Forstlahm
Ortstermin

Baugebiet Forstlahm-Süd: Bürger fordern Einstellung der Arbeiten

Das Baugebiet Forstlahm-Süd wird ein Streitthema bleiben. Bei einem Ortstermin am Donnerstagabend konnte OB Schramm die Bürger nicht überzeugen.
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Im Bauabschnitt I des Baugebiets Forstlahm-Nord sind die ersten Häuser schon fast fertiggestellt. Eine Erweiterung des Areals wollen die Anwohner aber verhindern. Foto: Alexander Hartmann
Im Bauabschnitt I des Baugebiets Forstlahm-Nord sind die ersten Häuser schon fast fertiggestellt. Eine Erweiterung des Areals wollen die Anwohner aber verhindern. Foto: Alexander Hartmann
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Dass die betroffenen Anwohner des Baugebiets 330 und Henry Schramm bald Freunde werden, ist eher unwahrscheinlich. Der Oberbürgermeister, der gestern Abend zu einem weiteren Ortstermin in den Gasthof Schramm gebeten wurde, versuchte zwar, mit großer Verstärkung aus der Verwaltung und schlagkräftigen Argumenten die Erweiterung des Baugebiets Forstlahm-Nord zu rechtfertigen; die Bürger, allen voran die Familie Schieber, blieben aber skeptisch. Mehr noch: Sie erhoben die Forderung, die Arbeiten für die Erschließung zu stoppen.

Das Treffen fand im Freien vor der Gaststätte statt, die Argumente wurden mit Hilfe von Laptop und Monitor vorgetragen. Eunike Schu machte sich zur Sprecherin der etwa 40 Bürger und führte mehrere Gründe für die Ablehnung an: die demografische Entwicklung "Oberfranken ist von der Zuwanderung nicht betroffen"), die hohen Grundstückspreise von rund 100 Euro/Quadratmeter ("Für Familien sehr schwierig, Luxusgrundstücke sind nicht zwingend notwendig"), Zerstörung von wertvollen Biotopen, Grünflächen und artenreichen Wiesen, Belastung des Grundwassers durch weitere Bodenversiegelung und erhöhte Hochwassergefahr für die Bewohner des Tiefenbacher Weges.


Videovorführung

Zu letzterem Punkt führte Schu ein Video vor, das bei einem Unwetter entstand. Frank Schieber: "Wenn bei geringem Regen schon so große Probleme auftauchen, wie sieht es dann bei Starkregen aus?" Und sein Bruder Peter ergänzte: "Wir möchten hier einfach nur, dass unsere Ängste gesehen und erhört werden." Letztendlich stand die Forderung im Raum: "Einstellung der Erschließung beziehungsweise Bebauung von Forstlahm 330."

Um diese zu untermauern, übergab Eunike Schu eine Liste mit 84 Unterschriften an den Oberbürgermeister, dem Peter Schieber ausdrücklich für seine Teilnahme dankte: "Dass er hier Gesicht zeigt, davor ziehe ich meinen Hut."

Henry Schramm ("Ich kann Ihre Bedenken nachvollziehen") stellte zunächst fest, dass das Haus der Familie Schieber im Tiefenbacher Weg 1996 trotz negativer Verwaltungsvorlage gebaut wurde. "Da ist auch einiges nicht richtig gelaufen, aber Sie wurden damals darauf hingewiesen, dass so etwas kommen könnte." Und weweiter: "Das Gebiet, in dem Sie damals auch so gerne bauen wollten, ist halt so schön, dass jetzt auch andere Menschen dort wohnen möchten."

Er versicherte, dass niemand im Stadtrat etwas unternehme, das Bürger in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. "Der Tiefenbacher Weg war schon vor der Baumaßnahme gefährdet. Wir werden deshalb alles tun, damit es hinterher nicht schlechter, sondern besser für Sie wird."


"Wohnraum wird nachgefragt"

Der Meinung der Bürger, das Baugebiet sei unnötig, hielt Schramm entgegen, dass in Kulmbach Wohnraum nachgefragt werde. Für Forstlahm-Süd gebe es immerhin bereits 24 Vormerkungen. "Die Zahlen sprechen da eine andere Sprache." Allen, die hydraulische Gutachten anzweifeln, schrieb der OB ins Stammbuch: "Wenn ich mich auf die Fachleute beim Wasserwirtschaftsamt nicht mehr verlassen kann, dann kann ich meinen Laden da drinnen zusperren."

Stadtbaudirektor Gerd Belke schilderte die Chronologie des Verfahrens (siehe Infobox), für das erste Überlegungen bereits im Jahr 1998 angestellt worden seien. Immer sei eine frühzeitige Bürgerbeteiligung durchgeführt worden, die jeweiligen Beschlüsse haber der Stadtrat immer einstimmig gefasst. Belke: "Es ist in vollem Umfang das gemacht worden, was gesetzlich vorgeschrieben ist."


