Neundorf
Ermittlungen

Wie kam die Lauge in die Flasche? Die Geschichte eines realen fränkischen Bierkrimis

In einer Brauerei in Mitwitz (Landkreis Kronach) spielt sich derzeit eine waschechte Seifenoper ab. Wegen zwei verunreinigten Flaschen musste die große Rückrufaktionen starten. Die Behörden ermitteln, der Besitzer vermutet Sabotage. Ein Kriminalfall in mehren Akten.
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Will jemand der Franken Bräu aus Mitwitz schaden? Inhaber Rainer Mohr (links) und Brauer André Knauer kontrollieren die Anlage mehrmals täglich: "Lauge stammt nicht von uns." Wer steckt dann dahinter? Foto: Ronald Rinklef
Will jemand der Franken Bräu aus Mitwitz schaden? Inhaber Rainer Mohr (links) und Brauer André Knauer kontrollieren die Anlage mehrmals täglich: "Lauge stammt nicht von uns." Wer steckt dann dahinter? Foto: Ronald Rinklef
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Zweimal kurz hintereinander musste die Franken Bräu aus Mitwitz (Landkreis Kronach) je Zehntausende Bügelflaschen zurückrufen, weil in zwei davon Rückstände von Waschlauge gefunden worden sind. Der Besitzer sieht sich als Opfer eine Rufmord-Kampagne, Doch wer sind die Täter? Und welche Motive könnten die haben? Ein Kriminalfall in mehreren Akten: 1. Zwei Flaschen, zwei Tatorte 23. August 2019, Forchheim: Ein Mann aus dem dortigen Landkreis gibt eine Bügelflasche aus dem Sortiment der Franken Bräu im Landratsamt ab. Vorwurf: Verunreinigung durch Lauge. Solche, wie sie in Flaschenwaschmaschinen von Abfüllanlagen verwendet wird. Vorsorglich ruft die Brauerei die gesamte Charge des Bieres zurück. Eigentlich im Stillen, wie mit den Behörden vereinbart. Ein Großkunde bringt die Aktion aber an die Öffentlichkeit, erst zu spät gibt ein Laborbefund Entwarnung: Es besteht keine Verbindung zur Abfüllanlage in Mitwitz. Doch da liegt des Rufes Kind bereits im Brunnen. Geschätzter wirtschaftlicher Schaden: sechsstellig.

10. September, Hof: Kurz darauf findet eine weitere verunreinigte Flasche mit dem Logo der Franken Bräu den Weg zum Gesundheitsamt - diesmal in Hof. Wieder großer Rückruf, wieder Verluste, wieder Labor, wieder Entwarnung. Allerdings weniger eindeutig als beim ersten Mal: Das Landesamt für Lebensmittelsicherheit und Gesundheit (LGL) erkennt Ähnlichkeiten der Vergleichsproben, spricht ihnen aber eine "eindeutige Identität" ab. 2. Woher kommt die Lauge? In beiden Fällen spricht die Laboruntersuchung gegen eine Schuld der Brauerei. Rainer Mohr, Geschäftsführer der Franken Bräu, wundert das nicht. Etwa 40 000 Flaschen verlassen die Brauerei am Tag. Mehrfach pro Schicht werde die Laugenkonzentration in der hauseigenen Flaschenwaschanlage untersucht, bisher ohne Befund, sagt er.

Wenn die Lauge nicht aus Mitwitz stammt, woher dann? Will jemand Mohr schaden? Ein ehemaliger Mitarbeiter mit Wut im Bauch? Ein Fremder? Liegt eine persönliche Fehde zugrunde? Oder ist es am Ende ein neidischer Konkurrent?

3. Die Suche nach dem Täter Zumindest Letzteres kann Mohr ausschließen. "Wir Brauer sitzen alle in einem Boot." Ist er Zufallsopfer eines Bierhassers? Eher unwahrscheinlich. Auch an einen internen Saboteur glaubt Mohr nicht. "Die Lauge kam ja nicht von uns." Und doch wittert er Verrat, schon seit Anfang des Jahres werde er manipuliert. Mal ist die Homepage "plötzlich verschwunden", mal werden "Hetzkampagnen" gegen die Qualität des Bieres auf dem Kronacher Freischießen gestartet. Dann reicht es der Brauereispitze: Mit einer emotionalen Nachricht droht die Franken Bräu in den Sozialen Medien, jegliche Verleumdungen zur Anzeige zu bringen.

