Stockheim
Geschichte

Zugunglück Stockheim: Am Ostersonntag 1898 krachte es gewaltig

Am 10. April 1898 erschütterte ein schweres Zugunglück Stockheim: Im Bahnhof war ein Güterzug mit einem Personenzug zusammengestoßen. Die Lokomotivführer wurden schwer verletzt, der Schaden betrug 400.000 Mark.
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Arg demoliert wurden die 48 Güterwaggons. Im Hintergrund sieht man die Steinkohlengrube Maxschacht (1855-1911). Repros: Gerd Fleischmann
Arg demoliert wurden die 48 Güterwaggons. Im Hintergrund sieht man die Steinkohlengrube Maxschacht (1855-1911). Repros: Gerd Fleischmann
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Wir schreiben Ostersonntag, 10. April 1898. In der damals 1000 Einwohner zählenden Industriegemeinde Stockheim war nach einer arbeitsreichen Woche Ruhe eingekehrt. Lediglich in der Champagnerflaschenfabrik Sigwart & Möhrle, die seit 1886 gegenüber dem Bahnhof mit zwei Produktionsstätten für Arbeit und Brot sorgte, arbeitete die Nachtschicht an den Wannenöfen. In der 500 Meter von der Station Stockheim entfernten Steinkohlengrube "Maxschacht" hielt lediglich eine Notbesatzung die Arbeit in 250 Meter Tiefe aufrecht.

Doch plötzlich - gegen 0.30 Uhr - wurde die Stille durch ein jähes, ohrenbetäubendes Krachen unterbrochen. Der Grund des nächtlichen Infernos: Der von Probstzella kommende, mit zwei Lokomotiven bespannte Güterzug 1838, war in der Kreuzungsstation Stockheim infolge Überfahrens des Haltesignals mit dem gleichzeitig einfahrenden, aus Kronach kommenden Lokalzug 369 zusammengestoßen.
Den Lokomotivführern des Güterzuges - so schrieb die Tageszeitung "Fränkischer Wald" am 12. April 1898, soll es nicht möglich gewesen sein, den Zug zum Stehen zu bringen, weil der kurz vorher niedergegangene Regen die Schienen geglättet hatte und die 48 Waggons nur von sechs Bremsern bedient worden waren.

Innerhalb weniger Sekunden glich die eingleisige Hauptstrecke nach diesem gewaltigen Crash einem Schlachtfeld. Die Vordermaschine des Güterzugs und die Lokomotive des Lokalzugs waren tief ineinander verkeilt, die Puffer abgebrochen, die Rauchkammern eingedrückt, Zylinder abgerissen und die Kuppelstangen zerbrochen. Die Lokomotiven des Güterzugs waren durch die Gewalt des Stoßes derart zusammengeschoben, dass sie nur mittels zweier Maschinen auseinandergerissen werden konnten. Vom Sekundärzug wurde der Dienstwagen aus dem Gleis geschleudert und zwei Personenwagen vollständig demoliert. Der im Güterzug befindliche Dienstwagen schob sich auf den Unterbau eines ihm folgenden leeren Personenwagens 3. Klasse, dessen Oberbau total zersplittert wurde. Vom Güterzug wurden insgesamt neun Waggons, von denen mehrere beladen waren, zertrümmert.

Lokomotivführer stark verletzt

Trotz des gewaltigen Aufpralls hielt sich der Personenschaden in Grenzen. Lediglich die Lokomotivführer Krebs von Bamberg sowie Philipp Müller von Rothenkirchen zogen sich schwere Verletzungen zu. Mit leichteren Verwundungen kam dagegen das siebenköpfige Zugpersonal davon. Allerdings hatten die Eisenbahner Glück im Unglück, denn in der Station Kronach war der letzte Reisende ausgestiegen. Der Materialschaden bezifferte sich auf beträchtliche 400.000 Mark. Wenn man bedenkt, dass ein Arbeiter 1898 lediglich drei Mark am Tag verdiente. So kann man nach heutigen Berechnungen durchaus von einer Schadenssumme von etwa sechs bis sieben Millionen Euro ausgehen.

