Kulmbach
Kabarett

600 Kulmbacher erheitern Urbans KaPRIOLen

Zweieinhalb Stunden wider den politischen Ernst und Wahn: Urban Priol schleuderte in Kulmbach mit Pointen um sich wie ein Zeus auf dem Satire-Olymp.
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Urban Priol bei seinem Auftritt in der StadthalleJochen Nützel
Urban Priol bei seinem Auftritt in der StadthalleJochen Nützel
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KT - das steht nicht etwa für "kein Thema" bei Urban Priol. Im Gegenteil: Natürlich greift der Kabarettist bei seinem Auftritt in der Kulmbacher Stadthalle das gefeierte Comeback des gefallenen Engels genüsslich auf. Der "Geölte", wie Priol den nicht mehr so glänzend gekämmten wie auch nach außen dargestellten Karl-Theodor zu Guttenberg nennt, bescherte der Bierstadt immerhin für einen Tag lang republikweite Bekanntheit. Eine Stadt, besoffen vom Glanz des Adels. Die "Bild" schrieb explizit vom "Kulmbach-Comeback" des einstigen Hoffnungsträgers.

Doch wer kann noch träger in der Hoffnung sein, der einen wie den Blender-Baron für Wahlkampfzwecke einsetzt? Urban Priol rauft sich seine bereits freiwillig zu Berge stehenden Haare. In der CSU hatte Horst Seehofer KT als Spin Doctor angekündigt, was übersetzt so viel bedeutet wie Medien- oder Imageberater im politischen Geschäft. "Ein paar Rest-Helle der Partei dachten sich: Vielleicht sollte man gerade bei Karl-Theodor wenigstens den zweiten Teil von Spin Doctor besser weglassen."

Priol kann sich aufregen, er ist unter Dauerstrom. 150 Minuten lang. Die struwwelpeterhafte Frisur steht real wie sinnbildlich dafür. Seit 35 Jahren beobachtet er die Republik, deswegen heißt sein Rück-/Aus-/Weit-Blick auch "gesternheutemorgen". Mit Helmut Kohl hat er 1982 angefangen, Kabarett zu machen (oder Kohl mit ihm, da sind sich die Exegeten noch nicht einig). Und was hat er, der Satiriker, nach 16 Jahren Birne plus 12 Jahren Hosenanzug letztlich bewirkt? "Doch so wenig", sagt er gramgebeugt auf der Bühne und angesichts von rezitierten Texten aus dem eigenen Archiv, die erschreckender Weise in all der Zeit nichts an Aktualität eingebüßt haben. "Ich habe mit dem Dicken angefangen und ende mit seinem Mädchen...". Oder auch nicht. "Die Merkel ist zäh. Die macht bis 2033 weiter - dann kann sie auch noch 100 Jahre Ermächtigungsgesetz mitnehmen. Das täte ihr so passen."

Er erntet dafür ein kollektives "Wohohohoho" aus dem Publikum. Ein Geräusch, tief aus dem Bauch, wo die Volksseele ihren Sitz hat. Ein Klang, als wenn die Moral Brunftzeit habe, umschrieb es mal Kabarettistenkollege Matthias Deutschmann. Die rund 600 Besucher goutieren die Seitenhiebe des Kleinkünstlers auf der Bühne, sie applaudieren über die Wutausbrüche des Mannes, dessen Zornesröte sich so schön mit seinem bunten Hemd beißt.

Priol hat aber auch Grund dazu. Die Welt ist aus den Fugen, Bekloppte im In-und Ausland, wo man hinschaut. Ob es "die neue Achse des Bösen Moskau-Ankara-Washington" ist, das Präsident geworden Tourette-Syndrom namens Trump im Weißen Haus oder der "Diktatorenbeschmuser" Seehofer: Priol erklärt allen den Krieg, die der Vernunft den Kampf angesagt haben.
Wie beim G8 - Hohlmeiers Rache an Bayern. "Wenn ich bloß a G3 hätt, dann ..." droht Priol mit Notwehr und schwenkt im Gleichschritt Marsch um zum G36 und der Bundeswehr mit ihrer obersten Ladehemmung Uschi von der militärischen Leyenspieltruppe.

Von der Armee zur totalen Automobilmachung in Deutschland ist es für den bekennenden Oldtimer-Fahrer Priol nur ein Schraubenschlüsselwurf. Marode Straßen, der Dieselskandal, die Maut: also alles, was sich pathologisch unter "Morbus Dobrindt" subsumieren lasse. "Bei dem denke ich mir immer: Da hamse im Kindesalter die Schaukel etwas zu nahe an die Wand gestellt."

Aber gibt es trotz aller erkannter Idiotie die nötigen Umbrüche? Nein, denn das kostet ja Arbeitsplätze. Ein Totschlagargument, das der Künstler ebenso nicht mehr hören kann wie er nicht mehr die Gesichter sehen kann all jener Kriegsgewinnler und politischen Krümelabstauber in der Berliner Bannmeile, von den Wissmanns über die Pofallas bis hin zu den den Atomlobbyisten, die im Abklingbecken mit Schampus auf den von der Kanzlerin vergoldeten Ausstieg anstoßen.
Wenn angesichts maroder Meiler an der Grenze zu Belgien den Landesvätern und Müttern nichts weiter einfalle, als Jodtabletten auszugeben ("Übrigens, kein Scherz, nur an Menschen bis 45, für die Leute darüber gilt beim GAU dann halt die natürliche Auslese"), fühlt sich der Aschaffenburger erinnert an die unselige Trill-Werbung aus den Achtzigern. Bei den berüchtigten Jod-S11-Körnchen sträuben sich Priol die Haare wie dem Wellensittich einst die Nackenfedern.

Nun machten sich neue schräge Vögel auf, an den Futterschalen der Macht Platz zu beanspruchen. Die künftige Hackordnung im Bundestag mit dem erwarteten Einzug der AfD lässt Priol den Kopf schütteln. Wenn er sich Exemplare wie diese Beatrix von Storch besehe, so bezweifelt er, dass die vom tierischen Vertreter ihres Nachnamens gebracht wurde. "Diese Adelsschnepfe ist aus einem gesunden Inzest heraus entstanden - und so jemand will uns ernstlich weismachen, er sei gegen das Establishment?"

Er, der Satiriker, habe in 35 Jahren standhaft dagegen gewettert. Und seine Bilanz? "Ein Don Corleone wollte ich sein und ein Don Quijote bin ich geworden." Scheitern als Chance. Selten wurde es humoriger und sarkastischer präsentiert als beim zweieinhalbstündigen Parforceritt des 56-Jährigen durch dreieinhalb Jahrzehnte bunte Republik Deutschland mit all ihren Farbverirrungen. Priol kann sich aber zumindest sicher sein: Die Zielscheiben für seinen Spott werden ihm auch in den nächsten 35 Jahren nicht ausgehen.

Zitate des Abends:


"Früher hatten wir nur einen Tag für alternative Fakten, das war der 1. April."

"Studenten haben heute schon Burnout. Das war bei uns der Punkt, wenn es auf der Uniparty nix mehr zu rauchen gab."

"Autonomes Fahren bedeutet zu meiner Jugend: Der Beifahrer hat des Maul gehalten."


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