Rothwind
Biografie

Der Rheinländer am Obermain

48 Jahre lang war Ludger Trier Jagdpächter in Rothwind. Dabei wohnt er am Rhein zwischen Köln und Bonn. In einem Buch hat der heute 78-Jährige viele Erinnerungen an seine Zeit am Obermain aufgeschrieben.
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In einem Feld haben sich Ludger Trier und sein Jagdhund in Stellung gebracht. Auf ihren Köpfen tragen sie Locktauben, die die Vögel anlocken sollen.  Fotos: privat
In einem Feld haben sich Ludger Trier und sein Jagdhund in Stellung gebracht. Auf ihren Köpfen tragen sie Locktauben, die die Vögel anlocken sollen. Fotos: privat
Bei dem Ausdruck "Krade" würde jedem Franken nur ein ungläubiges "Ja bin ich edzd debberd" entfahren. Doch Hilfe naht. "Unter ‚Krade‘ versteht man eine ‚Kröte‘. Als ‚Kraden‘ wurden bei uns nach dem Krieg scherzhaft die Straßenjungen bezeichnet", klärt Ludger Trier mit leichtem Kölner Unterton auf, um in nächsten Moment den Titel eines seiner vier Bücher aufzusagen: "Kölsche Krade auf der Jagd".
Ein Werk, das man von seinem Titel her mit den Rhein-, aber nicht mit den Mainauen in Verbindung bringen würde. Doch weit gefehlt! Die Mainecker Malzfabrik, der Liebesbock von Rothwind, der Mühlenbrand in Kleinziegenfeld - an allen Ecken und Enden der rheinländischen Lebenserinnerungen fränkelt es.
Geschrieben wurde das Ganze in einer Sprache, die so anschaulich und lebendig daherkommt, dass man meint, sich mitten im Geschehen zu befinden.

Paul Hilpert suchte Partner

Selbiges passiert auch, wenn der Autor am Telefon zu erzählen beginnt. Wenn Ludger Trier in seinen Lebenserinnerungen kramt, dann ist er in seinem Element und nur schwer zu bremsen. 45 Jahre lang war der Rheinländer, der im rechtsrheinischen Troisdorf zu Hause ist, Jagdpächter in Rothwind, parallel dazu war 18 Jahre in Mainroth und neun in Maineck.
"Jagdpacht gesucht im Umkreis von 150 Kilometern", stand vor 45 Jahren in der Fachzeitschrift "Wild & Hund" zu lesen. "Aus dem 450 Kilometer entfernten Maineck meldete sich Paul Hilpert, der ehemalige Besitzer der Mainecker Malzfabrik, der einen Mitjagdpächter suchte", kramt Trier aus seinen Erinnerungen hervor.
Der passionierte Jäger schwärmt vom Wildreichtum der Grenzregion Kulmbach-Lichtenfels: von Flugwild, das sich in den Mainwiesen wohlfühlt und von Schwarzkitteln, die in den angrenzenden Wäldern einen idealen Lebensraum haben. Und schließlich auch vom Preis: "Der jährliche Pachtpreis betrug damals nur 4500 Mark. Im Kölner Raum hätte ich das Dreifache bezahlt."
Oberfranken wurde für den Troisdorfer zu einer Art "Zweitwohnsitz". Nachdem er die ersten Jahre bei Landwirt Erich Unger in Rothwind gewohnt hatte, erfüllte er sich 1974 den Traum von der eigenen Jagdhütte. Oberhalb des Mainleuser Ortsteils Eichberg erschuf sich der Waidmann sein Refugium aus Holz und Stein. Und mit Panoramablick.

"Superkontakt zu den Bauern"

Warum er der Region am Obermain so lange die Treue gehalten habe, der 78-jährige muss nicht lange überlegen: "Was man hat, weiß man zu schätzen", spielt er auf den Wildreichtum an, um im selben Atemzug festzustellen: "Ich hatte einen Superkontakt zu den Bauern. Wir waren ein Herz und eine Seele."
Aus ihm spricht auch der leidenschaftliche Jäger, der im Brustton der Überzeugung feststellt: "Der Jagdtrieb steckt in jedem Menschen. Während der eine mit seiner Hand Fliegen fängt, jage ich mit meinem Gewehr Rehe." Dann gibt er eine Unmenge Jägerlatein von sich. Noch heute muss er über die Begebenheit schmunzeln, die sich vor Jahrzehnten unweit von Rothwind zutrug. Im Zielfernrohr hatte der Jäger einen Sechserbock, hinter sich ein kicherndes Liebespärchen, das sein Bett im Kornfeld bezogen hatte. Der Bock war gefallen. Und was machten die Turteltäubchen? "Sie stellten einen neuen Rekord im Kleider anziehen auf", zitiert Trier aus seinem Buch.
Dass der Rheinländer auch ein listiges Kerlchen gewesen war, zeigt folgende Begebenheit, die die nichtssagende Überschrift: "Jagen in Oberfranken" trägt. Nachdem er dem damaligen Boss des Pharmariesen "Bayer" in Leverkusen das Schießen beigebracht hatte, und zur gleichen Zeit die Feuerwehr neue Fahrzeuge benötigte, griff er zu einer List: "Ich berichtete den hohen Herren bei Bayer von einem Mühlenbrand in Kleinziegenfeld. Der Rothwinder Feuerwehr habe es an Ausrüstung gemangelt. Was ich ihnen verschwieg: Kleinziegenfeld war 35 Kilometer entfernt und gehörte zu Weismain." Die Folge: "Es floss eine Spende von mehreren hunderttausend Mark, die der Wehr 1979 und 1986 jeweils ein Tanklöschfahrzeug bescherte."
Schmerzt es den 78-Jährigen, die Pacht aufzugeben? "Überhaupt nicht. Ich habe in meinem Jägerleben genug erlebt. Nicht nur in Oberfranken."


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