In den folgenden Tagen erlebte Stockheim einen regelrechten Katastrophentourismus. Auch ohne Telefon, Radio oder Fernseher hatte sich die Hiobsbotschaft im Frankenwald in Windeseile herumgesprochen. Zum Kreis der Schaulustigen zählten die örtlichen Glasfabrikanten Karl, Heinrich und Franz Sigwart. Aber auch Bürgermeister Johann Weißerth zeigte sich sichtlich betroffen. Die naheliegenden Gastwirtschaften "Zur Eisenbahn" und "Zur Post" erlebten einen regelrechten Run. So konnten die beiden Gastronomen im "Unteren Dorf" von Stockheim, Johann Lang und Christian Specht, mit dem ungewöhnlich starken Besucherandrang zufrieden sein, denn die hitzigen Diskussionen erzeugten Durst. Und das war gut fürs Geschäft. Schlechte Karten dagegen hatte Oberexpeditor Ludwig Scholl, verantwortlich für den Stockheimer Bahnhof. Denn schließlich blockierte das Trümmerfeld, insbesondere im südlichen Bereich neben dem Stellenwärterhaus (1905 abgerissen), ganz erheblich den Bahnbetrieb.

Güterzug-Mannschaft wurde vom Dienst suspendiert

Bereits am Mittwoch, 13. April 1898, berichtete das "Kronacher Tagblatt" (Fränkische Presse), dass die Bediensteten des Güterzugs vom Dienst suspendiert wurden. Für die bayerische Staatsbahnverwaltung sei der Vorfall kurz nach Einführung der neuen Fahrdienstvorschriften sehr peinlich. Hoffentlich komme man durch diesen Unfall zu der Einsicht, dass auf der Strecke Hochstadt - Rothenkirchen der eingleisige Betrieb nicht mehr von Dauer sein kann.
In einem weiteren Artikel in der gleichen Ausgabe schreibt das "Kronacher Tagblatt": "Wie der amtlich vernommene schwerverletzte Lokomotivführer Krebs, welcher am 1. Feiertag nach Bamberg geschafft und in seine Wohnung verbracht wurde, aussagte, war das für seinen Zug bestimmte Einfahrtszeichen "Grün" in der Station offen und mit den Worten "Der Güterzug ist jetzt noch nicht da" auch anstandslos in dieselbe eingefahren. Als er die schmale Kurve umfuhr, bemerkte er zu seinem großen Schrecken auch die mit vollem Dampf näher kommende Lokomotive des Güterzugs 1838. Mit dem Ausruf: "Jetzt ist es gefehlt, der Tod ist da", gab er sofort das Notsignal und legte den Contredampfhebel (Bremsvorrichtung für Sandstreuung auf Schiene) zurück, zog die Luftbremse und brachte seinen Zug fast zum Stehen, doch zu spät. Der mit normaler Fahrgeschwindigkeit heranfahrende Zugführer des Güterzuges vermochte das Unglück nicht mehr abzuwenden. Ein heftiger Aufprall erfolgte. Markerschütternde Hilferufe und ein fort und fort dauerndes donnerähnliches Gekrache erfüllen das Dunkel der Nacht. Die eisernen Kolosse waren aufeinander geraten. Wagen auf Wagen des Güterzugs wurden durch die Wucht des Aufpralls zersplittert.

Ich wurde, erzählte Lokomotivführer Krebs weiter, mit aller Gewalt gegen den am Kessel angebrachten Wasserstandszeiger und von da wieder zurück gegen den Tender geschleudert, wodurch ich zwei Verletzungen, eine am linken Oberschenkel, davontrug. Auch ein angeschraubtes Brett vom Werkzeugkasten im Tender flog mir gegen den Kopf, worauf ich zusammenstürzte und von den nachfallenden Kohlenvorräten förmlich verschüttet wurde. Der mit Krebs auf der Lokomotive befindliche Heizer Meixner wurde durch das eine der beiden Ausguckfenster geworfen und am Kopf verletzt."

"Ein sonderbarer Eisenbahnzug" fuhr in Kulmbach ein

Am 23. April 1898 meldete der "Fränkische Wald", dass das am Stockheimer Unfall beteiligte Personal wieder seinen Dienst antreten könne. Der Lokführer Seidl, der auf der so stark zugerichteten Maschine des Güterzugs stand und nicht unbedeutende Verletzungen erlitten hatte, ist außer Gefahr. Auch Zugführer Biller wird in den nächsten Tagen wieder dienstfähig.

