Kulmbach
Übergabe

Bayerische Rundschau verleiht zum 4. Mal den Bürgerpreis

Zum vierten Mal haben Verlag und Redaktion der Bayerischen Rundschau den Bürgerpreis vergeben. Redaktionsleiter Alexander Müller sagte bei der Übergabe, eine Zeitung habe die Aufgabe, auch die guten Nachrichten zu vermelden - und dazu zählen Menschen, die sich über das normale Maß hinaus für die Gesellschaft einsetzen.
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Die Bayerische Rundschau verleiht den Bürgerpreis seit 2012 in den Kategorien Soziales Engagement, Jugendförderung und Zivilcourage. Foto: Nützel
Die Bayerische Rundschau verleiht den Bürgerpreis seit 2012 in den Kategorien Soziales Engagement, Jugendförderung und Zivilcourage. Foto: Nützel
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"Das sind wirklich ganz tolle Preisträger, da wurden die Richtigen ausgewählt." Lobende Worte fand Landrat Klaus-Peter Söllner bei der Übergabe der Bürgerpreise am Donnerstagabend im Reiterhof in Wirsberg.
Margitta Hieke nannte er eine "herausragende Akteurin auf vielen Feldern sozialen Einsatzes". Grafengehaig könne sich glücklich schätzen, eine solche Persönlichkeit zur Bürgerschaft zählen zu können.
"Aus dem Jungen wird was", sagte Söllner an die Adresse von Jonas Gleich. Der 17-Jährige sei unter den ohnehin schon "speziellen Zaubachern" ein "besonderes Vorzeigeobjekt", der in seinen jungen Jahren eine große Routine ausstrahlt und es geschafft hat, Thomas Gottschalk sprachlos zu machen.
Emilia Zietz und Sally Mattes (beide 15) hätten mit ihrer lebensrettenden Aktion bewiesen, "dass der jungen Generation eben nicht alles wurscht ist". Die beiden haben hin- und nicht weggeschaut, als
jermand mit seinem Schicksal haderte. "Es ist ein tolles Gefühl zu wissen, einen Menschen vor dem Tod bewahrt zu haben."
Die Preisverleihung wurde umrahmt von der Bläser-Formation Trio doctorale mit den promovierten Ärztinnen Christine Hofmann-Niebler, Anette Mytzka und Ruperta Mattern.


Bürgerpreis in der Kategorie "Soziales Engagement": Margitta Hieke


Für andere Menschen da zu sein, denen zu helfen, die sich selbst nicht helfen können, das macht Margitta Hieke Freude. Die 60-Jährige ist seit vielen Jahren Obfrau des Frankenwaldvereins Grafengehaig. Sie organisiert Wanderungen, Vereinsausflüge, große und kleine Veranstaltungen und sorgt dafür, dass Leben im Verein ist. Margitta Hieke ist eine Netzwerkerin, die überall im Ort auf Unterstützung von Mitstreitern zählen kann - nicht nur aus dem Frankenwaldverein. "Bei uns ist keiner allein. Man hilft sich gegenseitig."

Beispiel Dorfladen. Seit sechs Jahren gibt es "Unner Lädla", für das sich Margitta Hieke von Anfang an stark engagiert. "Das ist eine tolle Einrichtung für die Menschen in unserem Ort. Es ist wichtig, dass das gut läuft." Deshalb kümmert sich die 60-Jährige unter anderem um den Hol- und Bringservice. Sie liefert vorbestellte Produkte aus dem Dorfladen an Menschen, die nicht selbst einkaufen gehen können. Wer sich selbst im Laden umschauen möchte und nicht alleine hinkommt, kann sich von Margitta Hieke auch fahren lassen

Neben all diesen Tätigkeiten für die Dorfgemeinschaft liegt ihr besonders die Betreuung der in ihrer Heimatgemeinde untergebrachten Flüchtlinge am Herzen. Das sind derzeit vier Familien - eine aus Tschetschenien, eine aus Syrien, zwei aus der Ukraine, alle mit zwei bis vier Kindern, und bei allen laufen die Asylverfahren noch.

