Eppenreuth
Stadtgeschichte(n)

Andreas Küntzel schrieb Weltgeschichte

Andreas Küntzel aus dem Grafengehaiger Ortsteil Eppenreuth wurde vor 125 Jahren in Afrika ermordet. Die Bayerische Rundschau hat seine Geschichte recherchiert.
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Andreas Küntzel hat in Ostafrika Gebiete gekauft oder getauscht, um den deutschen Kolonialbesitz zu erweitern. Fotos: Repro Siegfried Sesselmann
Andreas Küntzel hat in Ostafrika Gebiete gekauft oder getauscht, um den deutschen Kolonialbesitz zu erweitern. Fotos: Repro Siegfried Sesselmann
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Im Jahr 1930 erschien ein Roman von Josef Hübner mit dem Titel "Die Saat des Andreas Küntzel in Ostafrika Wituland". Die Hauptfigur tauschte und kaufte in Ostafrika Gebiete, um sie unter deutsche Schutzherrschaft zu stellen und den deutschen Kolonialbesitz zu erweitern. Dieser Abenteurer geriet in die Mühlensteine der Weltpolitik zum Ende des 19. Jahrhunderts. Unglücklicherweise informierte man diesen Pionier nicht, dass das deutsche Reich seine Besitzungen im Wituland, an der nördlichen Küste des heutigen Kenia, mit England gegen die Insel Helgoland eintauschte. Andreas Küntzel und seine Mannen wurden vor 125 Jahren in Afrika brutal ermordet. Ohne dessen Unternehmungen wäre vielleicht dieser Tausch nicht möglich gewesen. Dass dieser Bauernsohn aus dem Frankenwald eine Braut in Stadtsteinach hatte, weiß die Geschichtsschreibung nicht.

Andreas Küntzel wurde in Eppenreuth bei Grafengehaig am 28. April 1860 als achtes Kind des Bauern Thomas Küntzel und seiner Frau Christiane, geborene Gareiß aus Seifersreuth, geboren. Der Vater kratzte jeden Pfennig zusammen, damit sein begabter Sohn nach Bamberg auf das Lehrerseminar geschickt werden konnte. Doch bereits dort kam Andreas' lebhaftes Temperament zum Vorschein: Nach einem Lausbubenstreich musste er die Schule verlassen.

Nach einigen Monaten Praktikum am Forstamt Stadtsteinach verliebte er sich in eine reiche Bürgerstochter. Wie es der Zufall so wollte, erblickte er seine Angebetete mit einem anderen jungen Mann auf dem Marktplatz in Stadtsteinach. Von Eifersucht gepackt, griff der junge Hitzkopf den vermeintlichen Nebenbuhler an. Andreas musste daraufhin sein Elternhaus verlassen...

Nachdem er seinen Militärdienst in Bayreuth beendet hatte, zog es ihn in die Fremde. Ihm war das Schicksal hold, er machte die Bekanntschaft eines Prinzen, mit dem er eine Weltumsegelung unternahm. Er sah Japan, China und Ostindien.

Er tauchte bei der französischen Fremdenlegion unter und schlug sich als Legionär in französischen Kolonien wie in Algier und auf Sumatra durch. Nach vier Jahren reichten ihm diese Erfahrungen, worauf er eines Tages einfach von einem französischen Kriegsschiff sprang. Er landete im Hafen Aden, im heutigen Jemen.
Da er für neue Ideen immer zu begeistern war, ging er jedes Abenteuer mit ein. So stieß er auf die beiden Deutschen Dr. Karl Peters und Dr. Gustav Jühlke, die - als Engländer getarnt - mit einem britischen Dampfer auf dem Weg nach Sansibar waren. Ihr Auftrag war, für die Deutsche Kolonialgesellschaft Land zu erwerben und Handelsniederlassungen zu gründen. Küntzel war sofort dabei und lernte 1884 noch die aus Zeitz stammenden Gebrüder Clemens und Gustav Dehnhardt kennen. Beide hatten zuvor im Suaheliland, dem Sultanat Witu, einen Grundbesitz vom verstorbenen Sultan Achmed erhalten.

Küntzel gewann das Vertrauen des Sultans Fumo Bakari, worauf er ihn mit seinen militärischen Erfahrungen bei dessen Kampf gegen den Sultan von Sansibar unterstützte. Sansibar befand sich damals unter dem Protektorat der Engländer, der regierende Sultan Bargasch wollte von den Deutschen nichts wissen. Dort, im weiten Wituland, residierte der die Engländer hassende Suahelifürst Abdallah, den die fünf Deutschen für sich zu gewinnen hofften. Küntzel, der während seines Dienstes in der Fremdenlegion die Suahelisprache gelernt hatte, wurde zum wichtigsten Mann der kleinen Expedition.

Bald nannte er sich in weißer Phantasieuniform mit roten Aufschlägen "Kommandeur der Leibwache des Sultans von Witu." Und geriet zwischen die Mühlsteine der Weltpolitik, da sich gerade die Interessen der Mächte England und Deutschland begegneten.

