Steinwiesen
Humor

Wie ein Verein Steinwiesens Bürgermeister einen dicken Strich durch die Rechnung machte

Kaputte Glühbirnen für die Dunkelkammer oder ein eigener Kandidat bei der Bürgermeisterwahl - an Ideen man- gelte es dem Steinwiesener Lügensagerverein nie. Stets nach dem Motto: "Der Lüge zur Ehr, der Wahrheit zur Wehr."
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Zwar stand sein Name gar nicht auf dem offiziellen Stimmzettel, trotzdem erhielt Hans Franz 1989 bei der Steinwiesener Bürgermeisterwahl an die 400 Stimmen. Den Kandidaten des Lügensagervereins fügten die Wähler einfach handschriftlich hinzu. Einer der Slogans auf seinen Wahlplakaten: "Vor dem Schnäuzen Hans Franz ankreuzen". Foto: Marian Hamacher
Zwar stand sein Name gar nicht auf dem offiziellen Stimmzettel, trotzdem erhielt Hans Franz 1989 bei der Steinwiesener Bürgermeisterwahl an die 400 Stimmen. Den Kandidaten des Lügensagervereins fügten die Wähler einfach handschriftlich hinzu. Einer der Slogans auf seinen Wahlplakaten: "Vor dem Schnäuzen Hans Franz ankreuzen". Foto: Marian Hamacher

Unscheinbarer kann ein Mitgliedsausweis wohl kaum aussehen. Zumindest auf den ersten Blick. Lediglich der Vereinsname prangt in blassen grauen Buchstaben auf der ersten Seite: LSV. Darunter in etwas kleinerer Schrift der zugehörige Ort: Steinwiesen. Wer angesichts der Abkürzung an die Worte "Leichtathletik" oder "Sport" denkt, dürfte sich allerdings irritiert am Kopf kratzen. Zu finden sind in dem beigen Dokument neben dem Namen und Geburtsdatum des Inhabers schließlich auch Angaben zur Kopf- und Schuhgröße sowie die Mundweite.

Ob die aber alle wahrheitsgemäß sind? "Der Inhaber dieses Ausweises ist berechtigt, in allen Wirtshäusern Grimassen zu ziehen, zu stänkern, sich in andere Angelegenheiten einzumischen ", heißt es unter anderem auf der letzten Seite und mündet in der fettgedruckten Aufforderung "Lügen sagen ist Pflicht!" Denn LSV steht für Lügensagerverein.

Vorzeigen müsste Hans Franz den ohnehin nicht ganz ernst gemeinten Ausweis wohl nirgends im Landkreis. Nach Jahrzehnten im Präsidium des Vereins ist der Name des Nurners fest mit dem LSV verbunden. Spätestens seit der Kommunalwahl 1989. Eine der wenigen Aktionen der Steinwiesener Lügensager, an denen nichts geflunkert war.

Wild plakatiert

Hans Franz trat tatsächlich gegen den langjährigen Steinwiesener Bürgermeister Reinhold Renk (SPD) an. "Er hatte damals keinen Gegenkandidaten, und es war klar, dass er erneut gewählt wird", erinnert sich der inzwischen 67-Jährige. "Da haben wir uns gedacht, einfach selbst einen Kandidaten aufzustellen."

Ein Parteiprogramm hatte der LSV zwar nicht - dafür aber äußerst eingängige Wahlwerbung. "Vor dem Schnäuzen Hans Franz ankreuzen" oder "Von Steinwiesen bis Kloster Banz - ein jeder wählt Hans Franz" plakatierten die Lügensager wild in den fünf Ortsteilen. "Eins haben sie mir sogar an meine eigene Scheune gehangen", sagt Franz und muss schmunzeln. Renk hingegen dürfte die Aktion damals alles andere als spaßig empfunden haben. "In seiner letzten Amtsperiode wollte er eigentlich 90 Prozent der Stimmen holen", erzählt Franz. "Durch mich kam er nur auf etwa 80."

Ungültiger Stimmzettel

Dabei stand der Nurner gar nicht auf dem offiziellen Wahlzettel. Wer Franz wählen wollte, musste seinen Namen handschriftlich hinzufügen. Was an die 400 Steinwiesener auch taten. Gefährlich wurde der Spaß-Kandidat dem Amtsinhaber freilich nicht, in den beiden Nurner Wahllokalen ging es aber äußert knapp zu.

Der Heimvorteil sorgte dafür, dass Franz auf 98 Stimmen kam. Eine weniger als Renk. "Eigentlich hätte ich da auch auf 99 Stimmen kommen können", erinnert sich der 1989 38 Jahre alte Franz. "Aber jemand hatte nicht nur meinen Namen auf den Zettel geschrieben, sondern auch ,Renk, der Schuldenmacher‘ Dadurch wurde der Stimmzettel dann ungültig."

Die Folgen seiner Kandidatur: Zahlreiche belustigte Steinwiesener Wähler und ein leicht angefressenes Ehepaar Renk. "Seine Frau hat daraufhin bestimmt ein Dreivierteljahr nicht mehr mit mir gesprochen."