Margitta Hieke ist für alle Fragen, Sorgen und Nöte ihre erste Ansprechpartnerin. Sie fährt mit ihnen zum Arzt und zum Landratsamt, organisiert Schule und Kindergarten, Mitfahrgelegenheiten und Deutschunterricht und hilft den Asylbewerbern, sich in Deutschland zurechtzufinden.

Nicht zuletzt kümmert sich die 60-Jährige auch darum, dass gespendete Möbel, Spielzeug und Hausrat sinnvoll verteilt werden. "Ich kenne alle Wohnungen und weiß, wer was braucht."

Woher nimmt Margitta Hieke die Kraft und die Motivation für so viele ehrenamtliche Aufgaben, die hinsichtlich der Arbeitsstunden leicht einem Vollzeitjob entsprechen? "Ich bin von klein auf zur Hilfsbereitschaft erzogen worden", sagt sie. Als zweitältestes von elf Kindern habe sie früh gelernt, dass ein gutes Miteinander nur mit gegenseitigem Respekt und Unterstützung funktioniert.


Ehrenamt ist gut für die Seele

Die sinnvolle Beschäftigung sei darüber hinaus auch für sie selbst wichtig. "Das schützt mich vor Depressionen, ist gut für die Seele und auch ein Mittel zu Selbsthilfe." Margitta Hieke konnte sich wegen schwerer Krankheiten beruflich nicht so entfalten, wie sie sich das erträumt hatte. Noch heute kämpft sie mit oft schmerzhaften körperlichen Einschränkungen. Aber davon will sie sich nicht unterkriegen lassen. Margitta Hieke ist eine Kämpfernatur und hat sich mit ihrem Einsatz und ihrem herzlichen Wesen viele Freunde erworben.
Vor 25 Jahren waren die gebürtige Dresdnerin und ihr Mann Klaus noch fremd im Ort. "Wir kamen nach der Grenzöffnung her, um Urlaub zu machen, und konnten für ein paar Wochen ein Häuschen mieten." Wenig später kamen die Hiekes mit ihrer damals sechsjährigen Tochter Nicole für immer in den kleinen Frankenwald-Ort und leben seither in ihrem ehemaligen Urlaubshäuschen. "Wir ha ben die Entscheidung nie bereut."


Dezentral ist ideal

Die Hiekes haben sich in die Dorfgemeinschaft integriert und helfen nun den Flüchtlingen dabei, sich in ihrem neuen Zuhause wohlzufühlen. "Das sind sehr nette Leute, die sehr dankbar für Unterstützung sind." Ein großer Vorteil beim Bemühen um Integration sei die dezentrale Unterbringung. "Das ist das beste, was man machen kann. So können wir die Leute individuell betreuen. Jeder hat eine andere Vorgeschichte, eine andere Mentalität. Im persönlichen Kontakt entsteht Vertrauen." Sie selbst habe großen Respekt vor den Flüchtlingen, die das große Wagnis der Reise ins Ungewisse auf sich nehmen: "Da gehört auch viel Mut dazu."
Dass sie für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet wird, ist Margitta Hieke fast ein bisschen peinlich. "Das ist ein komische Gefühl, aber natürlich freue ich mich sehr darüber."

