Kulmbach
Biergeschichte

"Bevor ich sterb, ein Edelherb"

Vor 20 Jahren übernahm die Reichelbräu ihren letzten Kulmbacher Mitbewerber. Wenig später verschwanden die Namen Reichel und Edelherb vom Markt.
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Da gab es sie noch, die "Großen Vier": EKU, Mönchshof, Reichel und Sandler Fotos: Helmut Geiger
Da gab es sie noch, die "Großen Vier": EKU, Mönchshof, Reichel und Sandler Fotos: Helmut Geiger
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Sie war schon immer etwas anders als ihre zahlreichen Kollegenbetriebe - die Kulmbacher Reichelbräu. Das begann schon damit, dass sie jahrzehntelang auf Kundschaft in Bayern verzichtete und nur für den Export mit Schwerpunkt Sachsen produzierte. Von dieser Strategie wich die Brauerei an der Lichtenfelser Straße erst 1922 ab. Die "Altdeutsche Bierstube" in der Langgasse erhielt als erste das Privileg, Reichelbräu in die Biergläser zu füllen.


Stadtwappen im Etikett


Unter den verbliebenen sechs Großbrauereien schaffte sie es auch, als einzige in ihrem Firmenzeichen das Stadtwappen führen zu dürfen. Der Stadtrat genehmigte dieses Vorrecht 1926.

Als sowohl die Rizzi- als auch die Markgrafenbräu 1930 in die Reichelbräu einverleibt wurden, sorgte dies für einen Paukenschlag. Schließlich stammten aus diesem Braubetrieb zwei unvergessliche Biermarken. Das sind zum einen der Eisbock und zum anderen das Edelherb.

Während die anderen Mitbewerber in der Bierstadt das in Mode gekommene hopfenbetonte Helle einfach Pils nannten, war es für die Reichel das Edelherb. 1932 sollte es erstmals durch die neugierigen Kehlen fließen. Auch wenn es heißt, dass der Biersieder Hans Rausch im Oktober den ersten Sud angesetzt hat, die Idee stammte natürlich nicht von ihm, sondern vom seinerzeitigen Braumeister Albert Wörner. Als Walter Roßberg, in Weihenstephan studierter Diplom-Brauingenieur, am 13. März 1933 in die Brauerei eintrat, war das neue Edelherb nur ein zartes Pflänzchen und hatte neun weitere Brüder. Gegen die musste sich das Neue durchsetzen.


Ein Pils-Juwel


Unter Walter Roßberg und später seinem Sohn Horst Roßberg sowie nach kreativer Bearbeitung des Urrezepts gedieh das später genannte Pils-Juwel der Reichelbräu prächtig und entwickelte sich zur Vorzeigemarke. Insgesamt verbesserten und flankierten die beiden Technik-Vorstände rund 56 Jahre die Entwicklung der Nobelmarke.

Jahrzehntelang gab es zwischen EKU-Pils und Edelherb einen erbitterten Kampf um die Marktführerschaft in der Bierstadt. Das Pils der EKU war auf den allgemeinen Durchschnittsgeschmack getrimmt, was in weiten Teilen der Republik durchaus gut ankam. Das Edelherb dagegen hatte seine Ecken und Kanten und fiel vor allem durch über dem Durchschnitt liegende Bitterwerte auf. Aber wer sich auf das elegant gehopfte Bier einmal eingetrunken hatte, wollte es nicht mehr missen. Die Euphorie war groß. Selbst ein Wirtshaus erhielt seinen Namen, die Edelherbklause. Zu Hauf gab es Edelherb-Wettkämpfe - und der Slogan "Bevor ich sterb, ein Edelherb" war in aller Munde.


Die Wende


Genau 50 Jahre teilten EKU, Mönchshof, Reichel und Sandler den hart umkämpften Markt unter sich auf. Dann kam der 1. Januar 1980. Die Reichel schluckte Sandler. Vier Jahre später ereilte der Mönchshof das gleiche Schicksal. Zäher war die EKU. 1996 war es dann aber soweit. Am 18. März musste EKU-Vorstand Jochen Weber Konkurs anmelden. Am 2. Mai 1996 konnte die Reichelbräu die Übernahme des EKU-Betriebes bekanntgeben. Damit waren alle vier ehemaligen Gegner unter einem Dach.

