Kronach
Politik-Serie

Zwei Generationen, eine Partei: In Kronach stehen alle Zeichen auf Grün

Edith Memmel (68) und Elena Pietrafesa (17) von den Grünen trennen über 50 Jahre Altersunterschied. Einen gemeinsamen Nenner finden sie ohne Problem - doch nicht ohne Bedauern.
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Edith Memmel (links) und Elena Pietrafesa während des vom FT initiierten Gesprächs. Foto: Marian Hamacher
Edith Memmel (links) und Elena Pietrafesa während des vom FT initiierten Gesprächs. Foto: Marian Hamacher
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Richtige Argumente statt leerer Hülsen. Eine sachliche Debatte statt fundamentloser Hassrede. Versprechen der Grünen, die offenbar gefruchtet haben. Umfragen zur politischen Stimmung im Land sind deutlich - zuletzt lag die Partei vor der Union und war damit stärkste Kraft (ARD-Deutschlandtrend 6. Juni).

Während die Parteispitze langfristig beweisen muss, dass sie nicht nur von der Schwäche der GroKo profitieren, fordert das Umfragen-Hoch auch die Basis, Dialogbereitschaft und inhaltliche Auseinandersetzung zu zeigen. Edith Memmel (68) und Elena Pietrafesa (17) sind in unterschiedlichen Zeiten, aus unterschiedlichen Gründen in die Partei eingetreten - eine Suche nach Schnittmengen.

Eintritt zum Aufbruch

Es war ein gesellschaftlicher Aufbruch: gegen den Trott der Alten, gegen Atomkraft, für eine nachhaltige, gesunde Lebensweise - Edith Memmel erinnert sich noch genau daran, was sie bewegt hat, der Partei Ende der 70er-Jahre beizutreten. Ohne Zögern würde sie das auch heute wieder tun. "Die grünen Grundsätze sind für mich bei sozialen, ökologischen und demokratischen Themen die richtigen", sagt die 68-Jährige. Die Partei sei schon immer ein Sammelbecken von Menschen mit unterschiedlichsten Erfahrungen gewesen. Und für sie die einzige Möglichkeit, frei von Fraktionszwang Freigeist zu bleiben, ohne hinter einer Parteifarbe zu verschwinden.

Früher wie heute sind die Grünen natürlich die Partei hinter der Klimaschutzbewegung. Doch 2019 stehen sie gleichzeitig für einen Umbruch in der Parteienlandschaft und eine gesellschaftliche Umwälzung. Jüngste Erfolge der Partei werden als Auflehnen der Jungen interpretiert, die nicht nur für Klimapolitik auf die Straße gehen. Gegen Populismus, gegen den Stillstand in der Regierung und für authentische Politik mit glaubhaften Lösungsansätzen - dafür steht auch Elena Pietrafesa auf. Die 17-Jährige engagiert sich erst seit rund neun Monaten in der Grünen Jugend.

Sie hat die erste "Fridays for Future"-Demonstration in Kronach mitorganisiert. "Die Themen der Grünen sind auch meine Themen, das entspricht mir am meisten", sagt sie. Wenn sie über die Gründe für ihr politisches Engagement bei den Grünen spricht, fällt auf: Das Stichwort Klimaschutz fällt ganz am Ende - nach einer Reihe von Themen, für die sie brennt.

Dazu gehört der klare Kampf gegen Rechts. "Hier werden Leute diskriminiert, nur weil sie nicht dem deutschen Leitbild entsprechen", klagt die Schülerin auch die Menschen in der Kreisstadt an. Dabei ist ihr vor allem eine Partei ein Dorn im Auge: die AfD. Eine Gemeinsamkeit mit Memmel, wie sich schnell herausstellt. Die grüne Kreisrätin, die auch 2018 bei einer Demonstration in Weißenbrunn vor der Gründung eines AfD-Kreisverbandes warnte, schiebt allerdings voraus: "Grundsätzlich sind wir immer bereit, mit allen demokratischen Parteien zu reden." Doch hier sei schlichtweg keine Verständigung möglich. Bei aller Toleranz, die das Leitbild ihrer Partei prägt, sagt sie: "Von Diskriminierungen aller Art, die dazu entgegen dem Grundgesetz stehen, distanzieren wir uns."

Pietrafesa ist entsetzt, dass die Grünen aufgrund der angeblichen Radikalität und fehlenden Kompromissbereitschaft mit der AfD verglichen werden. Was der AfD das Thema Migration, sei den Grünen der Klimaschutz - so zumindest Kritiker.