Bürgerpreis in der Kategorie "Jugendförderung": Jonas Gleich


Sein Terminkalender ist randvoll. Proben, Besprechungen, Gruppenstunden, Vorbereitungen für Feste, Jugendparlament und vieles mehr muss Jonas Gleich neben der Schule organisieren. Stress ist das für den 17-Jährigen aus Zaubach aber nicht - im Gegenteil: "Das sind alles Dinge, die mir viel Spaß machen."
Jonas gehört zu den "Helden des Alltags", die die Bayerische Rundschau am Donnerstagabend mit dem Bürgerpreis auszeichnete. Die Jury entschied sich im Bereich Jugendförderung für den Schüler, weil er trotz seiner jungen Jahre reichlich Erfahrung im Ehrenamt und insbesondere in der Jugendarbeit hat und sich dabei schon viele Lorbeeren verdient hat.
Vor dem Fernseher sitzt Jonas selten: Viel lieber organisiert er Gruppenstunden, Spielnachmittage und Jugendgottesdienste bei der Katholischen Jugend, Feste, Arbeitseinsätze, Jugendgruppenaktivitäten und Kinderdiscos bei der Landjugend Zaubach. Seit er 14 Jahre alt ist, trägt er dort im Vorstand Verantwortung, mittlerweile auch im Kreisverband. Und im Stadtsteinacher Jugendparlament ist er der führende Kopf und vertritt die Interessen der Jugendlichen.
Der 17-Jährige hat nicht nur ein Händchen fürs Organisieren, sondern er steht auch gern auf der Bühne. In Rugendorf spielt er Theater, im Stadtsteinacher Fasching und beim Schlappenfasching in Zaubach ist er eine feste Größe. Was reizt ihn an den Faschingsauftritten? "Man kann dabei mal eine ganz andere Persönlichkeit sein, sagen, was man sonst nie sagen dürfte. Und es ist ein tolles Gefühl, wenn dem Publikum gefällt, was ich mache."
Wie schafft Jonas es, alle diese Tätigkeiten zu koordinieren? Der 17-Jährige ist da ganz Profi: "Man muss organisiert leben. Dann ist das kein Problem."
Seine Zeit muss sich der Abi turient gut einteilen: Im Frühjahr sind Abschlussprüfungen. Da steigt das schulische Arbeitspensum. Und wie geht's dann weiter? Jonas möchte ein freiwilliges soziales Jahr in der Politik machen, danach in Würzburg Politikwissenschaften studieren.


Bürgerpreis in der Kategorie "Zivilcourage": Emilia Zietz und Sally Mattes

Sally Mattes hat den Mann noch einmal gesehen, irgendwann im Januar war das. "Da stand er in Kulmbach vor einer Kneipe." Der Mann, der womöglich nicht mehr am Leben wäre, hätten die damals 14-Jährige und ihre gleichaltrige Freundin Emilia Zietz nicht am 30. Oktober des vergangenen Jahres couragiert eingegriffen.
Die Freundinnen seit Kindergartentagen sind an diesem Tag im Herbst mit ihrer Clique unterwegs und machen einen Abstecher zum Rehturm. Oben, auf der Aussichtsplattform, bemerken die Jugendlichen den Mann an der Brüstung. "Irgendwie war uns beiden klar: Mit dem stimmt was nicht, der wirkte total traurig", erzählt Emilia. Der 45-Jährige habe zudem einen betrunkenen und seelisch instabilen Eindruck gemacht.
Während ihre anderen Freunde der Kälte weg vom Turm hinabsteigen, verwickeln die beiden Schülerinnen den Unbekannten in ein Gespräch. "Er hat uns sofort offen erzählt, dass er Pro bleme hat", sagt Sally. Sie und Emilia reden mit dem Mann, hören ihm zu. Erfahren, dass er drei Kinder hat und es wohl in der Partnerschaft mächtig kriselt. Fast beiläufig erwähnt er, dass der freie Fall vom Rehturm nur zwei Sekunden dauert. Die Mädchen entlocken dem Verzweifelten, dass er mehrfach versucht habe, sich umzubringen.
Fast 45 Minuten halten die Schülerinnen den Lebensmüden von seinem Vorhaben ab. "Die Zeit verging schnell", sagt Emilia. Es gelingt, den Mann unter einem Vorwand nach unten zu locken, auf sicheres Terrain. Sally hatte da bereits per Handy die Polizei informiert. Die letzten Worte des Mannes, als er in das Auto der Beamten steigt, sind: "Wer hat die denn gerufen?" Die Schülerinnen erinnern sich noch, dass sie sich entschuldigt haben. "Es tut uns leid, aber wir wollten nicht verantwortlich sein, dass Ihnen was passiert."
Bedankt hat sich der Mann nie bei seinen Retterinnen - dafür aber die Polizei und das Innenministerium. Jetzt gab es als Anerkennung den BR-Bürgerpreis für Zivilcourage obendrauf.
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