Doch der LSV blieb auch anschließend Gesprächsthema. Meist dreimal pro Jahr. "Immer zu unseren Nationalfeiertagen", erzählt Franz und meint damit den Faschingsdienstag, den 1. April und den närrischen 11.11. Wobei die größte Vorbereitung wohl für den ersten der drei Termine anfiel - der Faschingsdienstagslügensagervereinsgeneraljahreshauptvollversammlung im Steinwiesener Vereinslokal "Grüner Baum". Wenn man so will, einer Verballhornung der klassischen Jahreshauptversammlungen. "Wir hatten ein fertiges Programm mit Büttenreden und Sketchen", sagt Franz. "Im Grunde waren wir der Ursprung der Steinwiesener Faschingssitzungen." Kein Wunder also, dass der langjährige LSV-Präsident Rudi Bienlein gleichzeitig auch das oberste Amt der Faschingsgesellschaft innehatte.

Kuriose Enten

Zum 1. April und 11. November versorgte Franz - der seit 50 Jahren auch als Berichterstatter für den Fränkischen Tag arbeitet - die lokalen Zeitungen mit den kuriosesten Enten. Und nicht immer schien den Lesern klar, ob das nun ernst gemeint war, was sie über den LSV in der morgendlichen Ausgabe lasen.

Als der Verein verkündete, einige Grundstücke kaufen zu wollen, um Steinwiesen so an die Autobahn anzuschließen, folgten zahlreiche Bürgerproteste. "Wir haben halt aktuelle Ereignisse aufgegriffen und verdreht", sagt Franz. "Es hätte also auch alles wahr sein können." Frei nach dem selbst gewählten LSV-Motto: "Der Lüge zur Ehr, der Wahrheit zur Wehr."

Bürgerengagement war hingegen unter anderem 1982 gefragt. Um eine eigene Dunkelkammer einrichten zu können, brauche der Verein kaputte Glühbirnen. "Je mehr wir hätten, desto dunkler würde die Kammer werden können."

Auf schwache Birnen von 15 bis 40 Watt könne wegen deren geringer Dunkelheit aber kein Wert gelegt werden. Wer allerdings kaputte Birnen mit mindestens 150 Watt im Grünen Baum abgebe, erhalte einen halben Liter Bier. "Da sind tatsächlich einige gekommen", sagt der 67-Jährige, der damals erst wenige Jahre mit dabei war.

Eine neue Generation

Lauschte er mit Freunden zunächst den alten LSV-Recken, wurden 1976 aus den Zuhörern mehr und mehr die Protagonisten. Die nächste Lügensager-Generation übernahm den in den 30er Jahren gegründeten Verein. An Ideen mangelte es nicht. "Da haben wir uns fast jeden Montag im Grünen Baum getroffen", erzählt Franz, der den Posten des LSV-Außenbezirksministers übernahm. "Die besten blöden Ideen habe ich dann aufgeschrieben und wir haben sie im Präsidium ausgearbeitet."

Nicht mehr aktiv

Inzwischen ist es ruhig um den LSV geworden. Zuletzt tauchte er vor zwei Jahren beim Steinwiesener Faschingsumzug auf. Aktionen gab es seitdem keine mehr. Nicht zum 1. April, nicht zum 11.11. und auch nicht zum Faschingsdienstag. "Den Verein gibt es noch, er ist aber nicht mehr aktiv", so Franz. Ab und zu würden sich die sieben verbliebenen Mitglieder des Präsidiums noch treffen, geplant werde aber nichts mehr. "Wir sind wahrscheinlich inzwischen auch zu alt", meint der Nurner. "Jetzt ist die nächste Generation dran." Und wer weiß? Die nächsten Kommunalwahlen stehen bekanntlich vor der Tür.

Zwei Lieder

Vorläufer: Die Veranstaltungen des Lügensagervereins (LSV) können als Vorläufer der späteren Steinwiesener Faschingssitzung angesehen werden. Kein Wunder, dass der LSV gleich zwei Lieder auf Lager hatte, um die Stimmung auf das richtige Level zu hieven - oder am Kochen zu halten. LSV-Lied: Gesungen wird es auf die Meldie des Liedes "Wo die Nordseewellen": Uns ist alles, alles einerlei,/ unsre Wahrheit ist die Lügensagerei./ Wo man aufbind' Bären/ und man merkt es kaum,/ da ist unre Heimat,/ hier im Grünen Baum. LSV-Hymne: Staatstragend gesungen auf die Melodie der Bayernhymne oder des Deutschlandlieds. Gott mit Euch, Ihr Lügensager,/ nutzet Eueren Verstand./ Bindet auf den Leuten alles,/ wenn's auch nicht hat Fuß und Hand./ Lüget ehrfurchtsvoll und weise,/ lüget oft und auch gewandt,/ lüget laut und nicht zu leise/ in dem bayrisch Lügenland.

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