"Wir rufen dazu auf, den Klimawandel ernst zu nehmen - und versuchen nicht damit Angst in der Bevölkerung zu schüren", wehrt sich Pietrafesa gegen den Vergleich mit einer Partei, deren ganzes Benehmen nicht regierungswürdig sei. Die einzige Konsequenz für die Realschülerin: die AfD dauerhaft vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Memmel sieht auch insbesondere für Frauen in der Politik einen absoluten Rückschritt im Erstarken der AfD. Denn während ein Gauland nur wenig Platz für Gleichberechtigung lasse, ist das ein Thema, das beide Frauen bewegt.

"Gleichberechtigung spielt bei den Grünen eine große Rolle - für mich auch", sagt Pietrafesa. Für Memmel war das schon damals ein zentrales Thema. Als 1982 die erste Tochter zur Welt kommt, betreute ihr Mann das Kind, während Memmel sich weiter um ihre Werkstatt kümmerte. "Der musste sich damals was anhören lassen - und ich natürlich auch." Zwischen egoistischer Rabenmutter und naiver Hausfrau sei das Rollenbild der Frau sehr eng gefasst gewesen im konservativen Umfeld.

Ihr 17-jähriges Gegenüber sieht Parallelen "Ich bin erschrocken, wie konservativ meine Generation teilweise ist", sagt sie.

Auch heute werden Männer immer noch als das starke Geschlecht wahrgenommen. Frauen müssten sich für ihr Selbstbewusstsein, ihre Selbstständigkeit rechtfertigen. Wie schon vor 35 Jahren. Eine Tatsache, die Memmel erschrickt, nicht aber doch nicht überrascht. Denn auch in anderen Bereichen führen die beiden die gleichen Kämpfe. Ein Vorwurf, den sie sich früher wie heute anhören müssen: Weltfremd und naiv seien die Forderungen der Grünen. Memmel und ihrer Partei wurde im Zuge der Friedensbewegung Weltfremdheit attestiert, Pietrafesa wird bei der Dieseldebatte als naiv und ahnungslos hingestellt.

Auf "grüne Themen" reduziert

"Fragen, ob ich dann mit dem Esel anreisen will, kommen immer wieder", sagt sie. Viele trauen der 17-Jährigen nicht zu, sich mit dem Thema fachlich auseinanderzusetzen. Stattdessen werde ihr gefährliches Halbwissen entgegengeworfen - das ärgert sie. "Die Grünen werden außerdem oft auf wenige Themen reduziert, zum Beispiel Diesel und CO2-Bepreisung." Dabei will sie auch für Sozialpolitik wahrgenommen werden.

Das momentane Hoch böte Gelegenheit dafür, doch das sei mit Vorsicht zu genießen, so Memmel. "Man nutzt sich ab in der Politik. In den letzten Jahren wurden zu viele Kompromisse eingegangenen." In ihren Augen müssen die Grünen die Situation nutzen, um mutiger zu agieren, zu konfrontieren und härter aufzutreten. Dabei helfen die Stärken der Partei: Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit. "Wir stehen zu dem, was wir sagen." Das Hoch sei ein hart erkämpfter Effekt, kein Mitschwimmen auf aktuellen Themen.

Ob man den Erfolg auf die Kommunalwahlen übertragen kann, sieht sie skeptisch. Die "Hochburgen" der Grünen seien Studentenstädte. Kronach stehe vor dem großen Problem, junge Menschen zu halten. Dafür will sie sich den Kampf gegen Privatisierung - von Gesundheit, Versorgung, Wohnraum - auf die Agenda schreiben. "Wir müssen als Grüne massiv gegen die Privatisierungswelle vorgehen."

Ihr Ziel für die Kommunalwahl ist, in weiteren Gemeinden sichtbar sowie in Stadtrat und Kreistag stärker zu werden. Dabei spielt sie den Ball an die Jugend. "Wir sind zu alt", sagt sie deutlich. Die nächste Generation müsse nun den Finger in die Wunde legen. Ob das in Kronach möglich ist, sieht selbst Pietrafesa kritisch. Der Kreis derjenigen, die sich engagieren, sei doch eher klein. "Es fehlen die Macher." Gerade in Bezug auf Langzeitprojekte wolle sich niemand binden, die Verantwortung tragen. Grundsätzlich sei sie bereit dazu, denn sie wolle, dass sich etwas bewegt. Der Stillstand in der Bundesregierung frustriert sie. "Es wird nicht regiert, nichts geht voran." Nun sind die Grünen am Zug.

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