Vorstandsvorsitzender Gert Langer konnte zufrieden sein. Der 2. Mai 1996 sollte dann zum Schicksalstag werden - der Anfang vom Ende des Namens Reichelbräu. Schon seit langem Langer eine Vision. Er wollte ein ganz Großer werden, die erfolgreichen Brauereien hatten es ihm angetan: Krombacher, Bitburger, Warsteiner oder auch Radeberger.

Da fehlte nur noch Kulmbacher im Reigen der Mächtigen. Für diesen denkwürdigen Tag hatte er schon lange alles penibel vorbereitet. Er brauchte nur noch die Schublade zu öffnen und sein Konzept auf den Tisch legen: Kulmbacher!

Das Weitere ist schnell erzählt. Die neuen Etiketten mit dem künftigen Namen waren schnell gedruckt, das Wort Reichelbräu verschwand auf Nimmerwiedersehen und auch der Markenname Edelherb tauchte unter. Die "Lange Kulmbacher Biernacht" mit Thomas Gottschalk sollte als Beschleuniger dienen. Sie wurde ein Flop, das ZDF probierte ein solches Format kein zweites Mal aus. Mit dem Kulmbacher-Etikett auf der Bierflasche ging es bergab - unaufhaltsam, kontinuierlich. Die Aktionäre wurden unzufrieden. Die Reißleine musste gezogen werden.
Viel Kreativität war dazu nicht nötig. Man brauchte sich nur in der Nachbarschaft umzusehen. Langer kupferte von der oft belächelten Brauerei Leikeim aus Altenkunstadt ab, die eine Bügelverschlussflasche auf den Markt gebracht hatte. Dem Trend der Zeit entsprechend musste die Bügelflasche ins Sortiment. Der Traum von der Monomarke Kulmbacher war ausgeträumt. Dafür und das war ein guter Schachzug, kam die stillgelegte Marke Mönchshof zu neuen Ehren.

Aber der Anfang war schwer. Es fehlte die Abfüllanlage. Von der Brauerei Scheidmantel in Coburg musste das Bier hin- und hertransportiert werden, und die Anlage war alt und langsam.


Wartezeiten in Coburg


"Bierkutscher" Fritz Kolb aus Trebgast erinnert sich: "Meistens war in Coburg nicht genug Bier da, die Maschine produzierte nur zwei bis drei Paletten pro Stunde. Wir mussten warten. Oft wurde wir mit einem nur viertel oder halb beladenen Wagen nach Kulmbach zurückbeordert, weil die große Abholkundschaft aus dem Norden nicht länger warten wollte."

Heute ist die Bügelverschlussflasche der Kulmbacher Brauerei mit den Marken Mönchshof und Kapuziner Absatzträger Nummer eins. Sie ist überall in der Republik zu finden und kann mit Fug und Recht die Marktführerschaft beanspruchen.

In den Siebzigerjahren machte der Bierbrauer Hümmer aus dem unterfränkischen Nest Dingolshausen von sich reden. Er bezeichnete sich selbst als "Europas bekanntester Mittelstandsbrauer".


Die meisten Sorten


Dies deshalb, weil er alle auf dem Markt befindlichen oder aufkommenden Biersorten nachbraute. Ihn gibt es längst nicht mehr. Diesen Rang mit den meisten gebrauten Biersorten hat ihm die Kulmbacher Brauerei längst abgenommen.

Wenn man durch die brauereieigenen Markgrafen-Getränkemärkte streift, dann zählt man rund 40 verschiedene Biersorten, die in der Bierstadt gesotten werden. Die Verlierer EKU und Mönchshof gibt es noch im Sortiment. Den Namen des Siegers Reichelbräu sucht man vergebens.

Auch auf der Bierwoche ist der Name Reichelbräu ausgegrenzt. Die Alten werden sich noch wehmütig erinnern. Bald wird er ganz vergessen sein.


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