Wer zieht die Fäden der Seifenoper? Der Geschädigte hält mit Vermutungen nicht hinter dem Berg. "Die Aktion soll mich schädigen", sagt er. Denn neben den angezeigten Sabotageversuchen sieht er sich als Opfer einer Rufmord-Kampagne. Ist am Ende also nur eine persönliche Fehde mit der Person Rainer Mohr das Motiv der Laugenpanscherei? 4. Vermutung 1: Rache der Ex-Kollegen Rainer Mohr hat die laut eigener Aussage im "Schönheitsschlaf schlummernde" Firma 2015 erworben. Seither hat sich der Getränkefachgroßhändler aus der Pfalz mit seinen Zukunftsplänen nicht viele Freunde im Frankenwald gemacht. Ehemalige Mitarbeiter beschreiben ihn als cholerisch und herrisch, sagen ihm Affären nach. Immer wieder kommt es zu Streitigkeiten. "Er hat fast alle Mitarbeiter ausgetauscht", sagt Manfred Zwosta. Er war selbst 25 Jahre lang dabei, zuletzt Betriebsratsvorsitzender. Dann das Aus. "Viele warten noch auf ihr Geld und sind deshalb sogar vor Gericht gezogen", erzählt er. Zwosta würde die Hand ins Feuer legen für die Ex-Belegschaft. "Keiner hat die Absicht, Franken Bräu zu schaden." 5. Vermutung 2: Der Vertragspartner Den Namen will Rainer Mohr nicht sagen. "Noch nicht." Aber seit geraumer Zeit hat er Ärger mit einem Kunden aus dem Forchheimer Umland. Der wolle unbedingt raus aus dem Vertrag, so Mohr. Da hat er die Rechnung jedoch ohne den resoluten Brauerei-Chef gemacht - der liefert unbeirrt weiter. "Vertrag ist Vertrag!" Glücklich sind beide Seiten mit dieser Situation - mutmaßlich - nicht. Doch wie weit würde Mohrs geheimnisvoller Kunden-Kontrahent gehen? 6. Stand der Ermittlungen Aktuell liegen der Staatsanwaltschaft Coburg zwei Anzeigen vor: Eine, in solchen Fällen Standard, von den Behörden gegen die Brauerei erstattete, und eine von Mohr selbst - gegen unbekannt. Stand der Ermittlungen? Geheim. "Wir können nichts dazu sagen", teilt Johannes Tränkle mit, Sprecher der Staatsanwaltschaft Coburg. Jetzt heißt es vorerst abwarten. 7. Der Brauereichef schäumt Rainer Mohr ist wütend. Auch wenn er es zu verbergen sucht; der Laugen-Skandal nagt an ihm. Nicht nur die wirtschaftlichen Verluste der beiden Rückrufaktionen und der damit verbundene, wohl irreparable Imageschaden ("Kunden springen ab") tun ihm, dem Geschäftsführer, weh. Auch persönlich sei die Situation schwer auszuhalten. "Aber ich lasse mich nicht unterkriegen", sagt Mohr.

Einhundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben

Überwachung Die Herstellung von Lebensmitteln bewegt sich in einem engen gesetzlichen Rahmen.

Sicherung "Wenn Bier eine Brauerei verlässt, dann ist es es in der heutigen Zeit sicher", sagt Karl-Heinz Pritzl, langjähriger Vizepräsident des Bayerischen Brauerbundes. In der Regel greifen sogar zwei hochtechnisierte Mechanismen, um die Qualität zu garantieren. Einhundertprozentige Sicherheit gebe es aber nie. "Eine nachträgliche Manipulation ist immer möglich."

Bekannte Fälle sind ein Mann aus Pottenstein, der sich vor drei Jahren schwere Verletzungen an einer manipulierten Flasche von Mönchshof zuzog oder die vergifteten Babygläschen, mit denen vor zwei Jahren Lidl, Aldi, Rossmann und dm erpresst worden sind.

Internetportal Die Bundesländer oder das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit publizieren öffentliche Warnungen im Internet. Diese findet man unter www.lebensmittelwarnung.de.

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