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Rugendorf
Wirtschaft

Die besondere Arbeitswelt der Firma Münch in Rugendorf

Mario Münch ist ein vielfach prämierter Energievisionär. Für den Firmenneubau in Rugendorf ist der 33-Jährige (bisher noch) ungewöhnliche Wege gegangen. Auch ein betriebsinternes Wirtshaus gehört dazu.
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Brunnen, Sandsteine und 300 Jahre alte Eichenbalken aus dem Abbruch von Scheunen: Der Marktplatz und das Wirtshaus (hinten) sind wichtige Anlaufstellen für die Mitarbeiter der Firma Münch im Betrieb. Foto: Matthias Beetz
Brunnen, Sandsteine und 300 Jahre alte Eichenbalken aus dem Abbruch von Scheunen: Der Marktplatz und das Wirtshaus (hinten) sind wichtige Anlaufstellen für die Mitarbeiter der Firma Münch im Betrieb. Foto: Matthias Beetz
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"Legehennenhaltung der Mitarbeiter fällt aus." So viel stand für Mario Münch (33) im Vorfeld des Firmenneubaus in Rugendorf fest. "Damit lässt sich niemand motivieren." Dass jetzt im weitesten Sinne ein überdimensionaler Küchentisch entstanden ist, an dem einst auch die Anfänge des Unternehmens lagen, ist kein Zufall. Es ist von Mario Münch und seinen Mitarbeitern wohl durchdacht und Ergebnis von vielen Überlegungen. Überlegungen, die hierzulande noch weitgehend unbekannt sind.

"Die Wertschätzung für die Angestellten ist das Allerwichtigste"

"Ein guter Chef kümmert sich um seine Mitarbeiter. Die Wertschätzung für die Angestellten ist das Allerwichtigste", sagt der Kulmbacher Betriebsarzt Heinrich Behrens zum Thema Arbeitsplatzgestaltung und bedauert es, dass Arbeitsmediziner oft zu spät oder gar nicht zu Rate gezogen werden. Das Autohaus, dessen Lux-Zahlen zwar für die Fahrzeugpräsentation, nicht aber für die Ausleuchtung der Arbeitsplätze optimal sind, ist ein von ihm gern zitiertes Beispiel.

Jenseits von ergonomischen Schreibtischen und Stühlen sieht der Kulmbacher Mediziner aber auch die psychologische Seite des Berufslebens und die enorme Bedeutung des Wohlfühlgefühls am Arbeitsplatz. "Da steckt sehr viel Arbeitskraft drin. Das zahlt sich auch in Geld aus."

Im Falle Münch Elektrotechnik geht es um 60 Mal Wohlfühlgefühl in Büro und Montage. Und es geht dem Firmenchef um eine ebenso angenehme wie effiziente Arbeitsweise. "Wir hatten das große Glück, dass sich der Betrieb nahezu jährlich verdoppelt hat. Deshalb mussten wir die verschiedensten Raumkonzepte mitmachen - vom Küchentisch bis zum Containergroßraumbüro".

Lachen, schimpfen, arbeiten

Was in Rugendorf nach allen Überlegungen und Recherchen herausgekommen ist, kann sich sehen lassen. Mittelpunkt des Betriebs ist ein Wirtshaus, das auch als solches benutzt wird. Da wird gelacht, gedacht, politisiert. Quer über alle Abteilungen hinweg. Und: Da wird das bevorstehende Tagwerk besprochen, die abgewickelte Baustelle analysiert, gemeinsam eine Lösung erarbeitet, wie man ein Problem schnell beseitigt. "Das läuft völlig unkompliziert, da muss niemand eine E-Mail schreiben", sagt Mario Münch. "Kreativität muss sich entfalten können." Denn: "Kommunikation ist in der digitalisierten Welt das A und O." Was andernorts Brainstorming genannt wird, heißt in Rugendorf "zusammen ein Bier trinken".

Direkt an das Wirtshaus schließt sich ein fränkischer Marktplatz samt Baum und Brunnen an, der auch zu Kundengesprächen oder für Veranstaltungen genutzt werden kann. Die Klimaanlage und eine Tageslichtsteuerung sorgen für angenehmes Raumempfinden, die riesigen Fensterflächen ringsum machen den Kräutergarten draußen zum Greifen nah. Einen Garten, der später Obst für Schreibtische liefern wird - und Radieschen für die abendliche Brotzeit. Nebenan wächst Getreide: "Wir wollen mal einen Bierbrauerkurs machen."

Dass es bei der Firma Münch Standesunterschiede geben könnte? Kein Thema: Chef, Kunden, Büroangestellte und Arbeiter benutzen im gleichen Gebäude das gleiche Geschirr und die gleichen Sanitäranlagen, die qualitativ weit über Ideal Standard sind.

Die Büro-Arbeitsplätze sind in Zonen gegliedert, die vom Arbeitsablauf her Sinn machen und je nach Anforderung für Team- oder Einzelarbeit genutzt werden können. Wozu die beiden Telefonzellen da sind? "Für intensive und längere Einzelgespräche", verrät der Chef.

Demographischer Wandel

Dass Mario Münch diesen in Deutschland noch weitgehend unbekannten (Büro-)Weg gegangen ist, hat einen tieferen Sinn jenseits von Mitarbeiterbindung, Effizienz und Wohlfühlgefühl: "Wir leben in Oberfranken im demographischen Wandel mit immer weniger werdenden Arbeitskräften. Da stellt sich schon die Frage: Wie hole ich gute Mitarbeiter zurück?"

Christina Simon hat die Antwort darauf bei Elektrotechnik Münch gefunden. "Hier kann ich ganz anders arbeiten. Die Entscheidungswege sind kurz, nicht so umständlich wie in einem Großkonzern. Das Miteinander ist viel angenehmer, es hat fast den Charakter einer Großfamilie", sagt die Glosbergerin, die nach dem Studium Karriere machte, bei einem Global Player in München arbeitete und die Rückkehr in heimische Gefilde nicht bereut hat. Dass sie fernab der Großstadt auch günstiger leben kann, muss sie nicht eigens erwähnen.

Dass die Mitarbeiter bei einem solch angenehmen Arbeitsumfeld auf 1300 Quadratmetern mehr leisten als die in Legehennenhaltung, ist laut Mario Münch wissenschaftlich nachgewiesen und passt auch ganz genau zur Firmenphilosophie "Energie geht schlauer".

Billiger als von der Stange

Und wenn die Mitarbeiter dann auch noch mit ihrem Elektrofahrzeug in Rugendorf tagsüber die Energie tanken, mit der sie am Abend ihr Wohnhaus versorgen, dann ist das ebenso eine besondere Form der Mitarbeiterbindung. Immerhin: 5000 Euro Kosten für Öl, Strom und Fortbewegung lassen sich auf diese Weise auf 1000 Euro senken. "Und die 4000 Euro Ersparnis fahren nicht ab nach Dubai, sondern bleiben in der Region", sagt Mario Münch über andere direkte Auswirkungen durch die Energiewende.

Und die Kosten für den neuen Firmensitz? "Wir haben viele Recyclingmaterialien benutzt und weniger Räume gebaut. Unter dem Strich kommen wir wohl günstiger als mit einem konventionellen Bau", sagt der 33-Jährige.

"Weiterhin frohes Schaffen" - der fränkische Abschiedsgruß bekommt in Rugendorf eine ganz neue Bedeutung ...

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