Kulmbach
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80 Jahre altes Kulmbacher Poesiealbum: Zeitreise in Versen und Bildern

Mehr als 80 Jahre alt ist Marianne Müllers Poesiealbum. Es steckt voller liebevoller Erinnerungen, die noch heute das Herz der Besitzerin berühren.
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Marianne Müller blättert gerne in ihrem alten Poesiealbum.
Marianne Müller blättert gerne in ihrem alten Poesiealbum.
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Es wurde acht Jahrzehnte lang gehütet wie eine Kostbarkeit - ein kleines Büchlein, die Blätter an den Rändern ein wenig vergilbt, aber ansonsten makellos. Sein Wert: rein ideell und doch hoch. Es ist Marianne Müllers Poesiealbum aus den 1930er Jahren, ein Schatzkästchen der Erinnerungen an liebe Menschen. Familie, Schulfreunde, Lehrer, Nachbarn: Wer der jungen Marianne nahestand, durfte sich mit ein paar Zeilen, Zeichnungen und nostalgisch anmutenden Klebebildchen darin verewigen.

Liebevoll und individuell

Marianne Müller, geborene Hereth, ist eine waschechte Kulmbacherin aus der Pörbitsch. Noch bis vor einem Jahr hat die heute 92-Jährige in ihrem Elternhaus gelebt, nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2001 allein. Heute ist sie im Heiner-Stenglein-Senioren- und Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt Am Rasen zu Hause.

Und noch immer besitzt sie das Freundschaftsbuch aus ihren Kindertagen. Wenn sie darin blättert, ist das für sie wie eine Zeitreise in die Vergangenheit.

Poesiealben sind heute wieder in Mode, doch Marianne Müllers Exemplar ist etwas Besonderes. 08/15-Verse, Witze oder abgedroschene Floskeln liest man hier nicht, sondern liebevoll ausgewählte Sinnsprüche sowie sorgsam formulierte individuelle Zeilen, ergänzt von Tuschezeichnungen.

Anrührend wirkt heute, was damals mit Herz und Verstand getextet wurde. Der erste Eintrag vom 13. Januar 1935 stammt von der Mama: "Ein Kinderaug', ein Maientag, das sind zwei Himmelsgaben, an denen unser Herz sich mag in Ewigkeit erlaben."

Gottvertrauen möchte der Vater seiner kleinen Marianne mit auf den Lebensweg geben: "Zu allen Zeiten möge Gott dich leiten, an jedem Orte mit seinem Worte, auf jedem Pfade mit seiner Gnade, auf allen Wegen mit seinem Segen."

Sie habe eine schöne Kindheit gehabt und ein gutes Leben, sagt die 92-Jährige und blickt dankbar zurück. Ihr Vater sei ein ruhiger, geduldiger Mensch gewesen. Nur einmal sei ihm "die Hand ausgerutscht", erzählt sie mit einem Schmunzeln: "Es war Jahrmarkt, und ich habe dort mit einer Freundin herumgestöbert. Meine Begleiterin hat dann jemanden getroffen und ist heimgegangen. Ich nicht. Ich hab mir schön Zeit gelassen, bin noch herumgegondelt und erst spät nach Hause gekommen. Das gab Ärger!" Die Eltern hätten sich große Sorgen gemacht. "Eigentlich war ich meistens ein folgsames Kind."

Wenn Marianne Müller in ihrem Poesiealbum blättert, fühlt sie sich den Menschen, die ihr dort gute Wünsche hinterlassen haben, wieder nah. Die meisten sind längst gestorben, auch viele ihrer Klassenkameraden und Freunde: Gerne denkt sie an ihre beste Freundin Lieselotte Knarr und ihre Banknachbarin im Klassenzimmer, Gerda Ständner.

Dass sie das Büchlein überhaupt noch hat, empfindet die alte Dame als großes Glück: "Ich hatte keine Geschwister und bin nie umgezogen. Wäre das Album oft von Hand zu Hand gegangen, es wäre sicher irgendwann verloren worden."

Nur für Mädchen?

Stattdessen blieb es gut verwahrt in einem Schränkchen und ist heute eine Quelle schöner und auch lustiger Erinnerungen: "Ich habe mein Poesiealbum nur den Mädchen gegeben, den Jungs nicht", verrät Marianne Müller mit einem Augenzwinkern. Warum? "Es war nicht so, dass ich sie nicht habe leiden können. Aber die hatten einfach keine schöne Handschrift. So eine Klaue wollte ich nicht in meinem Büchlein haben."

Eine Ausnahme machte Grundschülerin Marianne für ihre Lehrer: Die legten nicht nur Schönschrift an den Tag, sondern auch bemerkenswertes zeichnerisches Talent. So zauberte Lehrer Frohmader eine idyllische kleine Landschaft ins Album. "Den Lehrer Frohmader mochte ich sehr, nicht nur wegen des schönen Bildes."

Und an wen erinnert sie sich noch gerne? "Frau Eber!" sagt die 92-Jährige spontan. Diese wohnte im gleichen Haus wie ihr Großvater und sei für sie immer wie eine Oma gewesen. "Ich war mit ihr einkaufen und habe manchmal eine Leckerei bekommen: Schokolade oder ein Stück Obst. Aber so sehr ich es mir auch gewünscht habe: Ein Eis hat sie mir nie gekauft. Sie dachte wohl, dass ich von dem kalten Zeug krank werde."

Im Poesiealbum verewigte sich die Ersatz-Oma mit folgendem, sorgfältig in alter deutscher Langschrift geschriebenen Vers: "Sei glücklich, immer liebe mich. Dir bleibt mein Herz ergeben. Der Herr des Himmels segne dich mit Heil und langem Leben."

Ein guter Rat, an dem Marianne Müller sich zeitlebens orientiert hat, kam von ihrer "echten" Großmutter: "Und glücklich zu sein, wie soll ich es machen? Du wirst nur glücklich durch Glücklichmachen!" Ein gutes Lebensmotto findet die 92-Jährige: "Man bekommt das, was man gibt!"

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