus Kulmbach statt. Also wechselte auch Evi Ploner nach Kulmbach und blieb dort bis zum Jahr 1989. Eine besondere Herausforderung war im Mai 1962 eine Drillingsgeburt in Stadtsteinach, die als Hausgeburt bei Hans und Anna Sesselmann in der Grünbürgstraße für Überraschung sorgte. Wenn man Evi Ploner fragt, wie viele Geburten sie begleitet hat, kommt die Antwort prompt: Es waren 3656."

Im Kreis nur noch eine freie Kraft

Heute leisten im Klinikum Kulmbach sieben Hebammen ihren Dienst, als freie Hebamme ist im gesamten Landkreis Kulmbach nur noch Henrike Schramm aus Marktleugast tätig, die Enkelin der bereits genannten Hebamme Helene Ludwig.
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