Eine weitere Nachricht im "Fränkischen Wald" vom 3. Mai 1898 enthält einen interessanten Hinweis zum Vorfall Stockheim: "Aus Kulmbach schreibt man: ein sonderbarer Eisenbahnzug passierte am Freitag unsere Station. Die drei defekten Lokomotiven vom Stockheimer Eisenbahnunglück wurden von einer vierten Maschine nach Weiden geschleppt. In der Zentralwerkstätte daselbst sollen sie wieder brauchbar hergestellt werden."

Infolge des Eisenbahnunglücks in Stockheim gab es dann doch noch einen tragischen Todesfall. Am Samstag, 6. August, verschied in der Klinik zu Erlangen der 38 Jahre alte königliche Bahnmeister Philipp Müller aus Rothenkirchen infolge der am 10. April erlittenen Verletzungen. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ergaben, dass sich bezüglich personellem Fehlverhaltens keine Anhaltspunkte ergeben haben. Der Einstellungsbeschluss stützte sich auf das Gutachten des Oberbahnamtes Bamberg. "Bahnmeister Müller ist an den Folgen der Zersprengung des Bauchfells gestorben und dieses Gebrechen hat er sich bei Stockheim zugezogen", heißt es abschließend.

Allerdings vergingen noch Jahre, bis das dringend erforderliche Doppelgleis verlegt wurde. Am 1. Mai 1905 war es soweit! Endlich erfolgte die Inbetriebnahme Hochstadt - Probstzella. Bereits am 25. März 1904 wurde die Doppelgleisigkeit Kronach-Stockheim hergestellt. Ein Jahr zuvor, am 24. März 1903, kam es auf dem Stockheimer Bahnübergang zu einem tragischen Unfall. Beim Überqueren wurde der 49 Jahre alte etwas schwerhörige Platzmeister der Stockheimer Glasfabrik, Christian Vogel", durch den Personenzug 365 erfasst und dabei tödlich verletzt. Fränkischer Wald: "Es wäre zu wünschen, dass an der Unglücksstelle, die täglich von 600 bis 800 Arbeitern der Glasfabrik und den Hüttenwerken passiert wird, durch Unter- oder Überführung endlich eine Änderung geschaffen würde." Zwei Jahre später wurde hinter den Glashüttenhäusern eine Bahnunterführung gebaut und damit der Arbeitsweg entschärft. Mit der Eröffnung der Nebenstrecke Stockheim-Sonneberg am 31. Mai 1901 waren diese Ausbaumaßnahmen längst überfällig. Schließlich erlebte die Bahn - vor allem die Station Stockheim mit 20 Beschäftigten - in den folgenden Jahren ihre beste Zeit.

Zeitung ist gleich Zeitgeschichte

Schon längst war das dramatische Unglück von 1898 in Vergessenheit geraten. Nur durch einen Foto-Zufallsfund von Eisenbahnfan Heiko Müller aus Mengersgereuth-Hämmern erinnerte man sich plötzlich an einen folgenschweren Bahnunfall, jedoch zunächst ohne zeitliche Eingrenzung. Keine Erkenntnisse konnten das Staatsarchiv Bamberg, das Bayerische Hauptstaatsarchiv München und das Nürnberger Verkehrsmuseum liefern. Es liegen keine entsprechenden Unterlagen vor, so die Behörden. Dass trotzdem der Eisenbahn-Crash rekonstruiert werden konnte, ist den seinerzeitigen Zeitungen "Fränkischer Wald" und "Kronacher Tagblatt" zu verdanken, die immer wieder fleißig berichteten und stets über die neuesten Fakten informierten. In konstruktiver Zusammenarbeit mit Heimatforscher Georg Heinlein (Haßlach/Kr.) und Anja Weigelt M. A. vom Stadtarchiv Kronach war dann doch noch eine lückenlose Rekonstruktion ermöglicht worden. So erwiesen sich die Zeitungen für die Heimatkundler wieder einmal mehr als zuverlässige Quellen.


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