Kulmbach
Lebensgefühl

70er-Serie: Die wilden Jahre mit Gottschalk & Co. in Kulmbach

Über hitzigen und flachen Sex, begeisternde Politik und das Facebook der siebziger Jahre .
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Fernsehaufnahmen vor historischer Kulisse:  Der junge Thomas Gottschalk interviewt 1977 für den Bayerischen Rundfunk den Kulmbacher Musiker Rainer Kählig; rechts  Gabi  Nagel aus Schmeilsdorf. Foto: Archiv Stephan Tiroch
Fernsehaufnahmen vor historischer Kulisse: Der junge Thomas Gottschalk interviewt 1977 für den Bayerischen Rundfunk den Kulmbacher Musiker Rainer Kählig; rechts Gabi Nagel aus Schmeilsdorf. Foto: Archiv Stephan Tiroch
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"Alle reden von Sex, aber nie war er fröhlicher und frecher", inseriert das Union Theater (UT) im März 1973 zum Start des "Hausfrauen-Report". Die Kulmbacher stürmen das Kino. Dreimal muss die Erotikklamotte verlängert werden. Massen zieht es zur Frau Wirtin, die's jetzt noch toller treibt und zu "Dr. Fummel und seinen Gespielinnen". Auch der "Schulmädchen-Report", Teil 1 bis 13, läuft wochenlang im Burgtheater und in der Camera: Softpornos, getarnt als Sexualaufklärung.


Bloß kein Sexclub

Auch wenn im Film die Hüllen fallen, einen Sexclub will man damals in Kulmbach nicht haben. Als ein Bamberger Geschäftsmann einen Night-Club eröffnen möchte, zeigt ihm die Stadtverwaltung die rote Karte.

Der Kommentator der Bayerischen Rundschau begrüßt, dass Kulmbach sauber bleibt und fährt fort: "Dem Bamberger, der in Kulmbach mit leichten Mädchen reich werden wollte, bleibt die Möglichkeit, in seiner eigenen Heimatstadt Initiativen zu entwickeln. Und die idealste Stadt für Eros-Center ist Bayreuth: Hier gibt es überhaupt keine einschränkenden Bestimmungen." Der Name des heiligen Florian: Reiner Beck.


Heiße Eisen, Petting und Pille

Er ist der Zeitgeist-Redakteur der Rundschau in den Siebzigern und erfindet die "Plauderecke". Fetzig aufgemacht, frische Sprache. Beck interviewt jeweils mehrere junge Leute und stellt ihr Foto dazu. Er packt die heißen Eisen an: Sex vor der Ehe, Petting, Pille, Konflikte mit den Eltern, Aussteiger. Daneben geht's um Musikbands, deutsche Schlager, die ZDF-Hitparade, das Cover-Girl des Jahres in der "Bravo". Die Jugendlichen fühlen sich ernst genommen und quatschen locker drauf los. Die "Plauderecke" ist das Facebook der Siebziger - sie wird unglaublich wichtig genommen.

Hätte man damals schon die Klicks und Likes in der BR zählen können - Beck wäre der Quotenkönig gewesen. Ein Halbsatz einer Pubertierenden kann richtig Ärger auslösen. Eine ehemalige CVG-Schülerin erinnert sich, dass sie wegen der flapsigen Bemerkung, im Biologieunterricht sei Sexualaufklärung am Beispiel von Bienen und Blümchen vermittelt worden, von mehreren Lehrern zur Rede gestellt worden ist.


Das "Old Castle" und sein Star

Beck ist es auch, der bei der Karriere von Thomas Gottschalk Geburtshelferdienste leistet. Er stilisiert das "Old Castle" unterhalb der Plassenburg in der "Plauderecke" zur Kult-Disco hoch, die er 1970 mit Rolf Lauer übernimmt. Mehr noch ihren DJ, der für 20 Mark am Abend jobbt: Thomas Gottschalk.

Thommy ist durch seine Schalk-Qualitäten, seine Ausstrahlung und frühe Popularität der unbestrittene Star der Szene. Ihm im roten Maxi-Lackmantel auf dem Schulweg in der Langgasse zu begegnen - das hatte schon was. Unter den Gymnasiastinnen ging das Gerücht, das modische Teil habe er von der Carnaby Street in London mitgebracht.


Thommys Desaster

In seiner Autobiografie "Herbstblond" (2015) beschreibt Thommy diese Zeit humorvoll: Zum Beispiel sein Sex-Desaster, als er mit strammen 20 bei einer reifen Frau erstmals zu Potte kommt: "Das antike Bett hatte eine hölzerne Rückwand, und genau die war das Problem. Ich war zu lang oder hatte mir den Platz falsch eingeteilt, auf jeden Fall schepperte ich mit meinem Kopf bei jeder ruckartigen Bewegung gegen die Holzplatte."

Pop ist eine Sache, Politik eine andere. Kulmbach in den frühen Siebzigern ist ein Schauplatz heftiger politischer Gefechte. Nie in seiner Geschichte finden sich in kurzer Folge so prominente Politiker ein: Bundespräsident Gustav Heinemann im August 1972, dann Bundeskanzler Willy Brandt, der mehrfach auftritt und für seine Ostpolitik wirbt. Tausende jubeln ihm zu, als er im November 1972 auf dem Marktplatz verkündet: "Die Bundesrepublik muss zu einem Volk der guten Nachbarn im Innern und nach außen werden."


"Roter Spuk" und Stinkbomben

Brandts größter politischer Gegner, CSU-Chef Franz Josef Strauß, hält dagegen. Am 29. Oktober 1970 hält er eine Rede im Vereinshaus. Hunderte von Jugendlichen empfangen ihn mit Pfiffen und Buhrufen. APO-Anhänger werfen Stinkbomben und verteilen Flugblätter: "Strauß - ein ultrarechter, neofaschistischer Demagoge". Vier Jahre später, am 22. Oktober 1974, das gleiche Spiel: Strauß verwandelt das Vereinshaus in einen Hexenkessel, als er gegen den "roten Spuk" und die "Hirnprothesenträger" in Bonn wettert, während draußen Jugendliche lautstark demonstrieren.


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