Die mutigen Deutschen erwarben bei einigen Häuptlingen Land gegen Glasperlen, Kupferdraht und Regenschirme. Küntzel und seine Begleiter hatten insgesamt 19 Verträge abgeschlossen und damit ein Gebiet so groß wie Süddeutschland für Deutschland erworben. Sultan Abdallah, ein Todfeind des Sultans von Sansibar, war hocherfreut, als ihm die Deutschen einen Schutzvertrag des deutschen Kaisers anboten.

Die Engländer und der Sultan von Sansibar unternahmen von nun an Anschläge auf die deutschen Kolonisten; Andreas Küntzel wurde mehrmals verletzt. Trotzdem war sein Eifer nicht zu bremsen. Für sich selbst erwarb er ein Stück Land, er wurde außerdem vom Sultan zum Festungskommandanten der Hauptstadt ernannt. Ganz allein begann er, seinen Boden urbar zu machen und Kaffee anzupflanzen.

Nun benötigte der Abenteurer dringend Geld, um noch mehr Land zu erwerben und Arbeitskräfte anstellen zu können. Seine Verwandten im Frankenwald hielten ihn für einen Spinner, seine Briefe blieben unbeantwortet. So reiste er in den Jahren 1886 und 1889 zurück nach Deutschland und hielt im Auftrag der Kolonialgesellschaft in großen Städten wie München, Saarbrücken und Speyer Vorträge. Viele deutsche Zeitungen berichteten ausführlich über den Eppenreuther.

Seine geliebte Braut Anna aus Stadtsteinach glaubte fest an ihn und nahm auch in Kauf, dass sie aus ihrem Elternhaus geworfen wurde, um als Magd bei ent-fernten Verwandten zu arbeiten. Aber das Blatt wendete sich für sie, als Andreas Küntzel mit einer Kutsche durch das Stadtsteinacher Land fuhr. Er durfte seine Anna in die Arme nehmen. Ihr Ziel war die gemeinsame Ausreise nach Afrika, wo er ein modernes Sägewerk für afrikanische Edelhölzer errichten wollte. So wurde Verlobung gefeiert.

Küntzel fand einen Geldgeber und startete eine Expedition mit 20 Teilnehmern - darunter ein Arzt, ein Ingenieur viele Handwerker. An Bord des deutschen Dampfers "Reichstag" erreichte die Gesellschaft Lamu am 25. August 1890.

In der Zwischenzeit überraschte hinter dem Rücken aller Beteiligten die Nachricht vom deutsch-britischen Abkommen vom 1. Juli 1890. Deutschland zog seine Schutzherrschaft über Witu zugunsten von Großbritannien zurück. Im sogenannten "Helgolandvertrag" beschlossen England und Deutschland, die Insel Helgoland an Deutschland abzutreten, dafür musste Deutschland auf seine Ansprüche auf Sansibar und das Wituland verzichten.

Der Sultan von Witu sah sich von den Deutschen verraten. Trotzdem wollte Andreas Küntzels seinen Besitz retten. Der Zorn des hintergangenen Suahelifürsten verschonte den Oberfranken und seine Helfer jedoch nicht: Während die Deutschen das Sägewerk errichteten und Küntzel seiner Verlobten zuversichtliche Briefe schickte, hatte der Sultan bereits den Tod der Europäer beschlossen. In einen Hinterhalt gelockt, wurden Andreas Küntzel und seine Freunde am 15. September 1890 niedergemetzelt.

Die deutsche Regierung sandte eine Protestnote nach Großbritannien und forderte Bestrafung und Schadenersatz. Die Briten forderten Sultan Fumo Bakari auf, sich einem Gerichtsverfahren auf Lamu zu stellen. Da er dem keine Folge leistete, landeten die Briten mit einer Streitmacht aus fast 800 Seeleuten und Marineinfanteristen, 150 indischen Polizisten, 200 sansibarischen Soldaten sowie 250 einheimischen Hilfstruppen und riefen das Kriegsrecht über Witu aus. Mehrere Dörfer wurden abgebrannt, Witu gestürmt und ebenfalls niedergebrannt. Der Sultan zog sich mit seiner Streitmacht in den Busch zurück. Schließlich zog die britische Streitmacht wieder ab.

Viele Zeitgenossen wetterten über den Tausch, den Deutschland mit England tätigte: "Man tauschte eine Hose gegen einen Knopf", hörte man die Gegner unken. Doch aus heutiger Sicht war der Helgolandvertrag ein Vorteil. Während die Engländer ihre Kolonien in die Unabhängigkeit ließen und sich 1963 auch aus Kenia und Sansibar zurückzogen, feiert man in diesem Jahr in Helgoland den 125. "deutschen Geburtstag".

Dass bei diesem geschichtsträchtigen Ereignis ein Bauernsohn aus Eppenreuth eine bedeutende Rolle spielte, wird in dem Roman von Josef Hübner anschaulich erzählt. Wer aber seine Braut Anna aus Stadtsteinach war, ist bis heute nicht bekannt. In dem 1930 erschienen Roman wurde sie Anna Röder genannt. Doch um 1880 gab es in Stadtsteinach keine Sägewerksbesitzer dieses Namens...





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