Kulmbach

Amtsgericht Kulmbach: Stoff für eine Seifenoper

Kurioses vor dem Kadi: Sie schlagen sich, und sie vertragen sich. Bei diesem Prozess ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten.
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Bei einem Prozess wegen Körperverletzung und Bedrohung hätte man fast annehmen können, der Fall wird eingestellt und zu den Akten gelegt. Doch das wäre nicht im Sinne von Justitia gewesen. Symbolfoto: David Ebener/dpa
Bei einem Prozess wegen Körperverletzung und Bedrohung hätte man fast annehmen können, der Fall wird eingestellt und zu den Akten gelegt. Doch das wäre nicht im Sinne von Justitia gewesen. Symbolfoto: David Ebener/dpa
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"Ruhe, wir reden nicht durcheinander!" Sieglinde Tettmann muss am Donnerstag schon mal energisch werden und auf die Einhaltung der Strafprozessordnung hinweisen. Das gelingt der erfahrenen Amtsrichterin, und sie bringt in aller Ruhe ein Verfahren wegen Körperverletzung und Bedrohung zu Ende.

Wobei es in der Verhandlung gar nicht einfach ist, den Überblick zu behalten. Der Prozess bietet Stoff für eine Seifenoper: einen Angeklagten, der durch Sturz vom Baugerüst fast zu Tode gekommen wäre und nach einer schweren Operation ("Kopf aufgesägt") vorübergehend keinen Durchblick mehr hat; einen Zeugen, der mit Hand- und Fußfesseln aus der JVA Bayreuth vorgeführt wird; einen heftigen Familienstreit, Drogenvorwürfe und eine emotionale Szene auf dem Gerichtsgang.


Die gute Laune kippt

Da der 30-jährige Angeklagte alles zugibt, ist der Tatvorwurf nicht weiter strittig. Der in Rede stehende Zwischenfall datiert vom 5. April: An jenem Tag ist der Mann zunächst guter Dinge. Dem Busfahrer, der ihn chauffiert, erzählt er, dass er seinen Sohn besuche, um dessen dritten Geburtstag zu feiern. Die gute Laune muss dann aber schnell gekippt sein, als der 30-Jährige auf seine getrennt lebende Frau und deren neuen Freund trifft. Sein Sohn "bei diesen Drogentypen" ...

Den Verlauf der Familienfeier schildert besagter Busfahrer dem Gericht. Er sei ausgestiegen, um zu schlichten. Es sei eine einzige Schreierei gewesen, eine Stunde lang, sagt der Mann, der Verständnis für den Angeklagten zeigt. "Ich weiß nicht, ob ich nicht auch so gehandelt hätte", meint er. Die Mutter habe gekreischt, dass er seinen Sohn nicht sehen dürfe (was nachweislich nicht gestimmt hat). Der Dreijährige habe geweint. Und der 30-Jährige, der mit dem Kind spielen wollte, sei von seinem Nachfolger provoziert worden. Da habe der Angeklagte mit einem Messer gedroht, das er gar nicht einstecken hat, und einmal zugelangt - mit der Faust ins Gesicht.

Besonders fest kann es nicht gewesen sein. Denn der Geschädigte, ein schmächtiger Bursche, erklärt: "Ich hab's überlebt." Er sei ein alter Kumpel des Angeklagten, sagt der Zeuge, und hätte ihn nie angezeigt, wenn nicht schon öfter was vorgefallen wäre. Zum Beispiel habe er auch mal eine Flasche über den Kopf bekommen. Im April habe er sich, unter Bewährung stehend, zurückgehalten und den benachbarten Pfarrer gebeten, die Polizei zu rufen.


Handschlag mit Handfesseln

Während der Zeuge redet, holt der Angeklagte mehrfach aus, um selbst etwas zu sagen. Von der Richterin ermahnt, bekommt er das Wort und bittet um Verzeihung: "Es tut mir wirklich leid. Ich war damals nicht ich selber." Der Zeuge nimmt die Entschuldigung an. So gut es mit gefesselten Händen eben geht, schlägt er ein und wünscht dem damaligen Kontrahenten "alles Gute" und "reiß Dich zusammen".

Man hätte fast annehmen können, der Fall wird eingestellt und zu den Akten gelegt. Doch das funktioniert nicht. Die Richterin verhängt einen Schuldspruch wegen Körperverletzung und Bedrohung: "Der Angeklagte ist körperlich und emotional beeinträchtigt gewesen, aber nicht schuldunfähig." Mit 90 Tagessätzen mal 30 Euro gibt's eine Geldstrafe "im unteren Bereich".


Richterin drückt beide Augen zu

Vor dem Urteil drückt Sieglinde Tettmann beide Augen zu. "Der Kleine ist draußen", sagt die baldige Ex-Fraun des Angeklagten, die sich ansonsten auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht beruft. Und die Richterin erlaubt ein kurzes Wiedersehen von Vater und Sohn. "Wenn's schnell geht. Aber bitte keine Schlägerei auf dem Gang!"

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