Kronach
Alter

Wo in Kronach Therapeuten auf vier Pfoten eingesetzt werden

Die jüngsten Mitarbeiterinnen in der Kronacher Tagespflege von Marina Pompe sind fünf Jahre alt - und gehorchen aufs Wort. Als Therapiebegleithunde nehmen sie eine besondere Rolle ein.
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Anni Neumann (83) begrüßt Labrador Retriever Zoe - die zweite ausgebildete Hündin in der Kronacher Tagespflege. Foto: Marian Hamacher
Anni Neumann (83) begrüßt Labrador Retriever Zoe - die zweite ausgebildete Hündin in der Kronacher Tagespflege. Foto: Marian Hamacher
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Ein paar Minuten muss sich Meiga noch gedulden. Den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, wartet die fünf Jahre alte Hündin mit dem kurzen weißen Fell geduldig auf ihrem Kissen. Und beobachtet. Beobachtet ihr Frauchen Marina Pompe. Beobachtet, wie diese zu einem Stapel Karten greift, die etwas größer sind als ein handelsüblicher Briefumschlag. Beobachtet die vier Menschen, die vor ihr in einem Stuhlkreis sitzen, deutlich älter als ihr Frauchen aussehen und nun der Reihe nach eine Karte vom Stapel ziehen. Doch Warten und Beobachten zählt nun einmal auch dazu. Das ist Teil ihres Jobs.

Seit drei Jahren arbeitet Meiga - ein spanischer "Ratonero Bodeguero Andaluz" - mehrmals die Woche als sogenannter Therapiebegleithund in den zwei Tagespflegeeinrichtungen ihres Frauchens in Kronach. In Schulen, Kindergärten oder Behinderteneinrichtungen sind Hunde, die eine solche sechs Monate dauernde Ausbildung durchlaufen haben, inzwischen immer häufiger anzutreffen. In der Tagespflege werden sie deutschlandweit hingegen bisher kaum eingesetzt.

In Kronach sind Meiga und ihre Labrador-Kollegin Zoe sogar die einzigen ausgebildeten und zertifizierten Therapiebe-gleithunde - und Pompe ist von den beiden Vierbeinern sichtlich begeistert. "Mit den Hunden können wir unsere Gäste super motivieren", sagt die 42-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin. "Die Tiere sind sozusagen unsere Werkzeuge." Denn oftmals fehle den Rentnern ein Anreiz, sich zu bewegen oder selbst einfachste Alltagstätigkeiten auszuführen. "Für den Hund machen sie aber plötzlich alles", erzählt Pompe fröhlich. "Sie schmieren Brote, bewegen sich oder backen mit uns Hundeplätzchen."

Keine zusätzlichen Kosten

Mitunter verleiten die Tiere gar zu ungeahnten Höchstleistungen, ergänzt Eva Bayer, Pompes Kollegin und Besitzerin von Zoe: "Wer sonst eigentlich keine fünf Schritte mehr ohne Hilfe gehen kann, kann auf einmal wieder laufen und geht dem Hund ein paar Meter entgegen, sobald er zur Tür hineinkommt." Zusätzliche Kosten entstünden ihren Gästen dadurch nicht. Es sei einfach nur ein mögliches Angebot, das genutzt werden darf. "Aber natürlich heben wir uns dadurch von anderen Tagespflegen ein bisschen ab", meint die 38-Jährige.

Zurück in der ersten von zwei Gruppensitzungen des Tages - in der Meiga noch auf ihren Einsatz wartet. Zunächst müssen nämlich die Teilnehmer in Vorleistung treten und ihr Wissen über Hunde abrufen. Mal ist eine Möhre auf den Karten zu sehen, mal ein Schnitzel, mal ein paar Grashalme. Pompes Frage ist immer dieselbe: "Dürfte Meiga das fressen?" Jetzt ist Wilhelma Thürmer an der Reihe. Der 85-Jährigen reicht schon ein kurzer Blick auf ihre Karte. Eine Schale Pommes Frites mit einem dicken Klecks Mayonnaise? "Allein wegen des ganzen Salzes würde ich einem Hund das schon nicht geben", sagt sie und bekommt für die richtige Antwort ein Hunde-Leckerli in die Hand gelegt.

Ein stetiges Wechselspiel

Das wandert kurze Zeit später zusammen mit den anderen erarbeiteten braunen Kringeln in einen Plastik-Zylinder, der sich um die eigene Achse drehen kann. Maiga lässt nicht zweimal bitten. Mit ihrer Pfote stupst die Hündin den Zylinder an und trippelt aufgeregt den herausgeschleuderten Hunde-Leckereien nach, ehe sie zurück aufs Kissen muss. Wieder heißt es Warten und Beobachten.

Nachdem die Teilnehmer an ihren kognitiven Fähigkeiten gearbeitet haben, geht es nun mit den motorischen weiter. Diesmal gib es für jeden Tennisball, der auf einem mit Klett überzogenen Brett hängen bleibt, ein Leckerli, das sich Meiga dann bei ihrem zweiten Einsatz verdienen darf. Es ist ein stetiger Wechsel. Erst muss der Mensch ran, dann der Hund.

Bis zu 45 Minuten dauert das Wechselspiel in einer Gruppensitzung. "Im Moment machen wir die fast täglich, mindestens aber zweimal die Woche", sagt Bayer. "Es gibt aber auch Einzelsitzungen, in denen wir dann noch einmal gezielter an bestimmten Defiziten arbeiten können." Das könne auch sein, den Hund nur zu bürsten.

Zwar stromern Meiga und ihre vierbeinige Kollegin Zoe den ganzen Tag durch die Tagespflege, holen sich von den Gästen kleine Krauleinheiten ab, länger als eine Dreiviertelstunde dürfen die Sitzungen aber nicht dauern. "Man darf nicht vergessen, dass das für die Hunde nicht nur körperlich, sondern auch geistig anstrengend ist", betont Pompe.

Fröhlicher und entspannter

Es ist nur einer der Aspekte, den sie und Bayer während der Therapiebegleithundeausbildung bei der Arbeitsgemeinschaft Mantrailing von Ausbilder Manfred Burdich beigebracht bekommen haben. "Generell ist jede Hunderasse als Therapiebegleithund möglich", erzählt die 42-Jährige. Allerdings müsse der Hund zeigen, dass er es schafft, mit stressigen Situationen umzugehen. Denn Tiere, die aus Reflex kurz zuschnappen, wenn ihnen jemand aus Versehen auf die Pfote tritt, haben keine Chance, einmal Therapiebegleithund zu werden.

Missen möchte Pompe ihre vierbeinigen Mitarbeiterinnen nicht mehr. "Es ist ein ganz anderes Klima im Raum, wenn die Hunde kommen. Viel fröhlicher und entspannter." Noch immer bekomme sie eine leichte Gänsehaut, wenn sie an den ersten Einsatz ihres Hundes zurückdenke. "Wir haben sie zu einer Frau ins Bett gelegt, die schwere Spastiken hat. Doch nachdem wir ihre Hände auf Meiga gelegt hatten, haben sich diese geöffnet und man hat richtig gemerkt, wie sich die Frau entspannt hat." Vielleicht sind es Momente wie diese, an die auch Meiga denkt, wenn sie auf ihrem Kissen liegt und auf den nächsten Einsatz wartet.

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