Reichenbach
Solidarität

Wie die Reichenbacher Asylbewerbern helfen

In Reichenbach engagieren sich mehrere Bürger ehrenamtlich für Asylbewerber im Ort. Eine gibt Deutschunterricht, einer macht macht Ausfahrten mit dem Oldtimer - und ein Vermieter tut eine Menge mehr, als er müsste.
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Monika Löffler unterrichtet Ahmad (links) und Jamil am Küchentisch eines Hauses in Reichenbach. Das tut sie in ihrer Freizeit.  Foto: Hendrik Steffens
Monika Löffler unterrichtet Ahmad (links) und Jamil am Küchentisch eines Hauses in Reichenbach. Das tut sie in ihrer Freizeit. Foto: Hendrik Steffens
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Mit der Aussprache von "Fahrrad" hat Jamil noch Probleme. Ahmad notiert den Satz so, wie er ihn versteht - in einer Art Lautschrift aus arabischen Zeichen. "Fährst Du gerne Fahrrad?", fragt Monika Löffler noch mal langsam, erst auf Deutsch und dann auf Englisch.

Deutschunterricht in einer holzvertäfelten Küche in Reichenbach. Draußen liegt Schnee, die Heizung brummt leise, auf dem Tisch stehen Teebecher. Jamil und Ahmad (beide 35) schreiben auf, was Monika Löffler vorspricht. Dann zeigt sie ihren Schülern die korrekte Schreibweise in lateinischen Buchstaben. Englisch ist die sprachliche Brücke zwischen Deutsch und Arabisch. Auf ihr wandeln die beiden Syrer. Und wenn sie stocken, helfen Bilder oder die Übersetzungsfunktion eines Smartphones weiter.

Löffler bekommt kein Geld für den Unterricht, sie gibt ihn ehrenamtlich (zusätzlich zu dem Unterricht, der von offizieller Seite für Flüchtlinge im Landkreis organisiert wird). Alle zwei Tage etwa, sofern sie die Zeit findet. Die nimmt sie sich meistens. "Sie brauchen ja Hilfe. Sie kennen sich nicht aus, wenn sie aus vollkommen anderen Kulturen herkommen", sagt Löffler. Im Mittelpunkt eines Pressegesprächs zu stehen, ist ihr sichtbar unangenehm.

Für den Deutschunterricht schafft sie auf eigene Kosten Materialien an: Stifte, Hefte, Lern-CDs. Seit zwei Jahren sammelt sie außerdem Kleidungsstücke und Spielzeug in der Familie und bei Freunden, hat ein kleines Lager angelegt. "Bevor ich für Organisationen spende, die ich nicht kenne, gebe ich hier ein bisschen", sagt sie. Die Option, nichts zu geben, kommt ihr nicht in den Sinn.

"Wenn jemand Hilfe braucht: Die Frau Löffler springt", sagt Karl Ehrhardt und lacht. Ihm gehört das Haus, in dessen Küche die Reichenbacherin Deutsch lehrt. Es ist eines von zwei Gebäuden, die der Rothenkirchener in Reichenbach gekauft, saniert und zur Nutzung durch Flüchtlinge bereitgestellt hat. Eines vor 20 Jahren, das andere vor zwei. Der Rothenkirchener vermietet die rund 400 Quadratmeter Wohnfläche mit Platz für 35 Asylbewerber an das Landratsamt. 24 Flüchtlinge aus dem Irak, Kosovo und Syrien leben dort im Moment. Aber das ändert sich ständig.

Ehrhardt will mehr sein als ein Vermieter. Er sieht sich als Ansprechpartner und sogar als Freund der Asylbewerber in seinen Häusern. Ob es der Wahrheit entspricht oder nicht, sei dahingestellt. Aber der wuchtige Hüne, der schnell spricht und viel lacht, gibt Gründe, ihm zu glauben.

Hilfe ist keine Einbahnstraße

Denn in jedem Fall ist Ehrhardt ein Organisator und ein Kommunikator. Er verschafft "seinen" Hausbewohnern Kontakt. Etwa zu Monika Löffler, die er vor zwei Jahren in der Notaufnahme der Frankenwald-Klinik traf. Ehrhardt war mit einem Asylbewerber, der krank war, dort. Man kam ins Gespräch und blieb es. Auch Hans Gäbler, einen langjährigen Bekannten aus Reichenbach, holte Ehrhardt ins Boot der Helfer.

Der Oldtimer-Fan macht in seinem Nissan 300 ZX im Sommer Touren mit den Kindern von Asylbewerber-Familien. Einmal brachte ihm ein Junge auch sein kaputtes Fahrrad, das Gäbler wieder hinbog. "Ich hab' das Werkzeug und weiß, wie das geht. Wieso also nicht?", meint er und weist in den hinteren Teil seiner Garage mit den Werkzeugkästen, etwas abseits seines zugedeckten Oldtimers.

Dass sich einige Deutsche gegen die Zuwanderung von Ausländern, insbesondere Moslems, wehren und organisieren, erklärt er sich so: "Sie haben Angst vor dem, was sie nicht kennen und nicht verstehen." Einige fürchteten um ihre Jobs, andere die Sprachbarriere, die jede Verständigung erschwert.

