Kulmbach
Gerichtsverhandlung

Das Märchen vom Mundraub

Eine 19-Jährige hatte drei Croissants für 2,37 Euro gestohlen und noch vor der Kasse verzehrt. Deshalb musste sie sich nun am Amtsgericht Kulmbach verantworten. Richter Christoph Berner erklärte ihr, warum dies kein Mundraub, sondern die "intensivste Form des Diebstahls" war.
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Wegen des Diebstahls dreier Croissants stand eine junge Frau vor Gericht. Foto: Symbolbild Johannes Eisele/dpa
Wegen des Diebstahls dreier Croissants stand eine junge Frau vor Gericht. Foto: Symbolbild Johannes Eisele/dpa
Weil sie im März dieses Jahres mehrfach hintereinander Croissants in einem Supermarkt im Einkaufszentrum Fritz entwendet und noch vor der Kasse gegessen hat, muss eine 19-jährige Kulmbacherin eine Woche Jugendarrest absitzen. Die junge Frau hatte tatsächlich geglaubt, dass es nicht strafbar sei, wenn sie das Gebäck sofort an Ort und Stelle verzehrt.

"Ich habe gedacht, Mundraub ist nicht strafbar", sagte die arbeitslose Angeklagte. Amtsgerichtsdirektor Christoph Berner musste sie allerdings eines Besseren belehren. Der Tatbestand des Mundraubs sei zwar längst vom Gesetzgeber abgeschafft worden, doch darum gehe es hier nicht. Hier gehe es vielmehr um die "intensivste Form des Diebstahls", auch wenn der Gegenwert der drei nachweisbar entwendeten und verzehrten Hörnchen gerade einmal bei 2,37 Euro lag.

Mehrfach vorbestraft

Das habe er auch noch nie gehabt, sagte Richter Berner.
Auch wenn er die Taten als nicht weltbewegend einstufte, so seien sie dennoch äußerst problematisch, zumal die junge Frau bereits mehrfach wegen Diebstahls vorbestraft und erst wenige Wochen davor ebenfalls wegen Diebstahls verurteilt worden war.

Der Ladendetektiv, der die Angeklagte auf frischer Tat ertappt hatte, berichtete, dass die Frau Teile des Schinken-Käse-Croissants wieder zurück in ein Regal gelegt hatte. Nachdem er sie und ihre Freundin, die angeblich ebenfalls geklaut hatte, ins Büro gebeten habe, seien der Angeklagten die Vorwürfe völlig egal gewesen. "Sie hat Hausverbot bekommen", sagte der Zeuge, auch wenn die Freundin angeblich einen Tag später mit der Zahlung von fünf Euro den Schaden wieder gut machen wollte.

Betrunken zur Sozialberatung

Schließlich berichtete der Vertreter der Jugendgerichtshilfe auch noch von einer unaufgearbeiteten Suchtproblematik bei der Angeklagten. Zuletzt sei ihr vom Gericht der Besuch bei der Sozialberatung der Caritas aufgegeben worden, dort sei sie aber schon am frühen Morgen in alkoholisiertem Zustand erschienen. Außerdem hatte es die junge Frau fertig gebracht, bei der Friedhofsverwaltung rauszufliegen. Dort hatte sie einige Sozialstunden abgeleistet, das Kehren von Laub sei ihr aber dann irgendwann einfach "zu blöd" gewesen.
Staatsanwältin Dominique Amend hatte ursprünglich auf zwei Wochen Jugendarrest plädiert.

"Keinerlei Unrechtsbewusstsein"

Die Angeklagte sei trotzig wie eine 15-Jährige, besitze keinerlei Unrechtsbewusstsein und sei mehrfach einschlägig vorbestraft. Gewisse Reifemängel seien ihr zwar nicht zu widerlegen, so dass eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht zu erfolgen habe. Trotzdem sei die Frau erstaunlich schnell wieder rückfällig geworden. Zudem stehe bereits eine weitere Anklage wegen Schwarzfahrens an.

Richter Berner entschied schließlich unter Einbeziehung eines früheren Urteils auf eine Woche Arrest, gab der jungen Frau aber zahlreiche Auflagen mit auf den Weg. So muss sie weitere 80 gemeinnützige und unentgeltliche Arbeitsstunden nach Weisung der Geschwister-Gummi-Stiftung leisten, acht Termine bei der Suchtberatung des Diakonischen Werks absolvieren und zu einem Vermittlungsgespräch zur Agentur für Arbeit. Für die Angeklagte gehe es weniger um die Croissants, sondern mehr darum, eine Perspektive für ihr künftiges Leben zu finden, so Berner. Bisher verlaufe ihr Leben einigermaßen trostlos, was sie sogar selbst zugebe. Eine Aufhellung sei aber nur dann möglich, wenn sie etwas dagegen unternehme.

Besonders übel nahm der Richter der Frau, dass sie Teile des Gebäcks wieder ins Regal zurückgelegt hatte. "Von einem Diebstahl aus Not kann man damit nicht sprechen."
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