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Kulmbach
Stadtgeschichte

Die Bluttat in der Wolfskehle

Als die Kulmbacher Bäckersfrau Babette Stößlein um die Wende ins 20. Jahrhundert Witwe wurde, nahm ein Unglück seinen Lauf. Ihr jähzorniger zweiter Ehemann beging ein Verbrechen - und richtete sich dann selbst. Aber wie konnte es so weit kommen?
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Die Webergasse im Jahr 1962. Sie wird von den übermächtigen Bauten der EKU (links) schier erdrückt. Das zweite Haus von rechts beherbergte früher die Bäckerei und Bierwirtschaft Klopfer.
Die Webergasse im Jahr 1962. Sie wird von den übermächtigen Bauten der EKU (links) schier erdrückt. Das zweite Haus von rechts beherbergte früher die Bäckerei und Bierwirtschaft Klopfer.
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In der damaligen Zeit wurde die Bevölkerung mit festen und flüssigen Brot meist aus dem gleichen Handwerksbetrieb versorgt. Das waren zum einen die "Beckn-Brauer". Sie sotten das Bier für ihre Bierwirtschaft im Kommunbrauhaus. Gleichzeitig hatten sie im Anwesen eine Backstube. Die wenigen Backerzeugnisse wurden in einer kleinen Stube neben der Wirtschaft verkauft. Insgesamt gab es über 20 solcher Betriebe in der Stadt.

Aber das war nicht alles. Manche Bäcker hatten inzwischen die mühsame und zeitaufwändige Brauarbeit eingestellt, buken weiter und empfingen die Biertrinker in ihrer Wirtschaft. Zu dieser Kategorie gehörte das Ehepaar Georg und Babette Stößlein, geborene Bauer. Sie hatten das Anwesen Webergasse 13 vom Ökonomen Georg Pöhlmann angepachtet. Natürlich gab es viel zu tun in der Doppelfunktion, aber man hatte ein gutes Auskommen.
Der Preis für Brot und Bier war reglementiert, und Mitbewerber wie Discounter oder Verbrauchermärkte gab es zu jener Zeit nicht.


Glück währte nicht lange

Aber das Glück währte nicht allzu lange. Bäckermeister Georg Stößlein verstarb. Wenn seine Witwe Babette den Betrieb aufrecht erhalten und weiterhin eine geregelte Existenz haben wollte, brauchte sie einen neuen Ehemann, vorzugsweise einen Bäckermeister. Den fand sie auch. Der Glückliche hieß Kaspar Klopfer, der sich ins gemachte Nest setzten konnte. Aber schon bald sollte sich erweisen, dass es sich um eine Zweckehe und um keine Liebesheirat gehandelt hatte. Recht schnell war stadtbekannt, dass Klopfer mit seiner Frau seit Beginn seiner Ehe im ständigen Streite lebte und von ihr schon des Öfteren verlassen worden war. Man sagte ihm nach, dass er despotische und jähzornige Eigenschaften hätte. Nicht umsonst, wäre er zu seiner Zeit beim Militär zum "Soldaten 2. Klasse" degradiert worden.


Flucht zum Bruder

Am 19. Januar 1896 hielt es Babette Klopfer, so hieß sie inzwischen, nicht mehr aus, packte ihre Sachen, sagte dem Betrieb Lebewohl und floh zu ihrem Bruder, dem Tagelöhner Johann Bauer, der in der Wolfskehle ein kleines Häuschen bewohnte. Dort richtete sie sich den Umständen entsprechend ein.

Doch nur ganze sieben Tage ließ Klopfer seine Frau gewähren. Dann suchte er sie auf. Es war schon finster, als er am 26. Januar gegen 5 Uhr das Haus in der Wolfskehle betrat. Er forderte sie auf, zu ihm zurückzukehren. Aber diesmal blieb Babette hart. Nachdem seine Bitte vergeblich war, zog Klopfer einen Revolver und versetzte - ohne zu zögern - seiner Ehefrau einen Schuss in den Unterleib und einen in die Schulter. Seine Schwägerin Bauer bekam einen unbedeutenden Steifschuss am Arm ab. Und da er seinen Schwager hinter der Kammertür vermutete, feuerte er schließlich auch noch gegen diese Tür.

Dann verließ der Schütze den Ort des Grauens durch den rückwärtigen Ausgang und eilte durch den Wald in Richtung Rehberg. Auf halber Höhe brachte er sich zwei Schüsse in die Herzgegend bei, die seinen sofortigen Tod zur Folge hatten. Klopfer wurde ins Leichenhaus geschafft, seine schwer verletzte Frau ins Krankenhaus.

Das Leben musste weiter gehen. Auch in der Bäckerei und Bierwirtschaft in der Webergasse. Schon vier Tage nach der Bluttat erschien eine Anzeige im "Kulmbacher Tagblatt", in der angekündigt wurde, dass der Betrieb unverändert weitergeführt werde. Babette Klopfer bat um Wohlwollen. In der gleichen Zeitung war am gleichen Tag ein weiteres Inserat platziert. Darin wurde für s o f o r t ein älterer, zuverlässiger Bäckergeselle gesucht. Wenn auch unter Chiffre, jeder im Kulmbach wusste, dass es sich nur um den Klopferschen Betrieb handeln konnte. Aber wer inserierte? Babette Klopfer lag ja im Krankenhaus...


Geschäftsaufgabe unvermeidlich

Das Geschäft kam nach dem Zwischenfall nicht mehr so richtig in Gang. Aus diesem Grunde sah sich Babette Klopfer genötigt, am 20. Februar 1896 eine weitere Anzeige zu schalten. Diesmal doppelt so groß wie die erste: "Geschäfts-Empfehlung. Einem geehrten hiesigen wie auswärtigen Publikum, sowie meiner werthen Nachbarschaft erlaube mir wiederholt zur geneigten Kenntnis zu bringen, daß ich meine Bäckerei und Bierwirtschaft in unveränderter Weiße fortführe und es stets mein eifriges Bestreben sein wird, meine geehrte Gäste wie Kundschaft auf das Beste zu bedienen. ..Heimback wird gleichfalls angenommen und aufmerksam besorgt. Recht zahlreichen, geneigten Besuch entgegensehend, empfiehlt sich Hochachtungsvollst Babette Klopfer, vorm. Stößlein."

Es nützte nichts. Babette Klopfer musste aufgeben. Nur wenige Monate später übernahm Wilhelm Putschky, Bäckermeister und Bierwirt, das Geschäft. 1901 erwarb er das Anwesen. Ab 1977 war es im Besitz von Fotomeister Hilmar Bleyl.
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