Tschirn
Geschichte

Wie "König Fußball" Tschirn regierte

Auf ARD-alpha wird ein 1957 gedrehter Dokumentarfilm über einen Fußballverein im Frankenwald gezeigt. Er beleuchtet auch ein deutsch-deutsches Phänomen.
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So sah das Fußballtraining im Jahr 1957 aus. Repro: Michael Wunder
So sah das Fußballtraining im Jahr 1957 aus. Repro: Michael Wunder
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Richard Dill beobachtete in seinem Dokumentarbericht aus dem Jahr 1957 eine ganze Woche lang einen Fußballverein im Frankenwald, wie sie feiern, trinken, Karten spielen und trainieren, und er beobachtet sie bei der Arbeit. Bei einigen Fußballern ist das allerdings nicht möglich, denn diese arbeiten in einem Schieferbruch im nahegelegenen Lehesten in der ehemaligen DDR, dort hatte man zu dieser Zeit einen Facharbeitermangel. Daher ist dieser Film über den Dorf-Fußball auch ein ganz herausragendes Zeitdokument. Ausgestrahlt wird "König Fußball" am 8. Juni um 20.15 Uhr auf ARD-alpha in der Sendereihe "retro".

Es beginnt mit schönen Aufnahmen aus dem Jahr 1957 vom Kreisligaspiel Tschirn gegen Hirschfeld im Fränkischen - mit flotter Musik und durchhängenden Torlatten! Aber das ist nur der Beginn, Richard Dill beobachtete eine ganze Woche lang den SV Tschirn, dessen Mitglieder und aktive Spieler. Der Schuster nagelt noch per Hand die Stollen in die Kickstiefel und die gegnerischen Spieler aus dem Nachbardorf werden zum Derby am Sonntag mit dem Traktor angekarrt: auf dem Anhänger sitzend und bereits siegesgewiss singend. Das ist alles herrlich zeittypisch auf Film gebannt und wäre ganz normal.

Aber es gibt in diesem Film noch etwas, das ihn weit über einen normalen Dokumentarfilm zum Thema "Fußball auf dem Dorf" hinaushebt. Ein Teil der Spieler arbeitet nämlich in einem Schieferbruch hinter dem nächstgelegenen Hügel. An sich nichts Ungewöhnliches in dieser Gegend Deutschlands, läge dieser Schieferbruch nicht in Lehesten im Thüringer Wald und damit in der DDR. Aufgrund des Facharbeitermangels importierte man Fachkräfte für die Arbeit im Schieferbruch aus der BRD und bezahlte sie auch in Westmark. Die Kamera durfte den Spielern im Bus nur bis zur Grenze folgen, dann mussten die Filmleute aussteigen. Dieses Phänomen war einmalig und dauerte bis zum Bau der Mauer im Jahr 1961.

Einige der Westarbeiter wurden damals sogar für "vorbildliche Produktionsleistungen" als "Aktivisten des Fünfjahrplans" ausgezeichnet! Als die DDR am 27. Mai 1952 das sogenannte "Neue Grenzregime" mit Stacheldraht, Sperrzonen und intensiver Überwachung an der Demarkationslinie errichtete, vertiefte sich der Graben zwischen beiden Teilen Deutschlands für Tausende von Grenzgängern zu einem unüberwindlichen Hindernis. Überraschenderweise ist jedoch im "Neuen Deutschland" vom 8. Dezember 1955 unter der Schlagzeile "Bayrische Arbeiter tragen die Aktivistennadel" nachzulesen, dass 117 Facharbeiter aus Oberfranken seit Januar 1955 allmorgendlich aus ihren Dörfern den oft beschwerlichen Weg bis zu 18 km zurücklegen, um in den thüringischen Schiefergruben ihr Tagewerk aufzunehmen. Ermöglicht habe diesen einzigartigen Fall von Grenzpendelei an der innerdeutschen Grenze eine Vereinbarung, die nach langwierigen Verhandlungen zwischen Regierungsvertretern der Bundesrepublik und der DDR getroffen worden sei. Sicher ein Kuriosum in der Geschichte deutsch-deutscher Zweistaatlichkeit, jedoch zeigt sich hier, dass trotz der voranschreitenden Entfremdung beider deutscher Staaten unter bestimmten Umständen eine Revitalisierung traditioneller Strukturen und Bindungen möglich war.

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