Die Hilfe, die den Gestrandeten in Erhardts Häusern zuteil wird, sei übrigens keine Einbahnstraße, erwähnt Gäbler. Wenn er zupackende Hände bräuchte, wisse er, dass er sie bei den Bewohnern fände. Als es noch wärmer war, pflegten sie unter anderem ein öffentliches Blumenbeet.

Karl Ehrhardt nennt weitere Menschen, die den Asylbewerbern in seinen Häusern helfen: Die Bürgermeisterin Karin Ritter, die Vorsitzende des Kindergarten-Trägervereins, Kerstin Seitz, sowie "viele Nachbarn und Freunde". Reichenbach sei ein sicherer, friedvoller Platz, an dem Flüchtlinge freundlich und liebevoll aufgenommen würden. Er betont das mehrfach, um "in Zeiten von Pegida ein positives Zeichen zu setzen", wie er sagt.

Allerdings, räumt er ein, sei die gute Atmosphäre in Reichenbach kein Selbstläufer. "Ich achte drauf, dass Probleme angesprochen werden", sagt Ehrhardt. Als Kinder aus einem seiner Häuser mal die Treppe eines Nachbarn als Schlittenbahn missbrauchten, war der wütend. Nachdem Ehrhardt aber die Mutter der Kleinen dazu brachte, sich förmlich für ihren Nachwuchs zu entschuldigen, verflog der Ärger. Probleme gebe es ständig irgendwo. Aber eben oft auch Lösungen. "Frieden geht nur, wenn man sich darum bemüht", sagt Ehrhardt.

Als Kurde auf der Todesliste

An Frieden sind Jamil und Ahmad, die beiden Syrer in der Küche in dem Haus in Reichenbach, wohl mehr interessiert, als sich der Durchschnittsdeutsche vorstellen kann. Ahmad ist kurdischer Abstammung. "In meiner Heimatstadt Aleppo fragen sie dich: Bist Du Kurde oder Araber?", sagt er auf englisch. Und fährt sich mit dem Daumen von Ohr zu Ohr über die Kehle. Das sei so, seit die "fanatischen Moslems", wie er sie nennt, ihr Unwesen trieben. Ahmad ist selbst Moslem. Trotzdem wäre er vom "Islamischen Staat" getötet worden. Und dann sei da noch Assad, meint Jamil. Dessen Truppen stießen immer wieder mit anderen Kampfparteien aufeinander. Jamil nimmt das Smartphone zu Hilfe, um zu übersetzen. Die Gegend um Damaskus, seine Heimat, sei ein einziges Chaos, schreibt Jamil und deutet mit der Hand an, wie Raketen einschlagen. Er ist hier vorerst in Sicherheit, aber seine Frau und seine drei Kinder sitzen in Libyen fest. Er will sie holen, irgendwie, in ein sicheres Haus wie das in Reichenbach.

Hilfe organisieren

Obwohl bereits viele Reichenbacher bei der Versorgung und Integration der Flüchtlinge in Reichenbach behilflich sind, freut Karl Erhardt sich über jede Unterstützung. Als Sachgüter werden insbesondere Geschirr und Handtücher benötigt. Auch über alte Fahrräder würden sich die Flüchtlinge freuen, wie Erhardt meinte.

Reich als "Asyl-Vermieter"?

Für Immobilienbesitzer kann Asyl zum Geschäft werden. Regierungen und Landratsämter suchen dieser Tage händeringend nach Unterbringungsmöglichkeiten für den Strom an Flüchtlingen. So auch das Kronacher Landratsamt. Und gratis gibt freilich kein Vermieter seinen Wohnraum her. Auch Karl Ehrhardt nicht.

Der Rothenkirchener hat zigtausende Euro in den Kauf und die Sanierung seiner zwei Häuser in Reichenbach investiert. Da ist es nur logisch, dass er eine Miete sowie die Kosten für Energie und Wasser bezieht. "Aber reich werde ich damit nicht", will er klarstellen.

Bernd Graf, Sprecher des Landratsamtes, umreißt die Vergütung: "Die Mietzahlung ist in der Regel höher als die ortsübliche Miete, was durch besondere Bedingungen und Aufwendungen bei dieser Art der Wohnraum-Bereitstellung begründet ist." Konkrete Zahlen nennt er nicht. Reichenbachs Bürgermeisterin Karin Ritter (SPD) kann auf Nachfrage keinen Durchschnitts-Mietpreis für die Gemeinde nennen.

Wenn allerdings Schäden an Inventar oder dem Haus selbst entstehen, relativiert Erhardt die Mieteinnahmen, müsse er dafür selbst aufkommen. Erst vor kurzem brach in einem der Häuser ein Heizkörper aus der Wand. An einem Sonntag sickerte Wasser durch den Fußboden. "So etwas kann dann mehrere Monate Mieteinnahmen kosten", sagt Ehrhardt. Wie viel er vom Landratsamt bekommt, will er nicht verraten.

Ehrhardt steht nur in der Pflicht, die Bewohner "nach zeitgemäßen humanitären Maßstäben und angemessen unterzubringen", also "hygienische und platzmäßige Mindeststandards einzuhalten", wie das Landratsamt mitteilte. Die Begleitung bei Arztbesuchen, die Organisation von Helferkreisen und Beschäftigung mit Flüchtlingen werden nicht vergütet.
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