Nordhalben
Kinosommer

Zeitzeuge berichtet in Nordhalben von Ballonflucht

Mit Günter Wetzel fand sich am Dienstag ein besonderer Gast in Nordhalben ein. Vor dem Film "Der Ballon" gewährte er den 600 Zuschauern einen Einblick in die spektakuläre Flucht aus dem Jahr 1979.
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600 Menschen wollen in Nordhalben den Film "Ballon" sehen. Foto: Maria Löffler
600 Menschen wollen in Nordhalben den Film "Ballon" sehen. Foto: Maria Löffler
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Ruhig sitzt ein eher unauffällig wirkender Mann mit Brille und Schnauzer in Nordhalben auf dem Dreschhallenplatz in der Amlichstraße auf einem blauen Plastikstuhl. Er ist umgeben von fast 600 Menschen, vor ihm eine großformatige Leinwand, auf der gerade Bully Herbigs Film "Ballon" läuft. Es ist Kinosommer in Nordhalben. Mit dem Film laufen auch Teile seines Lebens an dem 63-Jährigen vorbei. Der Mann ist Günter Wetzel und er war einer der beiden Familienväter, die in der Nacht zum 16. September 1979 aus der ehemaligen DDR in den Westen Deutschlands geflüchtet sind - mit einem Heißluftballon.

Wetzel, der tatsächlich so wirkt, als könne ihn rein gar nichts mehr erschüttern, sprach in Nordhalben über sein Leben vor, während und nach der Flucht. Von den Nordhalbener Kinosommer-Gästen wurde er am Dienstag häufig der "echte Ballonfahrer" genannt - und viele klopften ihm anerkennend auf die Schulter. "Respekt", meinte ein Mann, der ihm ehrfürchtig die Hand schüttelte. Nur mit Selfie- und Autogrammwünschen ist Günter Wetzel nicht so glücklich, der mit seinem Ruhm ansonsten keine Probleme hat. "Schließlich rede ich schon mein halbes Leben über die Flucht und es ist immer wieder spannend."

Was er denn vom Film halte, wurde er gefragt. "Er ist sehr gut gemacht. Allerdings ist es schade, dass er etwas ,Strelzyk-lastig' ist." Gemeint habe er damit seinen ehemaligen Weggefährten Peter Strelzyk, der 2017 verstorben ist. Die Verbitterung darüber, dass dieser laut Wetzel manche Fakten falsch dargestellt habe, ist dem 63-Jährigen immer noch anzumerken. "Wir hatten schon lange vor seinem Tod keinen Kontakt mehr, da sind ein paar sehr unschöne Dinge gelaufen."

Mit Familie zurückgezogen

Wetzel hatte sich mit seiner Familie aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. "Wir wollten einfach ein normales Leben beginnen in einem Umfeld, das nicht von Angst, Neid und falsch verstandener Linientreue geprägt sein sollte."

Auch von der Hollywood-Version "Mit dem Wind nach Westen" ist er nicht wirklich angetan. "Aber da kann man ja auch keine große Detailtreue erwarten. Es ging darum, zu unterhalten, Spannung zu erzeugen." Nach seiner Meinung habe Bully Herbig auch in diesem Punkt seine Hausaufgaben gemacht: "Es wurde gründlich recherchiert, wir wurden ins Drehbuch einbezogen und er konnte immer mit mir sprechen."

Mit Günter Wetzel waren damals neben der Familie Strelzyk seine Frau Petra und seine beiden Söhne Andreas und Peter (zwei und fünf Jahre) über die Grenze geflüchtet. Dass es wohl die spektakulärste Flucht gewesen sei, die die DDR je erlebt habe, davon will er nichts wissen. "Es gab so viele, die dabei ihr Leben gelassen haben und viele, die alles riskiert haben, es aber trotzdem nicht schafften. Wir hatten verdammtes Glück, den Mut der Verzweiflung und günstigen Wind."

Dass auch Bully Herbigs Version des Ballonfilms sich nicht immer ganz an die Wahrheit hält, dafür hat Günter Wetzel Verständnis. So meint er beispielsweise: "Klar war uns die Stasi auf den Fersen, aber so eng, wie es im Film geschildert wird, wurde es für uns nicht. Allerdings hätte es keinen dritten Versuch mehr geben dürfen." Das sei ebenfalls ein Detail, das im Film einfach weggelassen worden war, nämlich die ersten Versuche, den ersten Ballon überhaupt in die Luft zu kriegen, was letztendlich immer gescheitert war. Sechs Tage Galgenfrist, so schätzte er den Zeitraum bis zur Festnahme ein. Und auch bei einer der Schlussszenen hätte man etwas getrickst. "Die Polizeibeamten sind erst gar nicht aus dem Fahrzeug gestiegen, weil sie dachten, wir wären Terroristen. Als wir gefragt haben, ob wir im Westen sind, meinten sie nur: Wo sonst?" Im Film antwortet hingegen einer der Beamten mit "Nein, in Oberfranken."

Immer eine neue Situation

Ganze zwölfmal hat Wetzel "Ballon" jetzt schon gesehen - und 24-mal in Teilen. Langweilig werde ihm das nicht, meinte er. "Es ist ja immer auch eine andere Situation, ein anderer Ort, andere Menschen." Dass er überhaupt nach Nordhalben gekommen war, ist unter anderem Kevin Wunder und seinem Orga-Team des Kinosommers zu verdanken. "Als erstes wird ja immer Bully eingeladen. Wenn der nicht kann, dann springe ich ein," erklärte Wetzel. "Es ist ja sein Film."

Dass Wetzel nicht als Ersatz für Bully eingeladen worden sei, bekräftigte auch Bürgermeister Michael Pöhnlein und schwärmte: "Das war das reinste Himmelfahrtskommando. Der Ballon war damals sogar über Nordhalben zu sehen und ich hätte nie gedacht, dass einer der Flüchtlinge einmal hier leibhaftig vor mir sitzen würde."

Wer sich für die Ballonflucht und Günter Wetzel interessiert, der kann alles unter www.ballonflucht.de nachlesen.

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