Abflussleistung wird versechsfacht

Dann skizzierte Stadtwerksleiter Stephan Pröschold die Verbesserungen bei der Entwässerung. So werde der Hauptgraben auf ein 100-jähriges Hochwasser plus 20 Prozent Sicherheitszuschlag ausgelegt, der 800er Kanal, in den der Hauptgraben münde, werde durch ein 3 x 1 Meter großes Rahmenprofil ersetzt, so dass sich die Abflussleistung versechsfache. Das Wasser werde dann zum neu gestalteten Überlaufbogen geführt, von wo aus es in die Wiesen fließe. Das Regenüberlaufbecken, das knapp 1000 Kubikmeter fasse, diene als Pufferbehälter für das Oberflächenwasser. "Im wesentlichen zum Schutz der Anwohner werden hier 1,2 Millionen Euro investiert", stellte Pröschold heraus.

Waren bereits die Ausführungen Pröscholds durch Zwischenrufe gestört worden, musste sich dies auch Diplomingenieur Andreas Höhne gefallen lassen. Er versuchte den Bürgern klarzumachen, dass der Endzustand noch nicht erreicht ist. Mit seinem Hinweis, dass die Hochwasserfreilegung des Hauptgrabens nicht nur den Bürgern im Tiefenbacher Weg diene, sondern für den gesamten Altbestand Forstlahms von Vorteil ist, gab sich Gertraud Schieber nicht zufrieden: "Sie haben den Bach in Richtung unserer Häuser geleitet. Das Wasser kommt auf uns zu. Wie kann ein Ingenieur sowas planen?"

Was das Regenüberlaufbecken betrifft, in dessen oberen Bereich laut Höhne noch eine Art Flutmulde entstehen soll, schimpfte Gertraud Schieber weiter: "Warum wurden wir eigentlich nicht in die Planungen einbezogen? Möchten Sie unter einem solchen Becken wohnen?"

Die Rednerin äußerte auch ihr Missfallen darüber, wie sie in der Stadtverwaltung abgefertigt worden sei. "Ihr könnt euch alle beschweren, gebaut wird trotzdem", habe es geheißen. "Ihr könnt alle dumm schauen, aber das ist eine Sauerei, wie man da im Rathaus vorgeführt wird."

Dies war OB Schramm dann doch zuviel. Er appellierte an die Bürger, Respekt zu wahren und "Grenzen einzuhalten". Einen Seitenhieb auf Gertrud Schieber konnte er sich dennoch nicht verkneifen: "Andere Bürger waren bei mir im Rathaus und waren zufrieden, als ich ihnen alles erklärt habe. Sie haben halt das Problem, dass Sie im Hochwassergebiet gebaut haben.

Schramm versicherte, dass alle Bedenken gewürdigt und dem Stadtrat vorgelegt werden. "Und dann gibt es einen Beschluss."

Frank Schieber brach schließlich den offiziellen Teil ab. "Das Baugebiet bleibt ein Streitthema", bilanzierte er. Seine Familie lässt sich inzwischen rechtsanwaltlich beraten.


Historie des Baugebiets (Auszug)


2002: Das Gebiet Forstlahm-Nord (329) wird im Flächennutzungsplan als "Bauerwartungsland" ausgewiesen. Damals war Inge Aures (SPD) noch Oberbürgermeisterin.

2008: Das langwierige Bebauungsplanverfahren wird in Gang gesetzt. Am 23. Oktober fasst der Kulmbacher Stadtrat den einstimmigen Beschluss zur Aufstellung des Bebauungsplans Nr. 329 "Forstlahm-Nord".

2013: Der Stadtrat befürwortet ohne Gegenstimme das Bebauungsplan-Vorkonzept und die Durchführung einer frühzeitigen Bürgerbeteiligung.

2014: Einstimmiger Stadtratsbeschluss u. a. zur Vergabe der Aufträge zur weiteren Planbearbeitung.

2015: Der Bebauungsplanentwurf wird vom 11. Mai bis 12. Juni öffentlich ausgelegt.

2016:
Der Stadtrat stimmt einstimmig dem vorzeitigen Maßnahmenbeginn für den Gewässerausbau "Hauptgraben" zu (Antrag an das Wasserwirtschaftsamt). Der erste Spatenstich erfolgte am 31. Mai.


Baugebiet - Teil Süd (330)

2015: Der Stadtrat beschließt die Einleitung des Bebauungsplanverfahrens (einstimmig). Die Planungsleistungen für die Erschließung werden am 16. Juli vergeben. Vom 23. Juni bis 24. Juli erfolgen die Bürgerbeteiligung und die frühzeitige Beteiligung der Träger öffentlicher Belange.

2016: Am 30. März werden die Planungsleistungen für die Hochwasserfreilegung des Hauptgrabens vergeben (einstimmig).

2017: Einstimmiger Baubeschluss für den Teil Süd, wenn der Bebauungsplan rechtskräftig ist.
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