Kulmbach
Interview

80er-Serie: Als die Zukunft eine strahlende war

"Atomkraft? Nein danke": Unter diesem Banner hat auch Jürgen Öhrlein Kundgebungen organisiert .
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Jürgen Öhrlein im Jahr 2011 bei einer Demonstration in Kulmbach gegen das "strahlende Erbe" der Kernenergieprivat
Jürgen Öhrlein im Jahr 2011 bei einer Demonstration in Kulmbach gegen das "strahlende Erbe" der Kernenergieprivat

Wackersdorf - ein Wort wie Donnerhall in den Ohren jener, die sich in den 1980er Jahren auflehnten gegen den Staat und die Atomkraft. Die Wiederaufbereitungsanlage (WAA) inmitten eines Kiefernwaldes nahe dem oberpfälzischen Schwandorf war für die Gegner Sinnbild einer verfehlten Energiepolitik, zu Tausenden gingen die Menschen auf die Straßen. Dazu zählte auch Jürgen Öhrlein, seit langem engagierter Verfechter einer AKW-freien Republik. Im Interview erinnert sich der Architekt und Baugutachter an die Jahre im Widerstand. Herr Öhrlein, die Anti-Atomkraft-Sonne strahlt seit den 1970er Jahren über der Bewegung gegen die Kernkraft. Was hat bei Ihnen dazu geführt, sich gegen die "saubere Form" der Energiegewinnung zu stellen?

Jürgen Öhrlein: Die Gefährlichkeit der Atomenergie war für mich aufgrund meiner technischen Ausrichtung frühzeitig erkennbar. Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl wurde die Bevölkerung massiv belogen, die Gefahr für die Menschen wurde bagatellisiert und es zeigte sich deutlich, dass es seitens der Politik keine Vorsorge gibt. Dieses Vorgehen konnte man nicht ignorieren. Ein Besuch in Wackersdorf und die dortigen Gespräche mit den Einheimischen über die Gewalt der Staatsmacht waren für mich weitere Schlüsselerlebnisse. Das brutale Vorgehen der Polizei in Wackersdorf war mit meinen demokratischen Werten nicht zu vereinbaren. Der Glaube an den Segen der Atomenergie, der uns von den Stromerzeugern versprochen wurde, war für mich nach Wackersdorf endgültig zerstört.

Sie haben auch vor Ort in Kulmbach Demonstrationen organisiert. Wie war die Beteiligung, wie groß der Widerspruch oder gar die persönliche Anfeindung?

In Kulmbach wurden die Demos gegen die Atomkraft sehr gut angenommen und unterstützt: Teilweise haben bis zu 600 Bürger ihre Wut und Ängste über die ständige Bedrohung eines GAU, des Größten Anzunehmenden Unfalls, gezeigt. Die Demonstrationen waren eindrucksvoll und immer parteineutral. Zusammen mit einer kleinen Gruppe von Unterstützern haben wir viele Stunden in meiner Garage verbracht und Plakate für diese Demos gemalt; sogar ein Demo-Wagen wurde gemeinsam gezimmert. Ich erlebte nie Widerspruch gegen diese Aktionen und keine persönlichen Anfeindungen.

Blieb dieser Protest auf Kulmbach/die Region beschränkt oder reichte er weiter (Beteiligung in Wackersdorf, etc?)

Wir haben uns mit einer starken Gruppe in Schweinfurt an einer Großdemo gegen das AKW Grafenrheinfeld beteiligt; auch in Berlin waren wir bei einer Großkundgebung im Regierungsviertel gewaltig vertreten. Solche Aktionen mit Zehntausenden gleichgesinnter Menschen waren eindrucksvoll; unser Banner war stets ein Highlight. Wir waren beim Atomausstieg immer "Überzeugungstäter" und haben dies auch bei jeder Gelegenheit gezeigt.

In nicht wenigen Ländern genießt die Kernenergie nach wie vor einen guten Ruf (Frankreich) oder erlebt eine Renaissance (Japan). Sie wird auch hierzulande in Zeiten von CO2-Reduktionen angesichts des Klimawandels als das "geringere Übel" angesehen. Stimmen Sie dem zu?

Die Kernenergie ist weiterhin hoch gefährlich und nicht zu beherrschen, es gibt genügend Alternativen der Energiegewinnung. Ähnlich wie bei unserer Autobranche und deutschen Politikern herrschen in den genannten Ländern enge Verbindungen zwischen den Lobbyisten und der Regierung; nur deshalb geht man dort das unkalkulierbare Risiko der Nutzung von Kernenergie noch ein. Die Betreiber der deutschen Atomkraftwerke wälzen die Kosten der Entsorgung auf die Bürger ab und verbuchen gleichzeitig Milliardengewinne - dieses System wird weltweit kopiert.

Schließen Sie aus, dass die Atomkraft in Deutschland womöglich doch durch die Hintertür eine Verlängerung erfährt? Würden Sie dann noch einmal auf die Straße gehen, wenn es so kommt?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Politiker die weitere Nutzung der Atomkraft ins Auge fassen. Es ist jedem Fachmann bekannt, dass heute die stärkere Nutzung von Atomenergie die Stromkosten extrem verteuern würde, während die regenerativen Energien viel billiger und außerdem risikoarm sind Das Entfernen eines Windrads dauert wenige Tage, eine Atomruine abzubauen dauert Jahrzehnte und die Entsorgung von Atommüll ist eine bisher ungelöste Generationenaufgabe. Sollte der undenkbare Fall, dass die Energielobby noch einmal auf das falsche Pferd setzt, doch eintreten, wäre mein Widerstand noch viel stärker als zu Beginn meiner Aktivitäten.

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