Kulmbach
Lesung

Der Tod darf kein Tabuthema sein

Antje May stellte in der Buchhandlung Friedrich "Mascha, du darfst sterben" vor - die Geschichte ihrer Tochter.
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Christine Friedlein (rechts) hatte die Autorin Antje May zu einer berührenden Lesung in die Buchhandlung Friedrich eingeladen. Foto: uschi Prawitz
Christine Friedlein (rechts) hatte die Autorin Antje May zu einer berührenden Lesung in die Buchhandlung Friedrich eingeladen. Foto: uschi Prawitz
Aktive Sterbehilfe - Ja oder Nein? Auch nach der Entscheidung des Bundestages, geschäftsmäßige Sterbehilfe unter Strafe zu stellen, bleibt die Debatte aktuell. Therapieren bis zum bitteren Ende? Wo bleibt das Selbstbestimmungsrecht? Wie viel Würde steht einem kranken Menschen beim Sterben zu? Fragen, die man gerne von sich schiebt, solange sie einen nicht selbst unmittelbar betreffen.

Wie schnell es aber gehen kann, dass man selbst in einer schlimmen Situation steckt, in der es darum geht, über Tod oder Leben eines geliebten Menschen entscheiden zu müssen, erzählt Antje May in ihrem Buch "Mascha, du darfst sterben", erschienen im Gütersloher Verlagshaus.
Bei einer Lesung in der Kulmbacher Buchhandlung Friedrich präsentierte sie ihre Geschichte, in der sie all ihre Erlebnisse, Erfahrungen, Hoffnungen und Gefühle festgehalten hat.


Aus der Sicht einer Mutter


Es ist die Geschichte ihrer 17-jährigen Tochter Mascha, die 2009 nach einem Unfall vor der eigenen Haustür ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erleidet und fünf Monate lang als Wachkoma-Patientin auf der Intensivstation vieles über sich ergehen lassen muss.

"Mein Buch habe ich aus Sicht einer Mutter geschrieben", sagt Antje May, die seit 30 Jahren in der Pflege tätig ist. Und so sitzt diese Mutter an einem großen Tisch in der Buchhandlung und erzählt auf äußerst berührende und behutsame Weise von ihrem Schicksal, vom Schicksal ihrer Tochter, liest mit ruhiger Stimme aus ihren Erlebnissen, die sie während eines vierwöchigen Aufenthalts in einem einsamen Ferienhaus in Finnland niedergeschrieben hat. "Ich habe Maschas geplante Reise nach Skandinavien angetreten", erzählt Antje May, "und ich habe ihr an ihrem Pflegebett versprochen, dass alles nicht umsonst war".

Die Mutter hatte auch Angst, dass ihre Erinnerungen verblassen könnten. Deswegen hatte sie das Bedürfnis zu schreiben.


Ganzheitlicher Blick ist wichtig


Entstanden ist ein äußerst anrührendes Buch zu einem Thema, das in unserer Gesellschaft gern tabuisiert wird. "Ich möchte mit meinem Buch erreichen, dass Menschen im Falle eines Falles eine Situation ganzheitlich betrachten können", sagt die Autorin.

Sie selbst habe vor allem unter den Kommunikationsproblemen mit Ärzten und Pflegepersonal zu leiden gehabt, unter den widersprüchlichen Einschätzungen und Aussagen, die sie als Mutter stark verunsichert hätten. Dazu kamen die eigenen Gewissensbisse: "Ein Kind hat schließlich nicht vor seinen Eltern zu sterben."


Quälende Fragen


Dann die quälenden Fragen, wieviel Mascha von all dem mitbekam. Hatte sie Schmerzen? "Ich will leben, nicht existieren", hatte ihr die Tochter einmal gesagt. Durfte sie sie also in ein Leben verbannen, in dem sie gefangen war? Andererseits: Durfte sie ihr Kind in den Tod schicken? "Muss ich mit Mascha in die Schweiz fahren, um ihr ein menschenwürdiges Ende zu ermöglichen?"

Antje May fühlte sich ausgeliefert, unter Druck gesetzt, hatte Angst, wenn sie nicht "zugunsten" von Mascha einen neuen Therapieansatz genehmigte, am Ende das Sorgerecht zu verlieren. Sie fühlte sich gezwungen, gegen ihre Gefühle, ihr Wissen und Gewissen zu handeln, gegen die Wünsche ihrer Tochter. "Warum will man meinem Kind jede Möglichkeit nehmen, zu sterben?" fragte sie sich immer wieder.

Nach fünfmonatigem Kampf wird Mascha schließlich in ein Hospiz verlegt, in dem sie nach sechs Tagen in einem geborgenen Umfeld friedlich stirbt. "Ich hätte mir während der gesamten Zeit in der Klinik mehr Kommunikation gewünscht, mehr Mitsprache, mehr Zeit."


Arzt rät zu Patientenverfügung


Im Hospiz habe sie all das endlich gefunden. Dass Kommunikation und Zeit in vielen Kliniken tatsächlich ein Problem sind, bestätigt auch der im Publikum anwesende Haus- und Palliativarzt Markus Ipta: "Es gibt inzwischen viele Fachabteilungen, die noch viel besser untereinander kommunizieren müssten." Auch verschiedene Untersuchungen bedeuteten für den Patienten viel Stress, beispielsweise das permanente Blutdruckmessen alle halbe Stunde, das die Patienten nicht einmal mehr ruhig durchschlafen lasse.

"Wir haben ein System von der Regierung vorgegeben bekommen, das sicher seine Vorteile hat, aber der Mensch verliert dabei", sagt der Palliativexperte. Er rät jedem Bürger, eine gültige Patientenverfügung zu verfassen, damit im Falle eines Falles der eigene Wille nicht auf der Strecke bleibt.

Antje May ist sich sicher, nach den vielen Gesprächen, die sie mit ihrer Tochter bereits vor dem Unfall geführt hatte, nach deren Willen gehandelt zu haben. Sogar einen Teil von Maschas Wunsch konnte sie erfüllen, indem sie eine Handvoll ihrer Asche mit in ihr geliebtes Finnland nahm, wo Seebestattungen erlaubt sind. "Wenn ich einmal tot bin, möchte ich, dass meine Asche hier und da verstreut wird, geht das?", hatte Mascha ihre Mutter einst gefragt. Wenn man die Kraft hat und den Willen, dann geht wohl fast alles.




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